Time for a revolution?

Vom Ende der Medizin, wie wir sie kennen...

Viele Forscher und Experten gehen momentan davon aus, dass die nächste große sozio-ökonomische Revolution eine komplette Neudefinition von Gesundheit und wie wir Krankheiten definieren und therapieren beinhalten wird. „Unser heutiges Gesundheitssystem ist in der bestehenden Art nicht mehr lange aufrecht zu erhalten. Es ist zu teuer und zu uneffektiv geworden“, ist Professor Harald Schmidt, Leiter der Abteilung für Pharmakologie und personalisierte Medizin, Fakultät für Gesundheit, Medizin und Lebenswissenschaften, Universität Maastricht, überzeugt.

Interview: Sascha Keutel

Herr Professor Schmidt, Sie prophezeien das Ende der Medizin, wie wir sie kennen. Wie begründen Sie diese These?

portrait of harald schmidt
Prof. Harald Schmidt hält eine Karte des sogenannten "human disease network" hoch. Er ist davon überzeugt, dass die Gesundheitsversorgung der Zukunft radikal anders aussehen wird als heute.

Ein fundamentales Problem ist, dass unsere Definition von Krankheit auf Organlokalisation oder einzelnen Symptomen beruht. Die gesamte Medizin, wie wir sie lehren, wie wir Fachärzte ausbilden, wie unsere Kliniken strukturiert sind, ist nach Organen aufgeteilt. Für jedes Organ gibt es einen Facharzt und eine Klinik. Aber so funktionieren Erkrankungen nicht, vielmehr erleben wir Störungen in den Signalsystemen in unseren Zellen – genauer in bestimmten Hotspots, die gestört sind und Symptome verursachen. Diese Signalstörungen kommen in den allermeisten Fällen in mehr als nur einem Organ vor und erzeugen verschiedene Symptome. Dank der organbasierten Aufteilung sehen wir das jedoch nicht. Und so gibt es kaum systemische oder ganzheitliche Ansätze in der Medizin.

Zum Ende der Medizin, wie wir sie kennen, trägt auch die Pharmabranche bei, die in ihrer jetzigen Form todgeweiht ist. In der Liste der zehn weltweit größten Firmen findet sich heute keine Pharmafirma mehr. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik, denn warum sollen wir auf ewige Zeiten immer neue Arzneimittel finden müssen? Ein Grund, warum wir nach über 100 Jahren pharmazeutischer Industrie noch immer nach neuen Arzneimitteln forschen, sind unpräzise Krankheitsdefinitionen und das chronische Behandeln von Symptomen, nicht aber das Heilen. Denn bisher kennen wir bei den wenigsten Erkrankungen ihre molekularen Ursachen und können diese folgerichtig auch nicht behandeln.

Bild zeigt die Ineffizienz der gegenwärtigen Arzneitherapien. Bei dem grünen...
Bild zeigt die Ineffizienz der gegenwärtigen Arzneitherapien. Bei dem grünen Patienten wirkt das Medikament, der rote bekommt die Arznei, profitiert aber nicht davon.

Source: adapted from Scannell et al. (2012) Nat Rev Drug Discov 11(3):191-200

Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Die medizinische Ausbildung wird sich ändern müssen, ebenso die Krankenhausstrukturen. Mediziner werden häufiger in interdisziplinären Teams arbeiten müssen, zu denen auch Bioinformatiker und Systemmediziner gehören. Die Zeiten, in denen der Facharzt einen Patienten auf der Grundlage seines persönlichen tagesaktuellen Wissens behandelt, sind eigentlich schon jetzt vorbei.

Diesen Veränderungen wird eine Forschungsphase vorangehen. Doch klar zu erkennen ist, dass eine solche Medizin zu deutlich interdisziplinäreren Krankenhausstrukturen führen wird. So haben erste Kliniken schon Boards für Immunerkrankungen eingeführt. In diesen Boards werden z.B. Psoriasis, Asthma, Colitis oder rheumatoide Arthritis im Team behandelt und agieren wie die bekannten Tumorboards bei onkologischen Fragestellungen. Auch sind sich Experten einig, dass diese Krankheitsbezeichnungen überholt sind. Denn es liegen zwar Immunerkrankungen vor, sie müssen letztlich aber molekular definiert werden und nicht klinisch-morphologisch.

Überleben werden nur noch diejenigen Pharmaunternehmen, die heilen, nicht die, die behandeln

Harald Schmidt

Wir müssen uns also auch von der klassischen Pathologie verabschieden, die sich derzeit darin erschöpft, Histologie und Zellveränderungen bis ins Detail zu beschreiben. Vielmehr benötigen wir eine molekulare Pathologie, die zu molekularen Krankheitsdefinitionen führt und so eine präzise Diagnostik und Therapie ermöglicht. Um dies zu erreichen, müssen wir systemischer und holistischer arbeiten. 

Sind wir erst mal so tief eingedrungen, dass die Krankheitsmechanismen identifiziert sind, setzen wir ein präzise passendes Arzneimittel – möglicherweise ein bereits zugelassenes – ein. In nicht allzu ferner Zukunft wird es dann für alle so definierten Krankheitsmechanismen, deren Zahl sich zwischen 160 und 200 bewegen wird, mindestens ein passendes Arzneimittel geben. Eine forschende und entwickelnde Pharmaindustrie ist damit obsolet; gebraucht werden dann nur noch herstellende und distribuierende Firmen. Überleben werden nur noch diejenigen Pharmaunternehmen, die heilen, nicht die, die behandeln.

Erste Schritte in diese Richtung sind gemacht. 2018 hat die FDA Tumormittel zugelassen, die nicht mehr für die Behandlung eines Organ-Tumors zugelassen sind, sondern in einen onkologischen Mechanismus eingreifen. Damit sind sie für diesen spezifischen Mechanismus zugelassen, völlig unabhängig von der Lokalisation des Tumors. Das ist eine kleine Zeitenwende in der Arzneimitteltherapie.

Welche Auswirkungen werden Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Big Data auf das Gesundheitssystem haben?

Trotz notwendiger Veränderungen wird auch in Zukunft der Behandlungskreislauf initial natürlich der gleiche bleiben: der Patient wird in der Regel mit organbasierten Symptomen einen Arzt aufsuchen, nur wird dessen Diagnostik stark durch Künstliche Intelligenzen unterstützt werden. Die KI schlägt dem Arzt möglicherweise weitere Messparameter, radiologische Bilder oder genetische Untersuchungen vor und ermittelt so eine molekulare Krankheitsdiagnose. Dann wird es wie heute auch schon die Aufgabe des Arztteams sein, den Patienten dabei zu unterstützen, die für ihn optimale Therapie auszuwählen.

Der Arzt wird also nicht mehr alleiniger Herr der Diagnostik sein, das kann er auch nicht. Die vernetzte Datenanalyse, die nötig ist, um Big Data zu analysieren, wird von überall möglich sein. Dennoch wird es nach wie vor präzise ad-hoc-Diagnosen und manuelle Therapien wie beispielsweise die chirurgischen Fächer geben. Aber für chronische Erkrankungen stehen große Veränderungen ins Haus.

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Profil:

Professor Harald Schmidt ist Arzt, Apotheker und Chair der Abteilung für Pharmakologie und personalisierte Medizin, Fakultät für Gesundheit, Medizin und Lebenswissenschaften, Universität Maastricht. Als Advanced Investigator des Europäischen Forschungsrats (ERC) leitet er verschiedene Forschungsprogramme, darunter auch eine Proof-of-Concept-Studie zum Schlaganfall; die COST-Action OpenMultiMed zu Systemmedizin, das Horizon 2020-Programm REPO-TRIAL. Schmidt war Mitbegründer und Geschäftsführer der Vasopharm GmbH, ist Mitherausgeber der Zeitschrift Systems Medicine und hat über 200 von Experten begutachtete internationale Veröffentlichungen, Übersichtsartikel und Bücher geschrieben.

07.02.2019

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