Gendermedizin

„Frauen müssen stärker in Studien und Leitlinien einbezogen werden“

Frauen und Männer sind unterschiedlich. Kaum jemand wird diese Aussage anzweifeln, dennoch spielt das Geschlecht in der Medizin eine untergeordnete Rolle. Weder in der Forschung noch in der Prävention noch in der Therapie wird dieser Unterschied angemessen berücksichtigt. „Das ist nicht länger akzeptabel“, findet Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek. Die Internistin und Kardiologin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin forderte im Rahmen des 127. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin mit Nachdruck, dass Frauen stärker in Studien einbezogen werden und der Aspekt des Geschlechts in den Leitlinien diskutiert wird.

Bericht: Sonja Buske

portrait of Vera Regitz-Zagrosek
Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek

Das größte Problem sind die fehlenden Daten. „Bei der Studienplanung wird oft gar nicht daran gedacht, dass Frauen und Männer unterschiedlich auf Medikamente reagieren könnten, weshalb auch nicht untersucht wird, ob sie unterschiedliche Dosierungen benötigen“, beschreibt Regitz-Zagrosek die Situation. „Wir können demnach von Ärzten auch nicht erwarten, dass sie Männer und Frauen optimal unterschiedlich behandeln, weil es dazu keine Studien und Leitlinien gibt. 

Als Beispiel für diese Vernachlässigung von Frauen führt die Kardiologin eine Studie zu niedrig dosiertem Colchicin zur Reduzierung kardiovaskulärer Ereignisse nach einem Herzinfarkt an. Unter den in die Studie eingeschlossenen 5000 Patienten waren nur 900 Frauen. Trotzdem wurde die Wirksamkeit von Colchizin für die gesamte Studiengruppe bestätigt und die Risikoreduktion mit 23 Prozent angegeben. „Erst im elektronischen Anhang des Manuskriptes wird bei genauerem Hinschauen deutlich, dass die Risikoreduktion bei Frauen lediglich bei einem Prozent liegt und eine Wirksamkeit somit nicht vorhanden ist“, zeigte sich Regitz-Zagrosek entsetzt. 

Laut der Kardiologin ist das kein Einzelfall. Nur 11 Prozent der kardiovaskulären Studien schlüsseln, wie sie sagt, Nebenwirkungen und nur 30 Prozent Wirkungen nach Geschlechtern auf. Genauso sei es bei den aktuellen Studien zu Covid-19: Dreiviertel der Behandlungsstudien haben einen Frauenanteil von unter 45 Prozent. Bei den Impfstudien liegt er mit 45-55 Prozent zwar etwas höher, aber die Nebenwirkungen werden nicht geschlechtsspezifisch aufgeschlüsselt. „Ein Fehler“, findet Regitz-Zagrosek, denn: „Allergische Reaktionen treten bei Impfungen zu 90 Prozent bei Frauen auf.“

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Herz- und Gefäßkrankheiten, darunter insbesondere der akute Myokardinfarkt, gehören sowohl bei Frauen als auch bei Männern zu den häufigsten Todesursachen in Industrienationen. Bei Verlauf und Symptomen der Erkrankung gibt es jedoch Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Dennoch sind Frauen in großen Gesundheitsstudien zu diesem Thema oftmals stark unterrepräsentiert.

Wie lässt sich diese Geschlechter-Ungleichheit in Studien erklären? Die Berliner Medizinerin nennt das mangelnde Bewusstsein in der forschenden Pharmaindustrie als einen Grund. „Es wird einfach behauptet, es gäbe keine wesentlichen Geschlechtsunterschiede und deshalb wird auch nicht so genau hingeschaut und analysiert. Für Ärzte sei es zudem zu kompliziert – so eine weitere Behauptung – bei der Dosierung das Geschlecht beachten zu müssen. Diese Einstellung ist eine Katastrophe.“ 

Ebenso sieht sie die Zulassungsbehörden in der Pflicht, denn diese könnten einen angemessenen Frauenanteil und eine geschlechtsspezifische Auswertung in Studien verlangen. „Die Richtlinien dafür gibt es, sie werden nur nicht umgesetzt“, kritisiert Regitz-Zagrosek. Ärzten empfiehlt sie, von Firmen konsequent zu verlangen, geschlechtsspezifische Dosierungen zu veröffentlichen, und die Fachverbände aufzufordern, geschlechtsspezifische Unterschiede in den Leitlinien zu berücksichtigen. 

Das alles sorgt dafür, dass Frauen aus dem Wettbewerb für Leitungspositionen an den Universitäten verdrängt werden

Vera Regitz-Zagrosek

Die Unterrepräsentation von Frauen zieht sich wie ein roter Faden durch die Medizin und findet sich auch in der kardiologischen Ausbildung wieder. Regitz-Zagrosek: „Frauen verdienen in der Kardiologie für die gleiche Vollzeittätigkeit weniger Geld und erfahren weniger Unterstützung als ihre männlichen Kollegen. 30 Prozent der Kardiologinnen werden zudem sexuell belästigt. Dazu kommen ein permanent hoch kompetitives Arbeitsklima und unflexible Arbeitszeiten. Das alles sorgt dafür, dass Frauen aus dem Wettbewerb für Leitungspositionen an den Universitäten verdrängt werden“, bringt es die Medizinerin auf den Punkt. Ob es einen Zusammenhang zwischen dem Anteil an Frauen in Studien und dem Anteil an Medizinerinnen in Führungspositionen gibt, bliebe zu beweisen. 


Profil:

Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek ist Internistin, Kardiologin und Seniorprofessorin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie Professorin an der Universität Zürich. Sie war Gründungsdirektorin des „Berlin Institute for Gender in Medicine“ (GiM) an der Charité und Gründungspräsidentin der Deutschen und der Internationalen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin. Regitz-Zagrosek erforscht molekulare, klinische und soziokulturelle Grundlagen von Geschlechterunterschieden bei Herzerkrankungen und ihre Bedeutung für die Therapie. Im November 2018 wurde ihr für ihre Leistungen in der Gendermedizin das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

06.05.2021

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