Von links: Die Tagungspräsidenten Prof. Dr. Rüdiger Gerlach und Prof. Dr....
Von links: Die Tagungspräsidenten Prof. Dr. Rüdiger Gerlach und Prof. Dr. Steffen Rosahl

BIldquelle: Helios Klinikum Erfurt

DGNC-Fachkongress

Neurochirurgen nehmen seltene Erkrankungen in den Fokus

Auf der virtuellen 72. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) geht es um Zentren- und Netzwerkbildung, aber auch um ethische Grenzen von Elektroden im Gehirn. Zudem gibt es einen kritischen Blick auf die Chancengleichheit der Geschlechter in dem männlich dominierten Fachgebiet. Ein knapper thematischer Ausblick mit den Tagungspräsidenten Prof. Dr. Rüdiger Gerlach und Prof. Dr. Steffen Rosahl aus Erfurt.

Sie erwarten als Gastgeber mehr als 1.000 Teilnehmer zur Jahrestagung der Neurochirurgie. Was beschäftigt die Fachdisziplin aktuell besonders?

Prof. Gerlach: Ständige Innovationen und technische Verbesserung helfen, die Effizienz chirurgischer Behandlungen von Patienten mit Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks und der Nerven zu erhöhen und zugleich Behandlungsrisiken zu minimieren. Der schmale Grat des operativ maximal Möglichen und der funktionellen Unversehrtheit der Patienten muss für jede Erkrankung definiert und in wissenschaftlichen Analysen objektiviert werden. Neue Entwicklungen gilt es, bei der Tagung zu diskutieren, Neuerungen in die tägliche Arbeit der Kliniken zu übernehmen.

Prof. Rosahl: Ein sehr aktuelles Thema, welches in mancher Hinsicht ein neues Zeitalter für uns Neurochirurgen eingeleitet hat, ist die durch Forscher aus Heidelberg eingeleitete neue Klassifikation der Hirntumoren aufgrund molekularer Marker. Sie stellt auch einen starken Impuls in Richtung individualisierter Therapiekonzepte dar.

Was bedeutet das für die Patienten, die an Hirntumoren leiden?

Rosahl: Neue Untersuchungsmethoden erlauben eine präzisere Einordnung vieler Hirntumoren. So können diese gezielter behandelt werden und auch Prognosen lassen sich besser einschätzen. Außerdem lassen sich dadurch neue Zielmoleküle im Tumorstoffwechsel definieren, deren medikamentöse Ausschaltung Tumorzellen vernichten kann.

Was hat Sie bewogen, das Thema seltene Erkrankungen in den Fokus zu rücken?

Der „Blick über den Tellerrand“, das Erlernen von Techniken aus chirurgischen Nachbardisziplinen sowie die Diskussion fachübergreifender Lösungen verbessert am Ende das Behandlungsergebnis

Rüdiger Gerlach

Rosahl: Wir haben in Erfurt einen neurochirurgisch geprägten Schwerpunkt für seltene Erkrankungen wie Neurofibromatose oder Syringomyelie. Solche Erkrankungen brauchen unbedingt Foren, um Behandlungsfortschritte erzielen zu können. Die Überwindung intersektoraler Grenzen, das Aufholen auf dem Gebiet der Digitalisierung in der Medizin – Stichwort künstliche Intelligenz – oder die Schaffung der richtigen Anreize, zum Beispiel durch qualitätsorientierte Vergütung. Nachholbedarf haben wir aber auch bei einheitlichen Behandlungsstandards und der Transparenz medizinischer Qualität. Auf dem Gebiet der Neurofibromatose bewegt sich diesbezüglich in Deutschland Einiges – und Erfurt spielt dabei keine unwesentliche Rolle.

Gerlach: Oft sind mehrere Fachbereiche im Klinikum in die Behandlung von Patienten mit seltenen Erkrankungen involviert. Der „Blick über den Tellerrand“, das Erlernen von Techniken aus chirurgischen Nachbardisziplinen sowie die Diskussion fachübergreifender Lösungen verbessert am Ende das Behandlungsergebnis – ein typischer Effekt von Zentrenbildung und Interdisziplinarität, was zunehmend von den Kostenträgern erkannt wird, aber auch honoriert werden muss.

In der Session „Elektroden im Gehirn“ geht es um neue Ansätze und Herausforderungen der Tiefen Hirnstimulation. Können Sie ein Beispiel nennen?

Gerlach: Elektroden werden nicht nur im Gehirn, sondern auch anderen Bereichen wie in der Nähe des Rückenmarks oder an peripheren Nerven eingesetzt. Diese modulierenden Verfahren werden etwa zur Behandlung unerträglicher Schmerzen angewandt und helfen, daraus resultierende psychische und sozialmedizinische Einschränkungen der Betroffenen zu lindern.

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Wie sehr liegt Ihnen das Thema Gleichstellung der Geschlechter in der Neurochirurgie am Herzen, dem ebenfalls eine ganze Session eingeräumt wurde?

Rosahl: Hier ist es dringend an der Zeit für eine gemeinsame Anstrengung, um zunächst mal den numerischen und Lobby-Nachteil auszugleichen. Die Neurochirurgie ist ein noch sehr männerdominiertes Fachgebiet der Medizin. Obwohl seit über 20 Jahren mehr als die Hälfte der Medizinstudierenden weiblich sind, an manchen Universitäten inzwischen gar zwei Drittel. Dagegen ist statistisch nur knapp jede fünfte Facharztstelle weiblich besetzt und nur neun Prozent der Fachabteilungen werden von Frauen geführt. Die Neurochirurgie steht damit auch im Vergleich mit anderen chirurgischen Disziplinen hintenan. Was genau die Gründe sind und wie wir die Kluft verringern können, werden wir diskutieren und darauf bin ich sehr gespannt.


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie

11.05.2021

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