Die Gesundheitstechnologien müssen an die individuellen Bedürfnisse des...
Die Gesundheitstechnologien müssen an die individuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst werden, so Jochen Klucken.

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Artikel • Gesundheitstechnologien

Digitale Medizin: auf Patienten, nicht auf Daten fokussieren

Künstliche Intelligenz, Wearables oder Gesundheits-Apps – der digitale Wandel hat die Medizin erreicht. Die Digitalisierung schafft neue Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten und erleichtert die Kommunikation der Akteure. Professor Jochen Klucken fordert, die Patientinnen und Patienten stärker in die Behandlung einzubinden.

Bericht: Sascha Keutel

Mit der Entwicklung digitaler Tools für das Monitoring („Digital Diagnostics“) oder die Therapieunterstützung („Digital Therapeutics“) verlagert sich die Patientenversorgung zunehmend von der Arztpraxis in den Heimbereich. Problematisch ist, dass der Fokus noch zu sehr auf der Erhebung, Sammlung und Verarbeitung von Daten liegt. „Wenn man auf die aktuelle Versorgung schaut, dann sieht man, dass alles noch unverbunden ist. Jeder kocht noch sein eigenes Süppchen. Daten werden nicht gut ausgetauscht“, bemängelte Professor Jochen Klucken, Professor für Digitale Medizin an der Universität Luxembourg, auf der Pressekonferenz im Vorfeld des Kongresses für Klinische Neurowissenschaften der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN).

Treiber der Digitalisierung seien die Medizininformatik und die Ingenieurswissenschaften. Deren Fokus sei es, Daten verfügbar und interoperabel zu machen. „Derzeit schauen wir primär auf Daten und meinen, die Digitalisierung in der Medizin sei gelöst, wenn wir die Daten ordentlich behandeln“, sagte Klucken. Doch diese „Effizienzsteigerungskonzepte“ führten nicht notwendigerweise zu einem Nutzen in der Patientenversorgung bzw. für den Patienten selbst.

Vielmehr müsse es darum gehen, die Gesundheitstechnologien an die individuellen Bedürfnisse des Patienten anzupassen. Denn diesen gehe es in der Regel nicht dadurch besser, dass ihre Daten verfügbar sind und von verschiedenen Akteuren gesehen werden können.

Klucken forderte, in Zukunft die Patienten in den Mittelpunkt zu stellen und zu klären, wie Tools ihnen am besten dienen können. „Patientenzentrierte Gesundheitstechnologien bieten eine große Chance, erstklassige Medizinprodukte zu entwickeln, die das Leben der Patientinnen und Patienten verbessern“, sagte er.

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Transparenz und Qualitätskontrolle

In der digitalen Medizin gehe es um mehr als die Verarbeitung von Daten, es gehe um die datengetriebene Versorgung, so Klucken. Die digitale Medizin stelle sich komplementär auf, indem nicht nur auf die Daten geschaut, sondern auf die medizinische Anwendung und Fragen nach deren Funktionalität gestellt würden. Wird dem Patienten mit digitalen Tools tatsächlich geholfen? Welche neuen Möglichkeiten entstehen daraus? Gibt es klinische Evidenz, ob ein Tool hilft?

„Das beste Beispiel für diese Entwicklung sind die sogenannten digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs). Die Apps auf Rezept werden Patientinnen und Patienten stärker in die Behandlung einbinden und gleichzeitig datengetriebene Forschung enger mit dem Versorgungsalltag verbinden“, so die Einschätzung des Mediziners.

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Die besonderen Charakteristika der DiGAs lägen unter anderem in ihrem Fokus auf den Patienten. „Die DiGAs sind patientenzentriert: Sie sind nicht der verlängerte Arm des Arztes als diagnostische Telemonitoring-Lösung, sondern müssen einen direkten Effekt beim Patienten erzielen“, betonte Klucken.

Zudem müssten sie „schlau“ sein und dabei eine Funktionalität besitzen, die eine Versorgungsunterstützung beinhaltet. Es sollte also nicht nur ein EKG sein, bei dem der Arzt die Home-Daten angezeigt bekomme, sondern diese Werte müssten intelligent aufbereitet oder präsentiert werden. Ebenso müsse eine DiGA als Medizinprodukt zertifiziert sein und dementsprechend auch eine konkrete Zweckbestimmung haben. „Der ist bei den DiGAs klassischerweise interventionell“, sagte Klucken.

Nicht zuletzt müssten DiGAs evidenzbasiert sein. In einer klinischen Studie muss nachgewiesen werden, dass sie einen medizinischen Mehrwert schaffen. Sie müssen einen positiven Versorgungseffekt haben.

„Es ist ziemlich spannend, dass der Gesetzgeber dies alles miteinander kombiniert hat. Das ist völlig neu, das gibt es so bislang in der Medizin noch nicht – außer vielleicht bei Medikamenten“, sagte Klucken. Daher böten DiGAs eine großartige Möglichkeit für Start-ups und Innovatoren, die an diesen medizintechnischen Lösungen arbeiteten. Denn mit den ca. 73 Millionen einheitlich Versicherten in Deutschland gebe es nun erstmals einen großen Markt für solche digitale Tools.

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Abschließend hob Klucken einen weiteren Aspekt hervor, der für den Versorgungsalltag und für den Patienten relevant sei: die Rückfinanzierung beim Nachweis positiver Versorgungseffekte. Diese können entweder durch medizinischen Nutzen oder patientenrelevante Struktur- und Verfahrensverbesserungen nachgewiesen werden. Erfolgt die Behandlung beispielsweise entlang von Leitlinien und anerkannten Standards oder werden die Patientensicherheit oder die Gesundheitskompetenz – die health literacy – erhöht, können die Hersteller der digitaler Medizinprodukte ihr Geld zurückbekommen.

„Das Framework, nämlich technische Qualität zu fordern und das zu kombinieren mit medizinischem Nutzen, das ist es, was DiGAs für mich ausmachen“, so Klucken.

22.03.2022

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