Artikel • Globale Erwärmung

Klimawandel & Gesundheit: Grün ist die Hoffnung

Die von Menschen verursachte globale Erwärmung ist eines der wichtigsten und meistdiskutierten Themen dieser Zeit, Verbindungen zu Medizin und Gesundheitswesen wurden bislang allerdings kaum gezogen. Dabei zählt die Branche nicht nur zu den weltweit größten Mitverursachern – der Klimawandel und seine Folgen werden hier voraussichtlich besonders schmerzhafte Spuren hinterlassen.

Bericht: Wolfgang Behrends

Bildquelle: Shutterstock/anttoniart 

Auf der Medica-Session ‚Health tech & climate change‘ sprachen Experten über die Ursachen und gesundheitlichen Auswirkungen der Klimakrise, aber auch über Lösungen, mit denen Mediziner, Klinikleiter und die Industrie der globalen Erwärmung entgegenwirken können.

Wir brauchen Menschen wie Greta, die uns immer wieder klarmachen, dass sich jetzt etwas ändern muss

Markus Müschenich

Flugzeuge dienen oft als Sinnbild für den menschengemachten Klimawandel – dabei trägt die Gesundheitsbranche mit 4,9% des weltweiten Ausstoßes an Treibhausgasen noch deutlich vor dem Luftverkehr (3,0%) zur Erwärmung des Planeten bei.1,2 Das liegt vor allem an der Herstellung von Medikamenten und medizinischer Ausstattung, aber auch der hohe Energiebedarf von Kliniken und Praxen spielt dabei eine große Rolle.3 Die problematische Rolle der Branche dürfte sich sogar noch verschärfen, denn im Gegensatz zu vielen anderen Industriezweigen ist der CO2-Ausstoß im Gesundheitswesen nicht rückläufig, sondern ist in den vergangenen Jahren sogar weiter angestiegen, wie Moderator Dr. Markus Müschenich am Beispiel von Deutschland aufzeigte. „Es gibt allerdings ein Licht am Ende des Tunnels“, bemerkte der Experte der Life-Science Holding Eternity.Health mit Blick auf den aktuellen UN-Klimagipfel COP26. Hier hätten sich zahlreiche Nationen zur klimafreundlichen Umgestaltung ihres Gesundheitswesens verpflichtet – mit Investitionen im vierstelligen Milliardenbereich über die kommenden 30 Jahre.4 Doch selbst mit derartigen Summen sei es nicht getan, betonte Müschenich – das Ziel der Klimaneutralität könne nur erreicht werden, wenn Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und engagierte Aktivisten an einem Strang ziehen: „Wir brauchen Menschen wie Greta, die uns immer wieder klarmachen, dass sich jetzt etwas ändern muss.“

Das Medica-Panel diskutierte über die Auswirkungen des Klimawandels auf das...
Das Medica-Panel diskutierte über die Auswirkungen des Klimawandels auf das Gesundheitswesen (von links): Dr. Kristin Hünninghaus, Vera Hahn, Chiara Lotte Noack, Dr. Markus Müschenich und Dr. Maiya Shibasaki.

Foto: HiE/Behrends

Bildgebung mit besserer Öko-Bilanz

Dass dieser Anspruch auch seitens der Industrie ernst genommen wird, machte Dr. Maiya Shibasaki deutlich. Die Leiterin des Bereichs Nachhaltigkeit bei Siemens Healthineers sieht Firmen in der Pflicht, ihre Strukturen mit Blick auf den Klimawandel neu auszurichten. Dazu zählt die Reduzierung des CO2-Fußabdrucks bei der Produktion ebenso wie die Entwicklung klimafreundlicherer Produkte. „Bildgebende Geräte können mit ihrem hohen Energieverbrauch zu einer schlechten Umweltbilanz von Kliniken beitragen. Dem wollen wir mit der Entwicklung energieeffizienterer Produkte entgegenwirken.“ Einen besseren Öko-Fußabdruck strebt das Unternehmen auch mit seiner ‚Ecoline‘-Produktlinie an; bildgebende Systeme wie CT-, MRT-, Angiografie- oder Mammografie-Scanner, die aus nachhaltig gewonnenen Materialien konstruiert und mit wiederverwendeten Komponenten aufbereitet werden. 

Digitalisierung sei ein weiterer wichtiger Schlüssel zu mehr Nachhaltigkeit, betonte Shibasaki: „Sie hilft bei der Optimierung bestehender Technologien, bei der Reduzierung des Ressourcenverbrauchs, bei der Diagnostik und Therapie von Patienten.“ Entscheidend sei jedoch, dass alle Beteiligten gemeinsam auf das Ziel eines ‚grüneren‘ Gesundheitswesens hinarbeiten: „Es reicht nicht, bis morgen zu warten, um etwas zu verändern – wir müssen jetzt etwas tun.“

Auf dem Weg zum ‚grünen‘ Klinikum

Wie der klimafreundliche Kurswechsel in Krankenhäusern aussehen kann, berichtete anschließend Dr. Kristin Hünninghaus. Als eine Nachhaltigkeitsbeauftragte im Bereich der Ernährungstransformation am Universitätsklinikum Essen trägt sie dazu bei, das 1.300-Betten-Haus zum ‚Green Hospital‘ umzugestalten. Denn immerhin sei die „Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesundheit der Menschen“ in den Grundsätzen der Berufsordnung für Ärzte festgeschrieben, Mediziner also von oberster Stelle zu Nachhaltigkeit verpflichtet. Dafür stehen den Kliniken eine Reihe von Stellschrauben zur Verfügung, erklärte Hünninghaus: Durch Nutzung von Ökostrom, besseres Abfallmanagement, Umstellung auf Elektromobilität und öffentliche Verkehrsmittel, aber auch durch Anpassung der Speisepläne unternehme das Klinikum maßgebliche Schritte, um seinen Klima-Fußabdruck zu verkleinern. 

Eine Ernährung mit wenig Fleisch und anderen tierischen und hochprozessierten Lebensmitteln ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern hilft auch, einige der häufigsten Krankmacher wie Übergewicht oder Diabetes zu bekämpfen

Kristin Hünninghaus

Als zentralen Aspekt hob die Expertin das Essen hervor: „Hier können wir sogar mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn eine Ernährung mit wenig Fleisch und anderen tierischen und hochprozessierten Lebensmitteln ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern hilft auch, einige der häufigsten Krankmacher wie Übergewicht oder Diabetes zu bekämpfen.“ Durch die Verwendung regionaler und saisonaler Lebensmittel ließen sich darüber hinaus nicht nur transportbedingte CO2-Emissionen verringern, sondern sogar Kosten sparen. Der konsequente Einsatz von Digitalisierung trage darüber hinaus dazu bei, die benötigten Ressourcen effektiv zu nutzen und die Menge weggeworfener Lebensmittel zu reduzieren. 

Viele der gesundheitsrelevanten Missstände auf der Welt ließen sich auf vom Menschen verursachte Eingriffe in die Natur zurückführen, zählte die Expertin auf: „Massentierhaltung trägt zur Verbreitung von Antibiotikaresistenzen bei, industriell betriebene Landwirtschaft entzieht vielen Menschen den Zugang zu trinkbarem Wasser. Selbst für die Verbreitung gefährlicher Zoonosen – darunter SARS-CoV-2 – ist der Mensch durch massive Abholzung tierischer Lebensräume mitverantwortlich.“

„Der Klimawandel ist auch ein medizinischer Notfall“

Ein häufig vorgebrachter Kritikpunkt an Klima-Runden ist, dass diejenigen, die die Konsequenzen des Wandels zu spüren bekommen werden, selbst nicht zu Wort kommen. Umso mehr Aufmerksamkeit wurde daher Chiara Lotte Noack zuteil, die als Medizinstudentin an der Uni Düsseldorf und Jüngste in der Runde ihre Rolle als Stimme der kommenden Generation wahrnahm. 

Gesunde Menschen kann es nur auf einem gesunden Planeten geben. Das ist unsere Verantwortung

Chiara Lotte Noack

„Während des Medizinstudiums werden die Folgen des Klimawandels bislang überhaupt nicht thematisiert – das ist schockierend, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen er auf meine berufliche Zukunft haben wird.“ Noack wies in diesem Rahmen auf eine weitere Folge des Klimawandels mit hoher gesundheitlicher Relevanz hin: Steigende Temperaturen, die sich bereits jetzt durch Hitzewellen, Dürren und Waldbrände bemerkbar machen, werden durch die Ausbreitung von Tropenkrankheiten5 und die Zunahme hitzebedingter Herzinfarkte, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenversagen, Atemwegserkrankungen und Stoffwechselstörungen das Gesundheitswesen zunehmend prägen.6 „Der von Menschen verursachte Klimawandel bedroht schon jetzt große Teile der Bevölkerung – mehr noch als die aktuelle Covid-19-Pandemie. Auf dem Deutschen Ärztetag im November wurde das Thema daher zu Recht als höchste Priorität eingestuft", betonte die Studentin. Die Bevölkerung müsse durch eine klare Gesetzgebung vor diesen Risiken geschützt werden; sowohl auf präventiver Ebene – etwa durch die Reduzierung des CO2-Ausstoßes – als auch durch Hitzeschutz-Vorgaben im Bau- und Arbeitsrecht sowie die Erstellung konkreter Notfallpläne. 

Um diese Ziele durchzusetzen, bedürfe es Initiativen wie ‚Health for Future‘, einem Zusammenschluss von Akteuren des Gesundheitswesens im Geiste der ‚Fridays for Future‘-Bewegung. Die Organisation macht sich unter anderem für die Einhaltung der 1,5-Grad-Marke nach dem Pariser Klimaabkommen sowie Klimaneutralität in Deutschland bis 2035 stark. Nicht zuletzt müsse der Klimawandel einen festen Platz in den Curricula der medizinischen Ausbildung erhalten, so Noack und appellierte abschließend an ihre Kollegen: „Wir müssen deutlich machen, dass der Klimawandel auch ein medizinischer Notfall ist, und wir müssen handeln – auf persönlicher, beruflicher, sozialer und politischer Ebene. Gesunde Menschen kann es nur auf einem gesunden Planeten geben. Das ist unsere Verantwortung.“

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Demonstration der 'Fridays for Future'-Bewegung in Berlin

Bildquelle: Unsplash/Mika Baumeister

Ökologisch oder ökonomisch? Kein Widerspruch (mehr)

Dieser Verantwortung müssen sich auch die großen Konzerne stellen, pflichtete anschließend Vera Hahn bei, die als Senior Vice President Corporate Sustainability bei der Bayer AG noch einmal die Perspektive der Firmen aufgriff. Der Umgang mit dem Klimawandel sei für Bayer transformativ, immerhin seien die Hauptgeschäftsfelder des Unternehmens – Gesundheit und Landwirtschaft – eng mit der Erwärmung des Planeten verwoben. „Trotz unseres aktuellen wirtschaftlichen Erfolgs können wir nicht weitermachen wie bisher, wir müssen uns grundlegend verändern.“ 

Bei vielen Investoren steht das Thema ganz oben auf der Liste, das können die Unternehmen nicht ignorieren

Vera Hahn

Der Weg zu mehr Nachhaltigkeit stehe für Unternehmen mittlerweile jedoch nicht mehr im Widerspruch zu wirtschaftlichem Handeln, betonte Hahn: Interessenvertreter wie Aktionäre, aber auch die Kunden fordern zunehmend ein umweltbewusstes Handeln der Firmen ein. „Bei vielen Investoren steht das Thema ganz oben auf der Liste, das können die Unternehmen nicht ignorieren.“ 

Die Transformation zum ‚grünen‘ Unternehmen sei bei Bayer bereits in vollem Gange; Fabrikanlagen sollen bis 2030 ihren CO2-Ausstoß um 30% verringern, das auch als ‚Net Zero‘ bezeichnete Ziel der Klimaneutralität bis 2050 erreicht werden. Die Abkehr von Monokulturen zugunsten von größerer Biodiversität steht ebenfalls auf der Klima-Agenda des Konzerns. „Für diese Umstellung reicht es nicht, Nachhaltigkeit als einen Geschäftsbereich unter vielen zu sehen“, betonte Hahn. „Sie muss ein Teil der Unternehmens-DNA werden.“ 

Für die Konzerne gelte es, diese Entwicklung als Chance zu begreifen, so die Expertin: „Der Klimawandel ist eine enorme Bedrohung für uns alle. Aber die Suche nach Lösungen kann uns auch zur Entwicklung innovativer Produkte anspornen, die uns im besten Fall ganz neue Märkte eröffnen.“ Neben umweltbewussten Verbrauchern in den Industriestaaten sind damit Entwicklungs- und Schwellenländer gemeint, deren wachsender Bedarf an Nahrungsmitteln und Zugang zu Gesundheitsversorgung von Firmen wie Bayer aufgefangen werden könne. 

Die Bedeutung des Klimawandels für das Gesundheitswesen habe in den vergangenen Jahren deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen, resümierte Moderator Müschenich. Vielleicht sei es auf der nächsten Medica ja an der Zeit, dieser Entwicklung mit einem dezidierten Klima-Forum Rechnung zu tragen, so seine Anregung. „Der Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit ändert sich, gerade im Gesundheitswesen – und es ist eine Entwicklung, für die es sich zu kämpfen lohnt.“ 


Quellen:

  1. The 2021 report of the Lancet Countdown on health and climate change: code red for a healthy future; https://doi.org/10.1016/S0140-6736(21)01787-6
  2. Klimaschutzreport 2020, Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft; https://www.bdl.aero/de/publikation/klimaschutzreport/
  3. Delivering a ‘Net Zero’ National Health Service report, NHS; https://www.england.nhs.uk/greenernhs/a-net-zero-nhs/
  4. Berechnung basierend auf
    1. A Clean Planet for all – A European strategic long-term vision for a prosperous, modern, competitive and climate neutral economy, Europäische Kommission; https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:52018DC0773
    2. Net-Zero Europe – Decarbonization pathways and socioeconomic implications, McKinsey & Company; https://www.mckinsey.com/~/media/mckinsey/business%20functions/sustainability/our%20insights/how%20the%20european%20union%20could%20achieve%20net%20zero%20emissions%20at%20net%20zero%20cost/net-zero-europe-vf.pdf
    3. Global Road Map for Health Care Decarbonization, Health Care Without Harm & Arup, https://www.arup.com/-/media/arup/files/publications/h/hcwh-road-map-for-health-care-decarbonization.pdf
    4. Gesundheitsausgaben im Jahr 2019, Statistisches Bundesamt; https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Gesundheitsausgaben/_inhalt.html
  5. Auswirkungen des Klimawandels auf die Verbreitung krankheitsübertragender Tiere: Importwege und Etablierung invasiver Mücken in Deutschland, Umweltbundesamt 2015; https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/auswirkungen-des-klimawandels-auf-die-verbreitung
  6. Schätzung hitzebedingter Todesfälle in Deutschland zwischen 2001 und 2015, Bundesgesundheitsblatt 2019; https://doi.org/10.1007/s00103-019-02932-y

25.01.2022

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