Metabolom-Forschung

Multimorbidität: Forscher sind gemeinsamen Ursachen auf der Spur

Viele ältere Menschen leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig, die häufig eine gemeinsame Ursache haben. Dies weisen Wissenschaftler des Berlin Institute of Health (BIH) in der Charité – Universitätsmedizin Berlin gemeinsam mit Kollegen aus München und Großbritannien nach.

Hierzu werteten sie Daten von mehr als 11.000 Studienteilnehmern aus, von denen sowohl Krankheitsverläufe als auch Blutwerte vorlagen. Die Ergebnisse erlauben einen umfassenden Ansatz der Prävention von Krankheiten. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler nun in der Zeitschrift Nature Medicine veröffentlicht.

Photo
Die Abbildung zeigt die Verbindungen zwischen verschiedenen Krankheiten basierend auf mit ihnen verbundenen Metaboliten

Bildquelle: Pietzner et al., Nature Medicine 2021; © BIH/Maik Pietzner

Multimorbidität schränkt die Lebensqualität von Betroffenen oft stark ein, sie erhalten Medikamente von verschiedenen Ärzten, die oft nicht ausreichend aufeinander abgestimmt sind. Beobachtungen weisen darauf hin, dass bestimmte Erkrankungen häufiger gemeinsam auftreten, die Ursachen hierfür liegen jedoch weitgehend im Dunkeln.

In der aktuellen Studie fanden die Forscher eine Reihe von Stoffwechselvorgängen, die nicht nur mit einer, sondern gleichzeitig mit bis zu 14 Erkrankungen verbunden sind. Die Wissenschaftler werteten hierzu Daten von mehr als 11.000 Teilnehmern der prospektiven EPIC-Norfolk Gesundheitsstudie aus. Diese erfasst sowohl Messwerte aus dem Blut als auch klinische Daten zu Krankheiten. „Wir wollten wissen, ob es bestimmte Marker im Blut gibt, die das Risiko nicht nur für eine, sondern für mehrere Krankheiten gleichzeitig beeinflussen“, erklärt Claudia Langenberg, Leiterin der AG Computational Medicine am BIH. Dazu untersuchten die Wissenschaftler zunächst die Konzentration von hunderten verschiedenen Molekülen in den Blutproben der Studienteilnehmer. Danach prüften sie, wie die Konzentration einzelner dieser Metaboliten mit insgesamt 27 schweren Erkrankungen der Teilnehmer zusammenhing. Die Metaboliten umfassten nicht nur bekannte Stoffwechselprodukte wie etwa Zucker, Fette, oder Vitamine, sondern auch Substanzen, deren Konzentration von genetischen oder Umweltfaktoren abhängt. So konnten die Wissenschaftler mit dem so genannten „molekularen Profiling“ zum Beispiel Abbauprodukte von Medikamenten, Kaffeekonsum oder den Beitrag von Darmbakterien nachweisen.

Die Blutproben waren den Teilnehmern bereits vor 20 Jahren abgenommen worden und lagerten seither bei Minus 196°C. Damals waren die Menschen zumeist gesund. Welche Krankheiten sie danach entwickelten, wurde systematisch und detailliert über mehr als 20 Jahre durch elektronische Krankenhausdaten erfasst. „Damit konnten wir erforschen, wie die Konzentration im Blut von hunderten Molekülen mit der Entstehung einer oder multipler Erkrankungen zusammenhängt“, erklärt Claudia Langenberg. So fand das Team heraus, dass die Konzentration mancher Stoffwechselprodukte im Blut mit einer beeinträchtigten Leber- und Nierenfunktion zusammenhing, mit Übergewicht oder einer chronischen Entzündung. Sie entdeckten aber auch, dass bestimmte Lebensstilfaktoren oder eine verminderte Vielfalt der Darmbakterien, des sogenannten Darmmikrobioms, die Blutwerte beeinflussen und damit Hinweise auf die Entwicklung von Krankheiten im Verlauf der Jahre gaben. Es zeigte sich, dass die Hälfte aller nachgewiesenen Moleküle mit einem erhöhten oder erniedrigten Risiko für mindestens eine Krankheit in Verbindung stand. Der überwiegende Teil tat dies mit mehreren, teils sehr verschiedenen Erkrankungen und wies damit auf Stoffwechselwege hin, die das Risiko für Multimorbidität erhöhen.

Dieser Artikel könnte Sie auch interessieren

„Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass eine erhöhte Konzentration des zuckerähnlichen Moleküls N-Actelylneuraminat das Risiko für gleich 14 Erkrankungen erhöhte“, erklärt Maik Pietzner, Wissenschaftler bei Claudia Langenberg und Erstautor der Publikation. „Gamma-Glutamylglycin dagegen steht ausschließlich mit dem Auftreten von Diabetes in Zusammenhang. Andere Mitglieder der gleichen Molekülgruppen erhöhen gleichzeitig das Risiko für Leber- und Herzerkrankungen.“ Claudia Langenberg ergänzt: „Insgesamt haben wir beobachtet, dass zwei Drittel der Moleküle mit dem Auftreten von mehr als einer Erkrankung verbunden sind. Das passt zu der Tatsache, dass Patientinnen und Patienten im Laufe ihres Lebens oft eine ganze Reihe von Krankheiten entwickeln. Wenn es uns nun gelingt, diese Schlüsselfaktoren zu beeinflussen, sollte dies ermöglichen, mehreren Krankheiten gleichzeitig zu begegnen.“

Die umfangreichen Analysen der Wissenschaftler erlauben einen Einblick auf die verschiedenen Einflussfaktoren auf den menschlichen Stoffwechsel, der bislang in dieser Detailschärfe nicht möglich war. Um diese Referenz Wissenschaftlern in aller Welt zugänglich zu machen, haben die Autoren eigens eine Webanwendung entwickelt, omicscience.org. Sie stellt alle Ergebnisse grafisch aufbereitet frei zur Verfügung, damit sie in neuen Studien weiterverwendet werden können. Claudia Langenberg fügt hinzu: „Die Webseite ermöglicht es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, für jedes Molekül, für das sie sich interessieren, wesentliche Einflussfaktoren zu bestimmen oder völlig neue Zusammenhänge zu Erkrankungen zu entdecken. All das war nur möglich, weil wir einen systematischen und datenorientierten Ansatz verwendet haben.“


Quelle: BIH - Berliner Institut für Gesundheitsforschung

12.03.2021

Mehr aktuelle Beiträge lesen

Verwandte Artikel

Photo

Studie zeigt

Vitamin D senkt Sterblichkeit vor Hüft-OPs

Eine von Forschern der Rutgers University geleitete Studie hat ergeben, dass ältere Patienten ohne Vitamin-D-Mangel nach einer Operation wegen einer Hüftfraktur eine höhere Chance haben, danach…

Photo

Niedrigeres Gewicht, höheres Alzheimer-Risiko

Übergewicht ist ungesund. Doch in bestimmten Konstellationen können sich einige Pfunde mehr als günstig erweisen. So tragen Menschen mit einem niedrigeren Body Mass Index (BMI) ein höheres Risiko…

Photo

Singulett-Kontrast-Bildgebung

Hyperpolarisierte MRT ermöglicht Echtzeit-Blick auf Stoffwechselprozesse

Ein neues Feld, sowohl für die Forschung als auch für die Anwendung, ist die hyperpolarisierte Magnetresonanztomografie. Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des…

Verwandte Produkte

Fujifilm Wako – Autokit Total Ketone Bodies Assay

Clinical Chemistry

Fujifilm Wako – Autokit Total Ketone Bodies Assay

FUJIFILM Wako Chemicals Europe GmbH
Sarstedt – Low DNA Binding Micro Tubes

Research Use Only (RUO)

Sarstedt – Low DNA Binding Micro Tubes

SARSTEDT AG & CO. KG
Shimadzu – CLAM-2030

Research Use Only (RUO)

Shimadzu – CLAM-2030

Shimadzu Europa GmbH
Newsletter abonnieren