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News • Studie belegt sinkende Gesundheitskompetenz
Immer mehr Menschen verstehen Gesundheitsinformationen nicht
Eine Mehrheit der Menschen in Deutschland hat Probleme im Umgang mit Gesundheitsinformationen. Das zeigt eine repräsentative Studie der Technischen Universität München (TUM).
Die Daten zeigen eine Verschlechterung um mehr als 20% im Vergleich zu 2014. Die Defizite zeigten sich besonders bei Jüngeren. Bildung, Einkommen und Migrationsgeschichte hatten dagegen keinen Einfluss auf die Gesundheitskompetenz.
Die Studie der TUM und des WHO Collaborating Centre for Health Literacy in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Apotheken Umschau zeigt, das mittlerweile rund 75% der Erwachsenen erhebliche Schwierigkeiten beim Umgang mit Gesundheitsinformationen haben. Die Befragten hatten Probleme dabei, Informationen zu Themen wie Behandlungen von Krankheiten oder Prävention gezielt zu finden, richtig zu verstehen, kritisch zu bewerten und korrekt anzuwenden.
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Podcast #3
Health Literacy: Durchblick statt Fake News und Fachjargon
In unserem Podcast erklärt Prof. Dr. Doris Schaeffer, wie sich Health Literacy – die Fähigkeit, hochwertige von fragwürdigen Gesundheitsinformationen zu unterscheiden – verbessern lässt.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Lag der Anteil der Menschen mit unzureichender Gesundheitskompetenz 2014 noch bei 54,3%, stieg er bis 2020 auf 64,2%. In den letzten vier Jahren verschlechterte sich die Situation nochmals deutlich um weitere knapp 12 Prozentpunkte auf nunmehr 75,8% im Jahr 2024. Damit hapert es nicht nur bei Entscheidungen, die die eigene Gesundheit betreffen oder die von engen Familienangehörigen wie den eigenen Kindern, sondern auch bei der Orientierung im Gesundheitssystem und der Inanspruchnahme von Leistungen.

Bildquelle: TUM; Foto: Andreas Heddergott
Die bundesweit repräsentative, von Juli bis August 2024 durchgeführte, Befragung von 2.000 Personen ab 18 Jahren zeigt überdies einen signifikanten Zusammenhang zwischen Gesundheitskompetenz, Lebensalter und Wohnort. So verfügen die über 60-Jährigen über eine bedeutend bessere Kompetenz als jüngere Gruppen. Zudem schneiden Menschen in den ostdeutschen Bundesländern besser ab als in den westdeutschen. Anders als in früheren Studien und weithin angenommen, zeigt sich dagegen kein Unterschied bei den Faktoren Bildung, Migrationsgeschichte, Einkommen und Geschlecht.
Orkan Okan, Professor für Health Literacy an der TUM und Leiter des WHO Collaborating Centre for Health Literacy sagt: „Wir müssen mehr in die Gesundheitskompetenz der Menschen investieren – insbesondere in Schulen und andere Bildungseinrichtungen. Dort legen wir den Grundstein für ein gesundes und gesundheitsbewusstes Leben und können unsere Gesellschaft nachhaltig prägen.“
„Die aktuelle Studie ist ein Weckruf: In einer Zeit, in der automatisierte Chatbots mit gezielten Fehlinformationen arbeiten und Fake News salonfähig geworden sind, braucht es verlässliche Informationen und Rahmenbedingungen, um sich in der Infodemie zurechtzufinden“, betont Prof. Kai Kolpatzik, Chief Scientific Officer beim Wort & Bild Verlag (u.a. Apotheken Umschau). „Jetzt ist der Zeitpunkt, um politisch die richtigen Weichen zu stellen für alle Menschen, ihre Gesundheit und ihre Lebensqualität. Unsere zehn Forderungen an die Politik zielen darauf ab, auf der Grundlage fundierter Daten jetzt ins Handeln zu kommen.“
Claudia Küng, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied von Health Care Bayern e.V.: „Gesundheitskompetenz bedeutet nicht nur, im Krankheits- oder Pflegefall die richtige Hilfe zu bekommen, sondern auch, zu wissen, wann man wirklich krank ist – und wann nicht. Unser Gesundheitssystem muss klare und strukturierte Wege bieten, aber auch Menschen darin unterstützen, Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Gesundheit und Krankheit sind kein Entweder-Oder, sondern ein Kontinuum – und dieses Bewusstsein muss gestärkt werden. Health Care Bayern e.V. setzt sich genau dafür ein.“
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News • WHO Collaborating Centre for Health Literacy
Neues Zentrum soll Vermittlung von Gesundheitswissen fördern
Informationen zum Thema Gesundheit gibt es zuhauf – aber wie vertrauenswürdig sind sie? Und wie werden sie umgesetzt? Ein neues Zentrum soll den Stand der Gesundheitskompetenz erfassen und verbessern.
Die mangelhafte Gesundheitskompetenz hat weitreichende Auswirkungen. Menschen mit einer geringen Gesundheitskompetenz sind häufiger und länger krank, nehmen häufiger Notfalldienste in Anspruch, werden öfter im Krankenhaus behandelt und folgen Behandlungsempfehlungen seltener. Das belastet das Gesundheitssystem zusätzlich und verursacht vermeidbare Kosten. Laut WHO-Schätzungen belaufen sich die Folgekosten mangelnder Gesundheitskompetenz auf 3% bis 5% der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen, was bezogen auf das Jahr 2022 in Deutschland bis zu 24 Milliarden Euro bedeutet. So würde eine verbesserte Gesundheitskompetenz nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen steigern, sondern auch die Effizienz des Gesundheitssystems erhöhen. Grundlage dafür sind einfache, verständliche und verlässliche Gesundheitsinformationen.
Die dringendsten Aufgaben haben die Studienmacher Prof. Orkan Okan und Prof. Kai Kolpatzik in zehn Punkten zusammengefasst. Die Forderungen werden von einem breiten Bündnis von mehr als 30 Organisationen aus der institutionellen und gesellschaftlichen Ebene des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystems unterstützt.
- Gesundheitsbildung früh in Kindergarten und Schule verankern
- Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen stärken
- An Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel und Influencer-Marketing einschränken
- Gesundheitsprofessionen in modernen Kommunikationstechniken schulen
- Digitale Gesundheitskompetenz aller Bürgerinnen und Bürger fördern, um Zugang zu elektronischen Patientenakte und anderen digitalen Angeboten zu verbessern
- Aufbau eines Lotsensystems und barrierearme Kommunikation für bessere Orientierung im Gesundheitswesen
- Organisationale Gesundheitskompetenz in Gesundheitseinrichtungen ausbauen
- Gesundheitskompetenz am Arbeitsplatz fördern
- Psychische Gesundheitskompetenz durch öffentliche Kampagnen stärken
- "Health Literacy in all Policies" – Gesundheitskompetenz in allen Politikbereichen verankern
Quelle: Technische Universität München
03.04.2025