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Artikel • Digitale Gesundheitsanwendungen bei Krebs
DiGAs in der Onkologie: wirksam, verfügbar, unbekannt
Sie sind zugelassen, erstattungsfähig und durch klinische Studien validiert – und dennoch kennt sie kaum jemand: Digitale Gesundheitsanwendungen, kurz DiGAs, fristen in der onkologischen Praxis noch immer ein Schattendasein. Nur etwa ein Viertel der Bevölkerung weiß überhaupt, dass es Apps gibt, die Ärzte auf Kassenrezept verschreiben können. Auf dem Deutschen Krebskongress 2026 in Berlin machte Dr. Friedrich Overkamp dieses Missverhältnis zum Thema seines Vortrags – und warb eindringlich dafür, die vorhandenen digitalen Werkzeuge stärker in den klinischen Alltag zu integrieren.
Bericht: Wolfgang Behrends
Seit 2020 können Ärzte sowie Psychotherapeuten digitale Gesundheitsanwendungen per Kassenrezept verordnen. Das Zulassungsverfahren ähnelt dem eines Arzneimittels: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) prüft klinische Studiendaten der Hersteller und entscheidet über eine dauerhafte Listung. Anwendungen, die den Anforderungen nicht genügen, werden wieder gestrichen.
Für Patienten ist der Zugang unkompliziert: Das Rezept wird bei der Krankenkasse eingereicht, die einen Aktivierungscode übermittelt. Die App wird damit für drei Monate freigeschaltet und muss bei fortbestehender Indikation neu verordnet werden. Rund 250.000 Verordnungen werden inzwischen pro Jahr ausgestellt. „Hochgerechnet auf die Gesamtzahl aller Patienten, ist da aber noch sehr viel Luft nach oben“, befand Overkamp.
Unterstützung bei Fatigue, Prostata- und Brustkrebs
Für onkologische Indikationen stehen inzwischen mehrere DiGAs zur Verfügung. Für Patientinnen mit Mammakarzinom sind zwei Anwendungen dauerhaft zugelassen, die Module zu Bewegung, Ernährung und mentalem Coaching beinhalten und die Patientinnen im Therapiealltag begleiten. Eine weitere App richtet sich an Patienten mit Prostatakarzinom und befindet sich derzeit noch in der vorläufigen Zulassungsphase.

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Die wissenschaftliche Grundlage ist dabei solider als vielen bewusst ist – mittlerweile belegen einige Publikationen den Mehrwert der Apps, betonte Overkamp.1,2,3 „Die Patienten kommen nachgewiesenermaßen besser durch eine onkologische Therapie hindurch, wenn sie eine solche Unterstützung haben.“
Besonders hervorgehoben wurde eine DiGA zur Behandlung des Fatigue-Syndroms – jener schweren, therapieassoziierten Erschöpfung, die weit über normale Müdigkeit hinausgeht und den Alltag vieler Krebspatienten erheblich einschränkt. Die Anwendung kombiniert Verhaltenstherapie, Psycho-Edukation und Bewegungsanleitung. Klinische Studiendaten zeigten eine signifikante Reduktion der Fatigue-Symptomatik sowie eine messbare Verbesserung der Lebensqualität gegenüber einer Kontrollgruppe.4 Auf Basis dieser Evidenz hat die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) entsprechende Apps für Brustkrebspatientinnen inzwischen mit einer klaren Empfehlung in ihre Leitlinien aufgenommen.5
Overkamp betonte ausdrücklich, dass der Blick nicht auf onkologische Apps beschränkt bleiben sollte. Im DiGA-Verzeichnis des BfArM finden sich auch zugelassene Anwendungen für Depressionen, Schlafstörungen und chronische Schmerzen – Komorbiditäten, die in der onkologischen Patientenpopulation häufig auftreten und bislang oft unzureichend adressiert werden. Selbst für die Raucherentwöhnung – relevant etwa bei Lungenkrebspatienten – stehen Apps zur Verfügung.
Bekanntheitsdefizit als zentrales Problem
Der eigentliche Kern von Overkamps Botschaft war weniger das Lob des Vorhandenen als die Kritik am Status quo. „Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig das immer noch bekannt ist“, sagte er mit Blick auf die DiGA-Verordnung. Während das E-Rezept durch intensive Öffentlichkeitsarbeit inzwischen einem Großteil der Bevölkerung bekannt ist, wissen nur etwa 25%, dass es verschreibungsfähige Apps überhaupt gibt.6 Die elektronische Patientenakte (ePA), obwohl gesetzlich vorgeschrieben, ist im Versorgungsalltag ebenfalls noch nicht wirklich angekommen. Overkamp appellierte an die anwesenden Fachkräfte, das DiGA-Verzeichnis unter bfarm.de selbst zu erkunden: „Stöbern Sie einfach mal in diesem Verzeichnis“ – und die verfügbaren Anwendungen aktiv in die Patientenberatung einzubeziehen.
Über DiGAs hinaus: Weitere digitale Werkzeuge
Abseits der verschreibungsfähigen Apps skizzierte Overkamp weitere Entwicklungen, die den klinischen Alltag zunehmend prägen. Smartwatches und smarte Ringe erfassen kontinuierlich Parameter wie Herzfrequenz, Blutsauerstoff und Schlafqualität. Während eine FDA-Zulassung zur Blutdruckwarnung in 21 EU-Ländern bereits besteht, fehlt eine entsprechende Zulassung in Deutschland noch. Für die Forschung gewinnen solche Geräte dennoch an Bedeutung – etwa für die Erhebung von Patient-Reported Outcomes (PRO) in klinischen Studien.
Ein weiterer, praktisch relevanter Hinweis galt kostenlosen KI-gestützten Übersetzungstools, die im Umgang mit Patienten, die weder Deutsch noch Englisch sprechen, enorm hilfreich sein können. Aktuelle Tools erreichen laut Overkamp bei medizinisch relevantem Vokabular eine Übersetzungsqualität, die mit professionellen Dolmetschern vergleichbar ist.7 „Bei Themen wie immunvermittelter Hauttoxizität oder immunvermittelter Diarrhö bei einem Checkpoint-Inhibitor ist das natürlich sehr, sehr wichtig“, so der Experte.
Overkamps Vortrag war ein klares Plädoyer: Die digitalen Werkzeuge sind da, die regulatorischen Strukturen sind etabliert, die Evidenz wächst. Was fehlt, ist die Bekanntheit – und die Bereitschaft, DiGAs als das zu behandeln, was sie sind: ein legitimes, erstattungsfähiges Therapieangebot, das die Versorgung von Krebspatienten sinnvoll ergänzen kann.
Quellen:
- Wolff J, Wuelfing P, Koenig A et al.: App-Based Lifestyle Coaching (PINK!) Accompanying Breast Cancer Patients and Survivors to Reduce Psychological Distress and Fatigue and Improve Physical Activity: A Feasibility Pilot Study; Breast Care (Basel) 2023; https://doi.org/10.1159/000531495
- Wolff J, Seidel S, Wuelfing P et al.: App-based support for breast cancer patients to reduce psychological distress during therapy and survivorship - a multicentric randomized controlled trial; Frontiers in Oncology 2024; https://doi.org/10.3389/fonc.2024.1354377
- Wolff J, Smollich M, Wuelfing P et al.: App-Based Lifestyle Intervention (PINK! Coach) in Breast Cancer Patients-A Real-World-Data Analysis; Cancers (Basel) 2024; https://doi.org/10.3390/cancers16051020
- Spahrkäs SS, Looijmans A, Sanderman R, Hagedoorn M: Beating cancer‐related fatigue with the Untire mobile app: Results from a waiting‐list randomized controlled trial; Psycho-Oncology 2020; https://doi.org/10.1002/pon.5492
- Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie: Leitlinie: Diagnostik und Therapie früher und fortgeschrittener Mammakarzinome; https://www.ago-online.de/fileadmin/ago-online/downloads/_leitlinien/kommission_mamma/2025/D_PDF/AGO_2025D_25_Gesundheitskompetenz.pdf#page=13 (aufgerufen am 24.2.2026)
- Handelsblatt: Gesundheits-Apps werden populärer (Erik Acker; Artikel vom 3.4.2025); https://www.handelsblatt.com/technik/medizin/inside-digital-health/diga-gesundheits-apps-werden-populaerer/100117848.html (aufgerufen am 24.2.2026)
- Brewster RCL, Tse G, Fan AL et al.: Evaluating human-in-the-loop strategies for artificial intelligence-enabled translation of patient discharge instructions: a multidisciplinary analysis; NPJ Digital Medicine 2025; https://doi.org/10.1038/s41746-025-02055-6
25.02.2026



