Bei der Blutkrebserkrankung Polycythaemia vera bilden die Stammzellen zu viele rote Blutkörperchen.

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News • Seltener Blutkrebs

Polycythaemia vera: Rolle des Immunsystems entschlüsselt

Körpereigener Botenstoff aktiviert natürliche Killerzellen und bekämpft so krankhafte Stammzellen

Eine Forschungsgruppe der Universitätsmedizin Mainz hat herausgefunden, auf welche Weise das Immunsystem gegen die seltene Blutkrebserkrankung Polycythaemia vera (PV) therapeutisch wirkt. Wesentlich für diesen Prozess sind die sogenannten natürlichen Killerzellen (NK-Zellen), die Teil der angeborenen Immunabwehr sind, und ihr Zusammenspiel mit dem körpereigenen Botenstoff Interferon-alpha. Erstmalig konnten die Wissenschaftler zeigen, dass diese Immunzellen bei einer PV entscheidend dazu beitragen, krankhafte Blutstammzellen gezielt zu bekämpfen. Besonders bemerkenswert ist, dass die NK-Zellen offenbar bereits unter natürlichen Bedingungen zur Kontrolle der Erkrankung beitragen. Die im Journal Blood veröffentlichten Studienergebnisse bieten neue Ansatzpunkte, um die Rolle des Immunsystems bei chronischen Blutkrebserkrankungen besser verstehen und immunbasierte Therapien entwickeln zu können. 

Wir deuten [die Studienergebnisse] als Beleg dafür, wie wichtig diese natürlichen Killerzellen für die Krankheitskontrolle bei der PV-Behandlung sind: Sie sind der entscheidende Vermittler der therapeutischen Wirkung von Interferon-alpha

Sabine Muth

Die Polycythaemia vera (PV) ist eine seltene Form von chronischem Blutkrebs, der sich aus den im Knochenmark angesiedelten Stammzellen heraus entwickeln kann. Stammzellen sind verantwortlich für die Ausreifung der unterschiedlichen Blutzellen. Bei der PV, die zu sogenannten myeloproliferativen Neoplasien zählt, produziert das Knochenmark vor allem zu viele rote Blutzellen. Das macht das Blut dickflüssiger, wodurch etwa das Risiko für Thrombosen, Schlaganfälle und Herzinfarkte steigt. 

Eine bereits etablierte Therapie gegen PV ist die Gabe des Immunsystem-Botenstoffs Interferon-alpha (IFN-a), der nach bisherigem Kenntnisstand direkt auf die krankhaften Stammzellen wirkt und so deren Wachstum hemmt. Im Rahmen der Studie haben Forschende die genauen Wirkmechanismen dieses Prozesses untersucht und konnten jetzt aufzeigen, dass für den Therapieerfolg bestimmte Immunzellen der angeborenen Immunabwehr, sogenannte natürliche Killerzellen (NK-Zellen), ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. „Die Interferone aktivieren und vermehren eine bestimmte Untergruppe der natürlichen Killerzellen und versetzen sie in die Lage, krankhafte Blutstammzellen gezielt anzugreifen“, erklärt Dr. Sabine Muth, Arbeitsgruppenleiterin am Institut für Immunologie der Universitätsmedizin Mainz. 

Für ihre Studie kombinierten die Forschenden ein etabliertes Mausmodell der Erkrankung mit Untersuchungen an Proben von Patienten sowie Zellkultur-Experimenten. Ein wichtiger Forschungsansatz war, die natürlichen Killerzellen gezielt auszuschalten. Dafür nutzten sie sogenannte monoklonale Antikörper, die auf bestimmte Zellstrukturen ausgerichtet sind. „Dadurch konnten wir untersuchen, welche Zellen tatsächlich für das gezielte Abtöten mutierter Blutstammzellen und damit den Therapieerfolg verantwortlich sind“, erklärt Dr. Muth. „Wir stellten fest, dass durch diesen experimentellen Eingriff das Interferon-alpha seine Wirkung auf die krankhaften Blutstammzellen nahezu vollständig verlor. Wir deuten dies als Beleg dafür, wie wichtig diese natürlichen Killerzellen für die Krankheitskontrolle bei der PV-Behandlung sind: Sie sind der entscheidende Vermittler der therapeutischen Wirkung von Interferon-alpha.“

Die Analyse von Patientenproben, die in Zusammenarbeit mit der German Study Group for Myeloproliferative Neoplasms (GSG-MPN) erhoben wurden, zeigte, dass auch im Menschen die natürlichen Killerzellen speziell durch Interferon-alpha aktiviert werden. „Dies könnte mit einem Therapieansprechen direkt im Zusammenhang stehen“, sagt der Hämatologe Prof. Dr. Markus Radsak, Arbeitsgruppenleiter an der III. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz. In Zellkultur-Experimenten zeigte sich zudem, dass die natürlichen Killerzellen bevorzugt die krankhaften Stamm- und Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen angreifen und eliminieren, die eine für PV typische DNA‑Mutation aufweisen. 

Überraschend war zudem die Feststellung, dass die natürlichen Killerzellen offenbar auch ohne zusätzliche Therapie mittels der Gabe von Interferon-alpha zur Kontrolle der Erkrankung beitragen. Bereits geringe Mengen der körpereigenen Interferone, die jeder Mensch bildet, können in einem gewissen Umfang entartete Zellen aufzuspüren und abtöten. 

Langfristig könnten die Studienergebnisse dazu beitragen, neue Therapieansätze zu entwickeln, die NK-Zellen gezielt aktivieren oder ihre Funktion verstärken. Zudem deuten die Daten darauf hin, dass bestimmte Untergruppen der natürlichen Killerzellen als Biomarker dienen könnten, um besser einschätzen zu können, wie gut Patienten auf eine Therapie ansprechen. Das könnte künftig helfen, Therapien individueller anzupassen. 


Quelle: Universitätsmedizin Mainz 

11.06.2026

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