Fakten zu Asbest

Eingeatmete Asbestfasern dringen bis tief in die Lungenalveolen ein und können – in den meisten Fällen – nicht vom Körper eliminiert werden. An der Lunge verursachen sie eine Fibrose mit UIP-Muster, die eigentliche Asbestose.

Low-Dose–Volumen-CT des gleichen Probanden, eff. Dosis 1 mSv. Parietale,...
Low-Dose–Volumen-CT des gleichen Probanden, eff. Dosis 1 mSv. Parietale, tafelbergartige Verdickungen
der Pleura mit Verkalkungen, morphologisch hochcharakteristisch für eine asbestfaserinduzierte
Erkrankung der Pleura. (Pfeile)
Verkalkte Pleuraplaques beidseits in Aufsicht (en face), dünner Pfeil in den...
Verkalkte Pleuraplaques beidseits in Aufsicht (en face), dünner Pfeil in den Oberfeldern und rechts im Mittelfeld lateral an der Thoraxwand dicker Pfeil

Berliner Erklärung
Auf dem diesjährigen Deutschen Krebskongress im Februar wurde die „Berliner Erklärung zu Gesundheitsrisiken durch Asbest und zur Lage der asbestbedingt Erkrankten“ veröffentlicht. Darin mahnen die Unterzeichner – Experten nationaler und internationaler Krebsgesellschaften, Selbsthilfegruppen und andere Organisationen – vor der steigenden Anzahl asbestbedingter Erkrankungen. Trotz eines Verbots hierzulande im Jahr 1993 sind die Auswirkungen des massenhaften Einsatzes von Asbest bis heute spürbar: Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) dokumentierte im Jahr 2012 über 2.000 berufsbedingte Todesfälle, die aus typischen asbestbedingten Erkrankungen resultierten. Der Scheitelpunkt ist damit jedoch längst nicht erreicht. Aufgrund der langen Latenzzeit, die zwischen zehn und 50 Jahren liegt, erwarten die Experten den Höhepunkt der Erkrankungswelle erst in den 2020er-Jahren.

Der Berufskrankheit auf der Spur
Neues Angebot für beruflich asbestfaserexponierte Versicherte PD Dr. Karina Hofmann-Preiß, Fachärztin für Diagnostische Radiologie am Institut für bildgebende Diagnostik und Therapie in Erlangen, ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Diagnostische Radiologie arbeits- und umweltbedingter Erkrankungen der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG). Im Interview erläutert sie die Rolle der Radiologie bei der Erkennung asbestbedingter Berufskrankheiten und das neue Angebot der Berufsgenossenschaften zur verbesserten Erkennung von Lungenkrebs bei ehemals asbestexponierten Arbeitnehmern.

RöKo Heute: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Erkrankung und Asbestkontamination?
Hofmann-Preiß: Bei bekannter Asbestexposition lässt sich dieser Zusammenhang recht zuverlässig herstellen. Es gibt sehr charakteristische Veränderungen am Rippenfell, sogenannte parietale Verdickungen der Pleura. Diese Veränderungen, die aussehen wie kleine Tafelberge, können fast immer einer asbestfaserinduzierten Erkrankung zugeschrieben werden. Schwieriger ist es allerdings, die eigentliche Lungenerkrankung einzuordnen. Denn Lungenfibrosen können vielfältige Ursachen haben und sofern zusätzlich keine Veränderungen des Rippenfells vorliegen, ist der Befund nur schwer zuzuordnen.

Was können Versicherte tun, um eine berufsbedingte Asbesterkrankung diagnostizieren zu lassen?
Schon seit vielen Jahren können Arbeitnehmer, die nachweislich beruflich asbestexponiert waren, eine durch die Berufsgenossenschaften angebotene nachgehende arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung in Anspruch nehmen. Im Rahmen dieser Untersuchung wird auch eine Lungenübersichtsaufnahme durchgeführt. Mit dieser Untersuchung lassen sich Veränderungen am Rippenfell oder an der Lunge feststellen – allerdings meist erst in einem relativ fortgeschrittenen Stadium. Zudem wissen wir, dass bei dieser Fragestellung Thoraxaufnahmen zwischen 30 und 50 Prozent der Fälle falsch-positive oder falsch-negative Befunde liefern.

Das Röntgen scheint damit kein besonders zuverlässiges Verfahren zur Früherkennung einer Erkrankung zu sein ...
Für einen Großteil der potenziell Betroffenen ist es aber nach wie vor das beste zur Verfügung stehende Verfahren. Man darf nicht vergessen: Die Untersuchung ist ein Angebot der Berufsgenossenschaften und nicht jeder Arbeitnehmer, der asbestfaserexponiert war, nimmt dieses Angebot in Anspruch und nicht jeder erkrankt in seinem späteren Leben.
Neueste Erkenntnisse haben jedoch gezeigt, dass es innerhalb der Gruppe der Asbestexponierten eine Untergruppe gibt, die ein stark erhöhtes Lungenkrebsrisiko hat: die Raucher. Basierend auf den Ergebnissen des National Lung Screening Trials (NLST) in den USA brachte die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) nun ein erweitertes Angebot für diese Untergruppe auf den Weg. Künftig sollen Menschen über 55 Jahre, die auf mehr als 30 Packungsjahre zurückblicken und vor 1985 für mindestens zehn Jahre asbestfaserexponiert waren, das Angebot einer Niedrigdosis-CT-Untersuchung anstelle der Thoraxübersichtsaufnahme erhalten. Bei dieser Untersuchung soll im Normalfall die effektive Dosis deutlich unter 1 Millisievert liegen.

Das Thema Lungenkrebs-Screening wird hierzulande sehr kontrovers diskutiert. Ist dieser Schritt nicht etwas gewagt?
Es wurden sehr rigide Protokolle erarbeitet und dieses Angebot wird es ausschließlich in spezialisierten Zentren geben. Die Zahlen, die der Aachener Arbeitsmediziner Prof. Dr. Thomas Kraus veröffentlichte, sprechen außerdem dafür, dass es sich um eine so stark gefährdete Klientel handelt, dass die Strahlenexposition verhältnismäßig ist. In der Aachener Studie wurde bei 4,8 Prozent der Untersuchten ein Lungenkarzinom gefunden. Dieser Prozentsatz ist weitaus höher als der Durchschnitt in der Gesamtbevölkerung.
Aber natürlich müssen wir uns die ersten Untersuchungen genauestens anschauen und die Protokolle überprüfen. Entscheidend ist, dass es ein solches Angebot überhaupt gibt und dass eine ausführliche Aufklärung der Betroffenen stattfindet.

Vielen Dank für das Gespräch!

INFOS ZU ASBEST
Begriff: Asbest steht für eine Gruppe sehr beständiger und nicht brennbarer Minerale, die seit dem Altertum zum Brandschutz und zur Isolation eingesetzt wurden. Gefahren: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts erkannte man die gesundheitlichen Gefahren, die durch das Einatmen von Asbestfasern auftreten. Erste Schutzvorschriften wurden in Deutschland in den 1970er-Jahren erlassen, seit 1993 ist der Einsatz von Asbest verboten. Gesundheitliche Auswirkungen: Eingeatmete Asbestfasern dringen bis tief in die Lungenalveolen ein und können – in den meisten Fällen – nicht vom Körper eliminiert werden. An der Lunge verursachen sie eine Fibrose mit UIP-Muster, die eigentliche Asbestose. Darüber hinaus entstehen durch Asbestfasern charakteristische Veränderungen am Rippenfell (sogenannte Pleuraplaques). Nach Asbestfaserexposition treten zudem häufiger als in der Normalbevölkerung Krebserkrankungen der Lunge und des Kehlkopfes auf, auch Mesotheliome der Pleura und des Peritoneums werden durch Asbestfasern verursacht. Die Latenzzeit dieser Erkrankungen liegt zwischen zehn und 50 Jahren.

30.05.2014

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