Neues Theranostik-Zentrum bringt Präzisionsonkologie in die Fläche

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Artikel • Nuklearmedizin

Neues Theranostik-Zentrum bringt Präzisionsonkologie in die Fläche

Am 30. Juni 2026 eröffnet das Universitätsklinikum Essen (UK Essen) sein neues Theranostics Center of Excellence – ein Meilenstein nicht nur für die Nuklearmedizin in Nordrhein-Westfalen, sondern für die onkologische Versorgung in Deutschland insgesamt. Im Gespräch erläutert Prof. Ken Herrmann, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin am UK Essen und künftiger Leiter des Zentrums, das Prinzip der Theranostik, die klinischen Anwendungsfelder und die strategische Partnerschaft mit GE HealthCare, die das Projekt trägt.

Artikel: Wolfgang Behrends

Der Begriff Theranostik – ein Kofferwort aus Therapie und Diagnostik – hat seinen Ursprung im Bereich des Diabetesmanagements, wo er zur besseren Vermarktung diagnostisch-therapeutischer Kombinationsprodukte geprägt wurde. In der Nuklearmedizin bezeichnet er heute ein Konzept, das weit über die bloße Summe seiner Bestandteile hinausgeht: „Wir versuchen, die gleiche Zielstruktur für Bildgebung als auch für Therapien zu verwenden“, erklärt Herrmann. Konkret bedeutet das: Tumorzellen tragen an ihrer Oberfläche spezifische Rezeptoren, an die ein radioaktiv markierter Ligand bindet. Je nach Wahl des Radionuklids lässt sich derselbe Mechanismus für die Diagnostik oder die Therapie nutzen. 

Die Herausforderung liegt darin, dass diese Rezeptoren selten ausschließlich auf Tumorzellen zu finden sind. Die klinische Kunst besteht daher darin, das optimale Verhältnis zwischen Tumoraufnahme und Schonung gesunder Organe zu finden – unter Berücksichtigung der individuellen Strahlentoleranz verschiedener Gewebe. 

Der historische Ursprung der Theranostik liegt in den 1940er Jahren, als radioaktives Jod erstmals zur Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen eingesetzt wurde. Nachdem das Potenzial der Methode für mehrere Jahrzehnte weitgehend brachlag, erlebt das Feld heute eine Renaissance. Im Mittelpunkt stehen zwei Tumorarten: neuroendokrine Tumoren (NET) – selten, aber klinisch hochrelevant, wie Herrmann betont – sowie das Prostatakarzinom, das derzeit die größte Dynamik entfaltet. Darüber hinaus ist auch das ursprüngliche Anwendungsfeld der Schilddrüsenkarzinome seit Jahrzehnten etabliert; palliative Therapieansätze bei Lebertumoren ergänzen das Spektrum. 

Bildgebung als Wegweiser: Von der Selektion zur Erfolgskontrolle

Die Positronen-Emissionstomografie (PET) und Einzelphotonen-Emissionscomputertomographie (Single Photon Emission Computed Tomography; SPECT) sind in der Theranostik weit mehr als diagnostische Instrumente – sie fungieren, wie Herrmann es formuliert, als „Gatekeeper“. Ihre Funktion gliedert sich in drei Bereiche: Erstens ermöglichen sie die Patientenselektion. Beim metastasierten Prostatakarzinom verfügen rund 90% der Patienten über das prostataspezifische Membranantigen (PSMA) – die verbleibenden 10% lassen sich durch PET-Bildgebung frühzeitig identifizieren und damit von einer wirkungslosen Therapie ausschließen. Zweitens erlaubt die Post-Therapie-Bildgebung den direkten Nachweis der Radioaktivitätsverteilung im Körper: „Wir können wirklich sehen, dass die Radioaktivität genau dort ist, wo der Tumor ist“, erklärt der Experte – ein Informationsgewinn, den die Chemotherapie nicht bieten kann. Drittens ermöglicht das Response Assessment eine frühzeitige Beurteilung des Therapieerfolgs.

Neue Technik, neue Infrastruktur

SPECT-CT wird für uns die personalisierte Medizin greifbarer machen

Ken Herrmann

Die Bildgebung bildet damit das Rückgrat der theranostischen Behandlungskette. Das neue Theranostics Center of Excellence am UK Essen ist darauf ausgelegt, dieses Rückgrat zu stärken. Die Einrichtung löst nach Herrmanns Worten einen „Infrastrukturstau von über 30 Jahren“ und wird mit zwei hochmodernen bildgebenden Systemen ausgestattet: einem Ganzkörper-PET-Scanner sowie einer neuen Generation digitaler SPECT-CT-Technologie. Der Ganzkörper-PET bietet gegenüber konventionellen Systemen eine deutlich höhere Sensitivität, die sich auf verschiedene Weisen nutzen lässt – kürzere Scanzeiten, eine bis zu zehnfach reduzierte Strahlenbelastung oder die Möglichkeit, pharmakokinetische Prozesse über längere Zeiträume in Echtzeit zu beobachten. Die neue SPECT-Generation – nach Herrmanns Angaben ist das UK Essen weltweit erstes Zentrum mit diesem Gerät – ermöglicht durch wechselbare Kollimatoren eine präzisere post-therapeutische Bildgebung. 

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„SPECT-CT wird für uns die personalisierte Medizin greifbarer machen“, zeigt sich der Experte überzeugt. „Statt Patienten wie bisher eine pauschale oder gewichtsadaptierte Dosis zu verabreichen, ermöglicht die neue Technologie einen echten Regelkreis: Nach einem ersten Therapiezyklus wird eine präzise Dosimetrie durchgeführt, idealerweise automatisiert durch künstliche Intelligenz – und der zweite Zyklus dann auf Basis der gemessenen Werte individuell optimiert.“ 

Das Wachstumsziel ist ambitioniert: von derzeit 12.000 auf künftig 18.000 Untersuchungen pro Jahr. Herrmann betont dabei den Versorgungsauftrag: „Wir haben hier ein Einzugsgebiet von sechs Millionen Patienten und sehen unsere Hauptaufgabe in der medizinischen Grundversorgung eines großen Ballungsraums.“

Liquid Biopsy trifft PET: Früherkennung neu gedacht

Die reduzierte Strahlenbelastung des neuen Ganzkörper-PET – potenziell unter 0,2 Millisievert, vergleichbar mit einem Langstreckenflug – eröffnet nach Herrmanns Einschätzung völlig neue Anwendungsgebiete. In Kombination mit Liquid-Biopsy-Markern aus dem Blut könnte PET künftig als Screening-Instrument bei Hochrisikopatienten eingesetzt werden, noch bevor ein Tumor klinisch manifest wird. „Das ist, wenn Sie mich fragen, die spannendste Anwendung, die vielleicht in den nächsten fünf Jahren komplett die Versorgung revolutionieren wird.“ Auch bei gutartigen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis, bei denen Strahlenbelastung bislang ein erhebliches Hindernis darstellte, könnten sich neue Möglichkeiten ergeben. 

Die Zusammenarbeit mit GE HealthCare entstand aus einer öffentlichen Ausschreibung – mit dem expliziten Ziel, nicht nur einen Gerätelieferanten, sondern einen langfristigen strategischen Partner zu gewinnen, so Herrmann. Neben dem Produktportfolio in der Bildgebung überzeugte das Unternehmen dabei auch durch seine Aktivitäten in der Radiopharmazie und die Bereitschaft zur gemeinsamen Tracer-Entwicklung. Das UK Essen fungiert für GE HealthCare als europäisches Leuchtturmprojekt – eine Konstellation, von der beide Seiten profitieren sollen. „Dabei geht es nicht darum, mit hochentwickelter Technik schöne Bilder zu machen, sondern den Patienten dadurch einen Mehrwert zu bieten“, betont Herrmann. 

Das neue Theranostics Center of Excellence am UK Essen steht exemplarisch für einen Paradigmenwechsel in der Onkologie: weg von der Hoffnung auf Wirksamkeit, hin zur messbaren, personalisierten und bildgebungsgestützten Präzisionstherapie. Möglich wird das nur im engen Schulterschluss zwischen Universitätsmedizin und Industrie – eine Überzeugung, die Herrmann auf den Punkt bringt: „Wir gewinnen da nur gemeinsam oder wir verlieren gemeinsam.“ Am 30. Juni, wenn in Essen das Band durchschnitten wird, ist das nicht nur die Eröffnung eines neuen Gebäudes – es ist der sichtbare Auftakt zu dieser Zusammenarbeit. 

01.05.2026

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