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Artikel • Geschlechtersensible Versorgung
Frauen wie Männer behandeln? Innere Medizin „ziemlich im Mittelalter"
Bei ihrer Jahrespressekonferenz stellte die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) die geschlechtersensible Medizin in den Mittelpunkt. Die Botschaft: Frauen und Männer sind biologisch verschieden – doch in der Versorgung wird dies zu wenig berücksichtigt. Eine geschlechtersensible Medizin könnte nicht nur die Behandlungsqualität verbessern, sondern auch die Versorgung effizienter machen.
Frauen mit Typ-2-Diabetes sterben häufiger an einem Herzinfarkt als Männer – obwohl sie vor der Menopause eigentlich einen hormonellen Schutz genießen. Und bei Männern steigt im höheren Lebensalter mit sinkendem Testosteronspiegel das Osteoporose-Risiko. Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die zeigen: Die Medizin muss geschlechtersensibler werden. Bei der Jahrespressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) diskutierten Expertinnen und Experten, warum dieser Paradigmenwechsel dringend notwendig ist.

© DGIM/Bratulic
„Jeder Mensch ist individuell – und das müssen wir in Diagnostik und Therapie berücksichtigen", betonte Prof. Dr. Dr. Dagmar Führer-Sakel, Vorsitzende der DGIM und Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen. Die DGIM hat 2025 ein Strategiepapier veröffentlicht, das das Primat der Wissenschaft in den Mittelpunkt stellt. „Jede Versorgungsentscheidung muss wissenschaftlich begründet sein", so Führer-Sakel. Der kommende Internistenkongress unter dem Motto „Paradigmenwechsel in der inneren Medizin" werde diese Themen aufgreifen – von seltenen Erkrankungen bis zur personalisierten Medizin.
Bei beiden Geschlechtern haben hormonelle Veränderungen im Laufe des Lebens Konsequenzen für Prävention und Therapie, erklärte die Endokrinologin. Bei Frauen verschlechtern sich rund um die Menopause mit dem Abfall der schützenden Östrogene die Werte für Blutdruck, Fettstoffwechsel und Blutzuckerkontrolle. Bei Männern verändert der sinkende Testosteronspiegel den Knochenstoffwechsel. Beim Verständnis der molekularen Grundlagen geschlechtsspezifischer Unterschiede befinde man sich allerdings „ziemlich im Mittelalter", räumte die DGIM-Vorsitzende ein. „Wir brauchen noch mehr Grundlagenforschung, um genau zu verstehen, wie Geschlechtshormone Stoffwechselprozesse, die Entstehung von Krebs und Autoimmunerkrankungen beeinflussen."
Wenn wir die Unterschiede zwischen Männern und Frauen weiter ignorieren, riskieren wir Fehlversorgung
Petra-Maria Schumm-Draeger
Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger, Sprecherin der neu gegründeten DGIM-Kommission Geschlechtersensible Medizin, unterstrich die praktische Relevanz: „Wenn wir die Unterschiede zwischen Männern und Frauen weiter ignorieren, riskieren wir Fehlversorgung." Als Endokrinologin beobachte sie täglich, dass Frauen mit Typ-2-Diabetes nicht entsprechend ihres erhöhten kardiovaskulären Risikos behandelt werden – sie seien häufig „untertherapiert" und erreichten empfohlene Therapieziele seltener als Männer.
Entwickelt eine Frau vor der Menopause einen Typ-2-Diabetes, geht ihr biologischer Vorteil gegenüber Männern verloren. Mit zusätzlichen Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen kann ihr Risiko für einen Herzinfarkt sogar höher sein als bei Männern. „Das wissen wir, aber es wird in der täglichen klinischen Praxis nicht berücksichtigt", kritisierte Schumm-Draeger. Die neue DGIM-Kommission soll daher die Evidenz aus allen internistischen Schwerpunkten bündeln und daraus praxisnahe, geschlechtsspezifische Empfehlungen für Prävention, Diagnostik und Therapie ableiten.

© Universitätsmedizin Magdeburg; Foto: Melitta Schubert
Prof. Dr. Ute Seeland, Leiterin der Sektion Geschlechtersensible Medizin an der Universität Magdeburg, verwies auf das sogenannte „Gender Data Gap": Bislang werde geschlechtersensible Medizin in Deutschland durch strukturelle Ungleichheit und fehlende Daten erschwert. Um voranzukommen, brauche es vor allem mehr geschlechtersensible klinische Studien mit prospektiv-randomisiertem Ansatz.
Dabei müssten neben biologischen auch soziokulturelle Faktoren berücksichtigt werden, betonte Seeland. „Geschlechtersensible Medizin hat ein großes ökonomisches Potenzial – weil präzisere Diagnosen und individuellere Therapien die Versorgung effizienter machen als herkömmliche Ansätze." Die Expertin fordert mehr Professuren für geschlechtersensible Medizin und einen besseren Zugang zu Routinedaten, um gezielt forschen zu können.
Prof. Dr. Georg Ertl, Generalsekretär der DGIM und Kardiologe, bestätigte die Unterschiede in seinem Fachgebiet. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland die häufigste Ursache für Krankenhausaufnahmen und die häufigste Todesursache. „Ein erster Schritt in Richtung Personalisierung ist die Berücksichtigung des Geschlechts bei der Diagnostik und Therapie", sagte der Würzburger Internist.
Frauen haben oft eine diffusere koronare Herzerkrankung als Männer. Historisch wurden sie in Studien systematisch unterrepräsentiert – wegen Altersgrenzen, wegen des späteren Erkrankungsalters, wegen Bedenken bei gebärfähigen Frauen. Ertl fordert „inklusive Studienprotokolle" – notfalls durch Vorgaben der Ethikkommissionen. „Die Forderung nach inklusiven Studienprotokollen unterstützt die DGIM sehr", betonte der Generalsekretär. Nur so lasse sich erreichen, dass Patientinnen bei Diagnostik und Therapie nicht länger benachteiligt werden.
Die DGIM-Pressekonferenz machte deutlich: Geschlechtersensible Medizin ist keine Nische, sondern eine Grundvoraussetzung für personalisierte Versorgung – und sie kann helfen, Fehl- sowie Unterversorgung zu vermeiden. Der Handlungsbedarf erstreckt sich von der Grundlagenforschung über das Studiendesign bis zur Aus- und Weiterbildung. Wie Prof. Seeland formulierte: „Wir müssen eigentlich gestern angefangen haben, die geschlechtersensible Medizin wissenschaftlich und in der Lehre voranzubringen."
04.02.2026









