CT des Abdomens: 55 Jahre alter Patient mit akutem Bauchschmerz im rechten...
CT des Abdomens: 55 Jahre alter Patient mit akutem Bauchschmerz im rechten Ober- und Unterbauch. Deutliche ödematöse Imbibierung des Fettgewebes im Bereich des großen Netzes (Omentum majus) im Sinne eines sog. Omentum-Infarktes.

Organ oder nicht?

Schattendasein: Mesenterium und Peritoneum finden zu wenig Beachtung

„Auch ein Abdominalradiologe darf davon träumen, dass das eine oder andere Organ mehr in den Fokus des Interesses rückt.“ Prof. Dr. Johannes Weßling, Leiter des Zentrums für Radiologie und Neuroradiologie im Clemenshospital Münster wünscht sich, dass das Mesenterium aus dem übergroßen Schatten der parenchymatösen Organe wie Leber und Pankreas tritt und stärker als eigenständiges Organ wahr gewonnen wird. Daniela Zimmermann sprach mit dem Chefarzt über anatomische Besonderheiten des Mesenteriums und der Peritonealhöhle und die Konsequenzen für die Radiologie.

Interview: Daniela Zimmermann

Warum ist das Mesenterium ein eigenständiges Organ?

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Prof. Dr. Johannes Weßling, Leiter des Zentrums für Radiologie und Neuroradiologie im Clemenshospital .

Bisher sind wir davon ausgegangen, dass der Darm das eigentliche wichtige Organ im Bauchraum ist und das Mesenterium, auch Gekröse genannt, lediglich als eine Verbindung zwischen Anheftung am Retroperitoneum und Darm zu sehen ist. Nach neueren Erkenntnissen ist das Mesenterium aber als eigenständiges Organ zu betrachten. Das liegt an seinen anatomischen Besonderheiten. So wurde vor wenigen Jahren im Peritonealraum eine Grenzschicht zwischen der retroperitonealen Anheftung des Colon ascendens und des Colon descendens entdeckt, die sogenannte Toldt‘sche Faszie. Diese Faszie begründet, dass das Mesenterium ein eigenes und in sich geschlossenes Kompartiment darstellt. Das Organ liegt eingefältet im Peritonealraum und unterteilt an unterschiedlichen Stellen retroperitoneal angeheftet diesen Raum in ganz verschiedene Kompartimente, in denen unterschiedlichste Pathologien zu finden sind. Da es sich dabei um ein sehr umfangreiches Gebiet handelt, bemühen wir uns in der AG Abdominaldiagnostik um mehr Wahrnehmung für diesen Teil des Bauchraums.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Erkenntnissen für die Radiologie?

Bisweilen wird unterschätzt, dass Erkrankungen im Mesenterium oder sogar nur die Flüssigkeitsverteilung im Peritonealraum gute Rückschlüsse auf den Ursprung einer Erkrankung zulässt. Dafür sind allerdings Detailkenntnisse der anatomischen Zusammenhänge nötig, die man sich erarbeiten muss. Es lohnt sich. Ein gutes Beispiel dafür ist die innere Hernie. Die meisten Mediziner sind vertraut mit Leisten- oder Bauchnabelhernien. Was weniger bekannt ist: Darmschlingen können durch Mesenterialschlitze oder durch kleine, natürliche Öffnungen beispielsweise im Bereich der Leberpforte auch ins Bauchinnere hernieren. Im CT sieht diese Situation auf den ersten Blick häufig aus wie ein Normalbefund. Erst die atypische Lage von Darmschlingen, z. B. zwischen Magen und Pankreas, deutet auf einen pathologischen Befund hin. Aus Sicht der onkologischen Bildgebung allgegenwärtig ist zudem das Problem der Peritonealkarzinose. Die Prognoserelevanz der Bauchfellstreuung einer Krebserkrankung ist erheblich. Auch hier kann die Verteilung der Tumorknoten gute Rückschlüsse darauf geben, wo der Primärtumor sitzt. Andersherum hilft die Kenntnis typischer Streuungsmuster eines bekannten Tumors dabei, auch frühe Manifestationen einer Bauchfellstreuung nicht zu übersehen.

CT, MRT oder Ultraschall? Welche technischen Mittel kommen bei der Diagnostik zum Einsatz?

Grundsätzlich sind alle drei Methoden hilfreich, wobei man feststellen muss, dass die Feinauflösung im CT unschlagbar ist, um insbesondere kleinste Veränderungen im Bereich der Peritonealkarzinose zu identifizieren. Aber wenn wir nochmal auf die innere Hernie zurückkommen, lässt sich festhalten, dass sowohl CT als auch MRT und Ultraschall in erfahrenen Händen gleichermaßen geeignet sind, um eine Diagnose zu stellen.

Was möchten Sie Ihren Kollegen beim Radiologiekongress Ruhr mit auf den Weg geben?

Das Ziel des Vortrags ist es, meinen Kollegen sozusagen das kleine Einmaleins des Bauchraums näherzubringen. Ich werde ihnen Mittel an die Hand geben, sich dort räumlich besser zurecht zu finden. Lernen werden sie auch, anatomische Strukturen sicher zu identifizieren. Wer sich also immer gefragt hat, wo eigentlich das „omentum minus“ im CT zu sehen ist und welche Pathologien in den Tiefen des Mesenteriums und des Peritoneums schlummern, der ist genau richtig bei diesem Vortrag.

Aus Sicht der deutschen Abdominalradiologie wünsche ich mir, dass das Mesenterium weiter ins radiologische Interesse rückt, wie das vor einigen Jahren bereits beim Darm hervorragend gelungen ist. Denn auch der Darm hört nicht hinter der Darmwand auf, eine Erkenntnis, die noch immer nicht bei allen angekommen ist.

Profil:
Seit 2013 leitet Prof. Dr. Johannes Weßling die Klinik für diagnostische und interventionelle Radiologie und Neuroradiologie des Clemenshospitals in Münster. Zuletzt war er als stellvertretender Direktor am Institut für Klinische Radiologie des Universitätsklinikum Münster tätig. 2013 erhielt er von der Deutschen Röntgengesellschaft den Friedrich-Wachsmann-Preis für Fort- und Weiterbildung. Er ist seit 2014 im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft (AG) Abdominal- und Gastrointestinal-diagnostik der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) und vertritt seit 2019 als Mitglied des Vorstandes der deutschen Röntgengesellschaft die Interessen der deutschen Krankenhausradiologie.

Veranstaltungshinweis:
Donnerstag, 7. November, 10:00-10:30 Uhr
Raum: Gold-Saal
Session 1: Gastro- und Abdominaldiagnostik I
Zeit für (T)Räume - Mesenterium und Peritoneum reloaded
Prof. Dr. Johannes Weßling (Münster)

07.11.2019

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