Thrombose (Illustration)
Thrombose (Illustration)

Bildquelle: Scientific Animations (CC BY-SA 4.0)

Risiko für Thrombosen, Lungenembolien, Schlaganfälle

COVID-19: "Stille Opfer" durch geschädigte Gefäße

Ist COVID-19 eine Gefäßerkrankung? Anfangs als reine Lungenkrankheit betrachtet, deuten immer mehr Studien darauf hin, dass eine COVID-19-Erkrankung die Blutgefäße schädigt und Gefäßerkrankungen wie Thrombosen, Lungenembolien oder Schlaganfälle begünstigt.

Mögliche Ursachen und der aktuelle Stand der Forschung waren Thema auf der Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG). Dort diskutierten die DGG-Experten außerdem über eine Zunahme von Fußamputationen als Folge der Corona-Pandemie.

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Corona-Diagnostik

COVID-19-Bildgebung: Lungenembolien im CT

Eine häufige Komplikation von COVID-19 sind Pulmonalembolien. „Den Verschluss eines arteriellen Lungengefäßes durch ein Blutgerinnsel sehen wir bei COVID-19-Patienten in der Bildgebung sehr häufig“, berichtet Assoc.-Prof. Dr. Helmut Prosch, Bereichsleiter für Thoraxradiologie an der Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin der Medizinischen Universität Wien.

Immer mehr Studien belegen, dass COVID-Patienten ein deutlich erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen haben. „Dazu zählen Thrombosen, Lungenembolien oder schwere Durchblutungsstörungen in Beinen und Armen“, sagt Professor Dr. Markus Steinbauer. Im schlimmsten Fall können diese sogar tödlich verlaufen. „Die Sterblichkeit von COVID-Patienten mit Thrombose, die intensivmedizinisch betreut wurden, lag in einer Studie bei rund 50 Prozent“, erklärt der Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg.

Untersuchungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf von Verstorbenen mit COVID-19 ergaben zudem, dass mehr als 58 Prozent einen Verschluss der Unterschenkelvenen aufwiesen, die zuvor im klinischen Befund nicht aufgefallen waren. Ein Drittel der Patienten verstarb an einer Lungenembolie. „Warum sich bei COVID-Patienten Gefäßerkrankungen und vor allem Thrombosen häufen, ist noch nicht klar“, sagt Steinbauer. Die genauen Ursachen für die Gefäßschädigungen müssten erst noch wissenschaftlich aufgearbeitet werden, so der DGG-Experte. 

Zahlreiche Kliniken berichten davon, dass sich Patienten mit Durchblutungsstörungen so spät vorgestellt haben, dass eine Fußamputation nicht mehr zu umgehen war

Dittmar Böckler

Als eine Möglichkeit diskutieren Experten, dass das Blut bei Infizierten stärker gerinnt. Außerdem schädigt das Virus offenbar die innere Zellschicht der Blutgefäße und führt zu Entzündungen oder sogar zum Absterben der Gefäße. „Bei der Behandlung von COVID-Patienten, insbesondere auf Intensivstationen, sollte daher besonders auf Gefäßerkrankungen geachtet und auch der Einsatz von Blutverdünnern erwogen werden“, erläutert der Regensburger Gefäßchirurg. Erste Studienergebnisse deuten Steinbauer zufolge an, dass eine solche Therapie die Sterblichkeit unter COVID-Patienten deutlich reduzieren kann.

Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen und Kapazitäten in den Krankenhäusern zu schaffen, wurden ab März dieses Jahres nicht unbedingt notwendige Untersuchungen und Behandlungen zunächst aufgeschoben. „Aus Angst vor einer SARS-CoV-2-Infektion haben leider auch viele Patienten mit chronischen Durchblutungsstörungen der Beine Vorsorgetermine nicht wahrgenommen“, sagt Professor Dr. Dittmar Böckler, Präsident der DGG. Die Folgen seien in manchen Fällen schwerwiegend. „Zahlreiche Kliniken berichten davon, dass sich Patienten mit Durchblutungsstörungen so spät vorgestellt haben, dass eine Fußamputation nicht mehr zu umgehen war“, erklärt der Ärztliche Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Vor diesem Hintergrund betont der DGG-Experte die große Bedeutung der Vorsorgeuntersuchungen für Patienten mit chronischen Durchblutungsstörungen, wie sie etwa bei einem Diabetischen Fußsyndrom (DFS) auftreten. „Allein das DFS führt hierzulande jährlich zu über 40.000 Amputationen. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich leider im oberen Bereich“, sagt Böckler. Viele dieser Eingriffe könnten durch eine konsequente Prävention, die rechtzeitige Diagnostik und eine interdisziplinäre Therapie verhindert werden.

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Diabetes: "Fußpass" soll Amputationen verhindern

Das diabetische Fußsyndrom (DFS) verursacht jährlich rund 40.000 Amputationen in Deutschland. Rund die Hälfte könnte durch vorherige Präventionsmaßnahmen und alternative medizinische Therapien begrenzt oder gar verhindert werden, doch diese sind nicht immer allen Betroffenen und Behandelnden bekannt.

Um die Prävention von Amputationen wegen DFS in der Praxis zu verbessern, unterstützt die DGG zudem den kürzlich eingeführten „Fuß-Pass“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Der Pass gibt Auskunft über das individuelle DFS-Risiko eines Patienten, sodass die Untersuchungsintervalle entsprechend gestaltet werden können. Außerdem habe jeder Patient vor einer Amputation das Recht, eine unabhängige Zweitmeinung einzuholen. „Unabhängig von der Pandemie-Situation sollte keine Amputation ohne eine eingehende Untersuchung der Gefäße durch einen Gefäßmediziner oder Gefäßchirurg vorgenommen werden,“ fordert DGG-Präsident Böckler. Denn die Gefäßchirurgie bietet vielfältige Methoden, um die Durchblutung etwa eines Beines wieder zu verbessern und so eine Amputation zu verhindern.


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG)

23.10.2020

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