Wir fahren jetzt und schrauben nicht mehr am Motor

Der Kopf ist noch immer das Lieblingsbetätigungsfeld der Wissenschaftler, die sich mit der 7 Tesla Bildgebung beschäftigen. Kopfbildgebung bestreitet ein „atemunabhängiges“ Abbildungsfeld, bei dem das gesamte Potenzial der Ultrahochfeldbildgebung in eine extrem hohe Auflösung bei längeren Aquisitionszeiten investiert werden kann.

Ein Aneurysma der rechten Arteria cerebri media in einer hochaufgelösten...
Ein Aneurysma der rechten Arteria cerebri media in einer hochaufgelösten Maximum Intensity Projekiton einer 7 Tesla TOF-MRA.
Ein Aneurysma der rechten Arteria cerebri media in einer hochaufgelösten...
Ein Aneurysma der rechten Arteria cerebri media in einer hochaufgelösten Maximum Intensity Projekiton einer 7 Tesla TOF-MRA.

So hat die Essener Truppe um PD Dr. Lale Umutlu, klinische Forschungsleiterin der Ultrahochfeldbildgebung, Aneurysmen und AVMs (arteriovenöse Malformationen) untersucht und erste Ergebnisse publiziert.

RöKo Heute: Was bringt die 7 Tesla Bildgebung beim Gehirn?
Umutlu: Der Kopf ist neben dem muskuloskeletalen Bereich sicherlich eines der am besten untersuchtesten Anwendungsfelder der Ultrahochfeldbildgebung. Wir sind in der Lage, die arterielle Gefäßstrombahn wesentlich detailreicher darzustellen und mögliche Gefäßpathologien viel besser hinsichtlich ihrer Zu- und Abflüsse (z.B. bei AVMs) zu beurteilen. Damit können wir zum einen Operationen oder Interventionen besser planen und erhoffen uns den Goldstandard, die Digitale Subtraktionsangiographie, demnächst in speziellen Fragestellungen ablösen zu können.

Zu welchen Erkenntnissen kann dieses mehr Sehen noch führen?
Zu Entscheidungen beim Therapiemanagement, wenn Sie Aneurysmen entdecken, die mit einem 1,5 Tesla aufgrund der schlechteren Auflösung gar nicht detektiert worden wären. Oder wenn es darum geht, den Einstrom besser zu beurteilen, also die AVMs mitsamt ihren Feedern klarer zu erkennen. An dieser Stelle haben wir uns an den Vergleich mit dem Goldstandard, der Digitalen Substraktionsangiographie, herangetraut – mit sehr positiven Ergebnissen. Zudem führen wir momentan klinische Projekte zum HCC und zum Zervixkarzinom durch.

Worum geht es bei Leber und Zervix?
Dort geht es vor allem darum, herauszufinden, mit wie vielen Läsionen wir es zu tun haben, denn das beeinflusst die Therapie erheblich. Ob wir chirurgisch eingreifen oder großsystemisch beziehungsweise großlokal mit SIRT therapieren. Dieses Projekt steckt allerdings noch in den Kinderschuhen.Beim Zervixkarzinom beschäftigt uns die bessere Beurteilung der Tumorausdehnung sowie eine mögliche Infiltration in das umgebende Gewebe. Auch da wollen wir das mehr an Power in die Auflösung investieren, um korreliert mit der Pathologie das Staging für die Gynäkologen zu verbessern.

Das klingt alles doch nach sehr konkreten klinischen Vorhaben.
Ja, wir gehen jetzt in Richtung Patienten- beziehungsweise Pathologiediagnostik. Wir suchen den Vergleich mit dem jeweiligen Goldstandard und schauen, ob wir standhalten oder ihn vielleicht sogar übertreffen können. Dieser Fokus unserer wissenschaftlichen Arbeit hebt Essen als Standort gegenüber vielen anderen Studiengruppen hervor, die weiterhin vornehmlich an Technik, Sequenzen und Spulen arbeiten.

Diese Gruppen schrauben am Motor herum, während Sie beschlossen haben, sich ins Auto zu setzen und Gas zu geben?
Ganz genau. Wir haben gezeigt, dass „das Auto fahrtauglich ist“, jetzt wollen wir wissen, „wie es in der Kurve liegt“. Wir schauen in die Organe, um festzustellen, wie gut wir im Vergleich zum jeweiligen Goldstandard sind. Und wir beschäftigen uns mit der Reduktion von Kontrastmitteln, ein Themengebiet, zu dem wir gerade zwei Studien abgeschlossen haben. So wie es momentan aussieht, werden wir in Zukunft mit einem Viertel an Kontrastmitteldosis auskommen – gut für den Patienten und gut für die Klinik.

Vielen Dank für das Gespräch.


Im Profil
PD Dr. Lale Umutlu ist Forschungsgruppenleiterin der klinischen Ultrahochfeldbildgebung und Oberärztin am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie an der Uni Essen. Nach dem Medizinstudium in Düsseldorf kam PD Dr. Lale Umutlu 2006 zur Facharztausbildung in die Radiologie des Essener Universitätsklinikums. Im September 2010 erhielt sie ein einjähriges Forschungsstipendium für Kliniker (IFORES) zum Thema: Klinische Anwendung der 7 Tesla Magnetresonanztomographie des Abdomens, das die Basis der wissenschaftlichen Arbeit für ihre Habilitation im Juli 2013 darstellte.

 

 

 

 

Veranstaltung
Raum Krause
Fr., 30.05.2014,
09:00 - 09:30 Uhr
Klinische Anwendungen der
Ultrahochfeld MRT
Umutlu L. / Essen
Session: Experimentelle
Radiologie – Ultrahochfeld MRT I

29.05.2014

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