DGPM: Rasante Entwicklungen in Geburtshilfe und Neonatologie

Bildquelle: Conventus

Kongress für perinatale Medizin

DGPM: Rasante Entwicklungen in Geburtshilfe und Neonatologie

Ein positives Fazit ziehen die Organisatoren nach Abschluss des 29. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) e. V. 1.700 Experten aus dem gesamten Bereich der Geburtshilfe, Neonatologie, Hebammenwissenschaft sowie deren Nachbargebieten trafen sich vom 28. bis 30. November 2019 in Berlin.

"Das vielfältige wissenschaftliche Programm bot diverse aktuelle Ansatzpunkte für einen hochspannenden fachlichen Austausch und lebhafte Diskussionen zu den neuesten Entwicklungen in Geburtshilfe und Neonatologie", so Prof. Dr. Rolf Schlößer, Frankfurt am Main, diesjähriger Kongresspräsident der ältesten und mit Abstand größten Fachgesellschaft für das interdisziplinäre Gebiet "Perinatale Medizin" im deutschsprachigen Raum.

Einerseits ist es durch den medizinischen Fortschritt heute möglich, dass auch Frauen mit schwerwiegenden Grunderkrankungen wie kardialen Fehlbildungen, Stoffwechselstörungen oder ähnlichen Fehlbildungen schwanger werden können, was andererseits aber auch besondere Vorsorgen und medizinische Interventionen erfordern kann. Ein wichtiges Thema war die Neurologie des ungeborenen und des neugeborenen Kindes mit neuen wissenschaftlichen Entwicklungen, die aus der Grundlagenforschung schon Einzug in die klinische Forschung genommen haben, wie zum Beispiel die Behandlung mit Stammzellen.

Der rasante medizinische Fortschritt und seine praktische Umsetzung im gesamten Bereich der perinatalen Medizin zeigte sich auch im überaus vielfältigen Kongressprogramm, das mit soziologischen, philosophischen und psychologischen Aspekten weit über rein medizinische Betrachtungen hinausging. Pränatale Diagnostik sowie auch die intensivmedizinische Behandlung von extrem unreifen Frühgeborenen, die an der "Grenze der Überlebensfähigkeit" geboren werden, sind immer wieder in der Diskussion. "Es gibt wohl keine medizinische Disziplin, die sich so sehr mit ethischen Fragen konfrontiert sieht wie diejenige, die sich mit dem menschlichen Leben am Anfang beschäftigt", so Prof. Schlößer. "Immer wieder geht es um die grundsätzliche Frage, mit welchen ethischen Grundsätzen und kulturellen Einflüssen wir die Entscheidungen gemeinsam mit den Patienten treffen."

Als neue Herausforderung wurde das durchschnittlich erhöhte Lebensalter der Eltern diskutiert, mit dem nicht nur höhere medizinische Risiken für Schwangerschaft und Geburt verbunden sind, sondern auch soziologischen Folgen. Zu möglichen Folgen einer älteren Elternschaft gab es Vorträge von Geistes- und Gesellschaftswissenschaftlern mit spannenden Diskussionen.

Wenn Hebammen anständig bezahlt würden, hätten wir kein Versorgungsproblem in der Geburtshilfe

Franz Kainer

Gemeinsam mit dem DGPM-Präsidenten Prof. Dr. Franz Kainer, Nürnberg, wurde der Fokus des Kongresses auf die interdisziplinäre tägliche Arbeit in der Sorge um Mutter und Kind um die Geburt herum gelegt, wobei Schwangerschaft und Geburt von der Pränatalmedizin, der Geburtshilfe, der Hebammenwissenschaft und der Kindermedizin aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wurden. "Das Neugeborene kann man nur verstehen, wenn man das Ungeborene verstanden hat", betonte Prof. Schlößer. "Erst dann kann man bei Abweichungen von der Physiologie die richtigen medizinischen Behandlungen einleiten, indem man das Notwendige tut und das Überflüssige unterlässt." 

Neue Ansätze und Denkanstöße bot die Präsentation von Konzepten der Perinatalmedizin in Europa. Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Kinder geboren werden, deren Eltern nicht aus Deutschland stammen oder die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, war auch Perinatologie bei Migrantinnen angesichts der aktuellen Globalisierung und Migration ein wichtiges Thema, da zum Beispiel auch die Aufklärung der Patienten über Risiken der Erkrankung oder der Behandlung durch die erschwerte Kommunikation eine besondere Herausforderung darstellt. Mit einer Sitzung zu den Erfahrungen im Bereich von Schwangerschaft und Geburt aus Asien oder Afrika bot die Tagung einen Blick weit über die europäische Medizin hinaus.

Neben Präsentationen neuester wissenschaftlicher Ergebnisse, Fallvorstellungen und Expertengesprächen fungierte der Kongress auch als Forum für aktuelle berufspolitische Auseinandersetzungen. So gab es noch einmal Diskussionen mit Hintergrundinformationen zum Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses aus Ärzten und Krankenkassen (GBA) zur Qualitätssicherung und den Folgen für Perinatalzentren in Deutschland. Zur Frage nach Qualitätsindikatoren aus Sicht der Geburtshilfe wurden neue Impulse gesetzt, die als intensiver Dialog zwischen Medizin und Politik fortgesetzt werden sollen.

Anhand der vorliegenden Daten können wir zeigen, dass die GBA-Vorgabe die meisten Perinatalzentren personell in die Enge treibt

Michael Schroth

Heiß diskutiert wurde auch die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben einer 1:1-Betreuung von Frühgeborenen, die entsprechend der 2014 vom GBA erlassenen Qualitätssicherungsrichtlinie Früh- und Reifgeborene "QFR-RL" ab dem 1.1.2020 durchgesetzt werden soll und damit die Neugeborenenstationen extrem unter Druck setzen. Nach gesetzlicher Vorgabe ist für die bestmögliche Versorgung der rund 9000 Kinder, die jedes Jahr in Deutschland mit einem Gewicht von weniger als 1500 Gramm auf die Welt kommen, in jeder Schicht rund um die Uhr eine eigene neonatologische Intensivpflegekraft bereitzuhalten. Doch können solche strengen Kriterien nach einer aktuellen Studie, die bei der Tagung vorgestellt wurde, von kaum einer der 300 Frühchen-Stationen in Deutschland erfüllt werden. "Anhand der vorliegenden Daten können wir zeigen, dass die GBA-Vorgabe die meisten Perinatalzentren personell in die Enge treibt", so Prof. Dr. Michael Schroth, Nürnberg. Nur wenige deutsche Perinatalzentren könnten das dauerhaft leisten, ohne die notwendige Versorgung der anderen Patienten einzuschränken. Besonders die großen Zentren mit hoher Patientenfluktuation könnten das für das System notwendige Personal nicht immer stellen. Demnach drohe den meisten Frühchenstationen das systematische Schließen oder Abbauen von eigentlich vorhandenen Bettenkapazitäten. 

Ein wichtiges Diskussionsthema waren auch die Hintergründe des akuten Hebammenmangels in der Geburtshilfe und Versorgungsprobleme in den Kreißsälen. Prof. Kainer wies darauf hin, dass ein entscheidender Grund für den akuten Hebammenmangel in der fehlenden finanziellen Anerkennung ihrer immensen Verantwortung im Kreißsaal liege: "Wenn Hebammen anständig bezahlt würden, hätten wir kein Versorgungsproblem in der Geburtshilfe. Es ist eine politische Aufgabe, eine entsprechende Gesetzesstruktur zu schaffen, mit der weiterhin eine flächendeckende Versorgung für die schwangeren Frauen gewährleistet ist."

Der 30. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) e. V. wird 2021 wie gewohnt in Berlin stattfinden und wieder gemeinsam von verschiedenen Berufsgruppen und Fachgesellschaften gestaltet.


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM)

06.01.2020

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