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Artikel • Zwischen Technik und Verantwortung
KI in der Chirurgie – Wer operiert uns morgen?
Werden Chirurgen künftig durch Maschinen ersetzt? Mit der zunehmenden Bedeutung von KI und Robotik treibt diese Frage viele Mediziner und Patienten gleichermaßen um. Anlässlich des Deutschen Chirurgie-Kongresses 2026 gab Prof. Dr. Jörg-Peter Ritz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) und Chefarzt sowie Ärztlicher Direktor an den Helios Kliniken Schwerin, jedoch Entwarnung – und zeichnete ein differenziertes Bild davon, was KI in der Chirurgie heute bereits leistet, was sie in naher Zukunft leisten wird und wo die Grenzen liegen.
Artikel: Wolfgang Behrends
Mit über 200 Sitzungen zum Thema war der Kongress selbst ein Beleg dafür, wie zentral diese Entwicklung für das Fach geworden ist.
Bevor KI in der Chirurgie ihr volles Potenzial entfalten kann, muss eine grundlegende Voraussetzung erfüllt sein: die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Ritz machte deutlich, dass Deutschland hier noch erheblichen Nachholbedarf hat. „Wenn wir die digitalen Voraussetzungen nicht haben, dann kommt die KI auch nicht oder verzögert erst an", sagte er. In vielen Krankenhäusern sei die digitale Krankenakte noch immer nicht Standard – Papierakten und Papierausdrucke gehörten nach wie vor zum Alltag. Erst auf einem soliden digitalen Fundament könne KI ihre Stärken ausspielen.
KI im klinischen Alltag – von der Aufnahme bis zum Arztbrief
Dort, wo die Digitalisierung bereits greift, zeigt KI ihren praktischen Nutzen. Automatische Spracherkennungssysteme erfassen Patientendaten im Gespräch und übertragen sie direkt in das Krankenhausinformationssystem – ohne händische Eingabe. In einigen Ländern gehe das bereits noch weiter: Patienten kommunizierten im Vorfeld einer Sprechstunde mit einem KI-System, das relevante Daten abfragt, Befunde vorstrukturiert und Termine koordiniert. Für Deutschland sei dieses Modell noch Zukunftsmusik, so Ritz, aber eine realistische Perspektive, die für Kliniker eine erhebliche Entlastung darstellen könnte.
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Artikel • Themenkanal
Digitalisierung im Gesundheitswesen
Von der Telemedizin bis zum Smart Hospital: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens schreitet voran - und bringt aufregende Möglichkeiten, aber auch neue Herausforderungen mit sich.
Besonders greifbar ist der Nutzen bei der Dokumentation. Erste Pilotprojekte zeigen, wie KI bei der Erstellung von Arztbriefen und OP-Berichten unterstützen kann – und dabei auf Lücken hinweist, die im Alltag leicht übersehen werden, etwa ein fehlender Folgetermin oder eine nicht dokumentierte Medikamentendosis. Eine breite klinische Nutzung steht jedoch noch aus. Ähnliches gilt für die Risikostratifizierung: Systeme, die aus der Zusammenschau aktueller und früherer Befunde automatisch auf kritische Medikamentenkonstellationen oder notwendige präoperative Maßnahmen hinweisen, sind in Entwicklung – und versprechen, jene Informationen sichtbar zu machen, die im hektischen klinischen Alltag sonst leicht untergehen.
KI im Operationssaal – VR, Robotik und intraoperative Assistenz
Im Operationssaal eröffnet KI Möglichkeiten, die über die reine Dokumentation weit hinausgehen. Virtual-Reality-Brillen ermöglichen es, Tumorbilder und anatomische Vorbefunde direkt auf den Situs – also den Operationsbereich – zu projizieren. Was bislang eine anspruchsvolle mentale Transferleistung war, nämlich ein zweidimensionales Röntgenbild auf die dreidimensionale Realität im Bauchraum zu übertragen, kann so visuell unterstützt werden: Tumorgrenzen werden sichtbar, kritische Gefäßverläufe markiert. Ritz ordnete den aktuellen Stand ein: Solche Systeme würden zwar bereits eingesetzt, befänden sich aber überwiegend noch in Forschungsprojekten und frühen klinischen Anwendungen – eine breite klinische Nutzung stehe noch aus.
Moderne OP-Roboter verfügen bereits heute über eine um ein Vielfaches gesteigerte Rechenleistung im Vergleich zu früheren Generationen – nicht zufällig, sondern mit Blick auf die Datenmengen, die für Daten- und Videoanalysen benötigt werden. Diese bieten wiederum das Potenzial für ausgeklügelte Assistenzsysteme, erklärte Ritz: Ähnlich wie ein Abstandswarner oder Spurwechsel-Assistent in modernen Autos, könnten KI-Systeme im OP den Chirurgen auf riskante Schritte hinweisen – etwa darauf, dass ein bestimmter Präparationsweg von der großen Mehrheit erfahrener Kollegen gemieden würde. Solche Systeme seien in Ansätzen bereits vorhanden und würden sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln.
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Artikel • Chirurgische Systeme aus Patientensicht
OP-Roboter: Von Technik und Teamwork
Was passiert im OP, wenn man als Patient unter einem Roboter liegt? Wie viel Mensch steckt noch hinter dem Eingriff? Wie sicher ist die Technik vor Manipulation? Mit diesen und weiteren Fragen kamen im August wieder etwa 700 Besucher zur ‚langen Nacht der Robotik‘ ins Universitätsklinikum Münster. Wir sprachen mit Dr. Jens Peter Hölzen über die Möglichkeiten und Grenzen der Technik.
Telechirurgie – technisch möglich, klinisch noch nicht reif
Ein weiteres spannendes und zukunftsträchtiges Feld ist die Telechirurgie. Zwar habe es bereits Aufsehen erregende Eingriffe gegeben, etwa eine robotische Cholezystektomie über Hunderte von Kilometern hinweg – im klinischen Alltag spiele diese Technik noch keine Rolle, ordnete Ritz ein: „Da geht es bislang eher darum zu zeigen, was technisch machbar ist.“ Die hohen Anforderungen an Datenqualität und -sicherheit – insbesondere in Bezug auf Latenzzeiten, die nur wenige Millisekunden betragen dürfen – stellen aktuell eine viel zu große Unsicherheit für den klinischen Alltag dar.
Aktuelle Systeme erkennen beispielsweise, dass an bestimmten Teilschritten der Operation Schwierigkeiten vorlagen – etwa beim Vernähen – und bieten dann individualisierte Trainings an
Jörg-Peter Ritz
Ein weiteres spannendes und zukunftsträchtiges Feld ist die Telechirurgie. Zwar habe es bereits Aufsehen erregende Eingriffe gegeben, etwa eine robotische Cholezystektomie über Hunderte von Kilometern hinweg – im klinischen Alltag spiele diese Technik noch keine Rolle, ordnete Ritz ein: „Da geht es bislang eher darum zu zeigen, was technisch machbar ist.“ Die hohen Anforderungen an Datenqualität und -sicherheit – insbesondere in Bezug auf Latenzzeiten, die nur wenige Millisekunden betragen dürfen – stellen aktuell eine viel zu große Unsicherheit für den klinischen Alltag dar.
Tatsächlichen praktischen Nutzen habe die Telechirurgie dagegen schon jetzt in der chirurgischen Ausbildung, etwa beim Skilltraining für bestimmte technische Fertigkeiten. „Das heißt, wir können von extern bei einem minimalinvasiven Eingriff zusehen, zuhören und auch interagieren“, erklärte der Experte. „Das können wir schon jetzt machen, das funktioniert.“ Zudem ließen sich inzwischen sogar die Aufzeichnungen dieser Teletrainings per KI auswerten, die dann automatisiert Hinweise zur Verbesserung liefere. „Aktuelle Systeme erkennen beispielsweise, dass an bestimmten Teilschritten der Operation Schwierigkeiten vorlagen – etwa beim Vernähen – und bieten dann individualisierte Trainings an.“ Dadurch lasse sich die chirurgische Technik gezielt verbessern und die Patientensicherheit steigern.
Deskilling und die Zukunft der Weiterbildung
Der Komfort der KI-Assistenz habe jedoch auch eine Kehrseite, gab Ritz zu bedenken: das sogenannte Deskilling – der schleichende Verlust operativer Grundfertigkeiten, wenn diese nicht mehr regelmäßig geübt werden. Der Experte veranschaulichte die Entwicklung anhand der offenen Cholezystektomie: Früher standen vier Personen am Tisch, heute sind es zwei. Robotersysteme könnten künftig dazu verleiten, noch weiter zu reduzieren – mit der Folge, dass junge Chirurgen und Assistenten kaum noch praktische Erfahrung sammeln und eine ganze Generation operativer Kompetenz verloren gehen könnte. „Deswegen brauchen wir strukturierte Curricula, damit uns die KI und die moderne Technik nicht verdrängen.“
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Artikel • Diagnostische Assistenzsysteme
KI in der Endoskopie: Helfer, Trainer – Influencer?
Künstliche Intelligenz (KI) fasst auch in der Endoskopie zunehmend Fuß. Die Algorithmen entdecken Pathologien zwar oft schneller als der Mensch, werfen aber auch neue Probleme auf. PD Dr. Alexander Hann bescheinigt den KI-Helfern großes Potenzial, gibt jedoch zu bedenken, dass ihr Einsatz nicht nur die Befundung verändern kann – sondern auch den Befunder.
Die titelgebende Frage, ob KI Chirurgen ersetzen werde, beantwortete Ritz unmissverständlich mit Nein. Weder die technischen Voraussetzungen noch der ethische und juristische Rahmen – insbesondere die ungeklärte Frage der Letztverantwortung – ließen dies auf absehbare Zeit zu. Hinzu kommt ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte oft übersehen wird: Viele Patienten missverstehen das Prinzip der roboter-assistierten Chirurgie und glauben, der Roboter operiere sie eigenständig. Tatsächlich führt stets der Chirurg die Operation durch – der Roboter ist ein präzises Instrument unter menschlicher Kontrolle, kein autonomer Akteur. Dieses Missverständnis zu korrigieren, sei nicht nur eine Frage der Aufklärung, sondern auch des Vertrauens in moderne Operationsverfahren.
Was KI leisten kann und soll, ist etwas anderes: Routineaufgaben abnehmen, Dokumentation erleichtern, Fehler verhindern und den Chirurgen so unterstützen, dass er sich vollständig auf seine Kernaufgabe – das Operieren – konzentrieren kann. Das sei, so Ritz, sein vordringlichster Wunsch für die nahe Zukunft. In diesem Sinne ist KI für ihn kein Konkurrent, sondern ein Werkzeug: eines, das die Chirurgie sicherer, effizienter und lernfähiger machen kann – wenn es klug eingesetzt wird.
24.04.2026



