Die Ursache für die Zunahme von Allergien liegt aus heutiger Sicht darin, dass...
Die Ursache für die Zunahme von Allergien liegt aus heutiger Sicht darin, dass die industrialisierte und westliche Lebensweise mit einem Life Style assoziiert ist, der das Immunsystem vor große Herausforderungen stellt.

Quelle: shutterstock/VectorMine

Chronische Entzündungskrankheiten

Allergien und Asthma – den Hauptschalter der chronischen Entzündung abstellen

Chronische Entzündungskrankheiten wie Allergien und Asthma gelten als expandierende Geiseln der Menschheit. Sie sind nicht nur ein akutes Problem, sondern bedeuten auch eine besondere Herausforderung für die medizinische Forschung und Prävention. European Hospital hat mit Prof. Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin an der Universitätsklinik Gießen/Marburg, über die Zunahme chronischer Entzündungserkrankungen und wirksame Gegenmaßnahmen gesprochen.

Interview: Walter Depner

Herr Prof. Renz, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten u.a. mit Fragen der Allergologie. Wo sehen Sie die Haupursache für diese seit Jahren stetig zunehmenden „Volkskrankheiten“?

Allergien wie Asthma, Neurodermitis und Heuschnupfen zählen zu den sogenannten nicht-übertragbaren chronischen Erkrankungen (Non-Communicable Disease, NCDs). Alle NCDs (einschließlich Autoimmunerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neuropsychiatrische Erkrankungen) sind weltweit auf dem Vormarsch. Diese Gruppe von Erkrankungen entsteht auf der Basis einer genetischen Disposition. Gene alleine führen aber nicht zum Ausbruch von NCDs einschließlich Allergien, sondern es braucht dazu bestimmte Umwelt- und Lebensweisen. Die Ursache für die Zunahme von NCDs – und damit auch von Allergien – liegt aus heutiger Sicht darin, dass die industrialisierte und westliche Lebensweise mit einem Life Style assoziiert ist, der das Immunsystem vor große Herausforderungen stellt: es reagiert überschießend auf eigentlich harmlose Umweltbestandteile (Allergene). Wieso kommt es zu dieser überschießenden Antwort? Dem Immunsystem fehlt durch die westliche Lebensweise das notwendige Training insbesondere in den frühen Lebensabschnitten. Dieses Training ist notwendig, um sogenannte immunologische und klinische Toleranz zu induzieren. An dieser Toleranzinduktion sind vor allen Dingen Mikroben beteiligt – also harmlose Bakterien aus der Umwelt.

Gibt es dazu Zahlen, Statistiken etc.?

Allergien nehmen seit Ende des 2. Weltkrieges deutlich zu und zwar in der westlichen industrialisierten Welt. Wir gehen heute davon aus, dass jedes 3. Kind mit einem Allergierisiko zur Welt kommt. Die jüngsten Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass diese Zunahme nach wie vor ungebrochen ist. Circa 10% der Bevölkerung leidet an Asthma, der schwersten allergischen Manifestation an den Atemwegen. Auch Nahrungsmittelallergien sind auf dem Vormarsch.

Mit anderen Worten, die Bedeutung für dieses Problem wächst. Wächst auch die „Infrastruktur“, also die Entwicklung (neue Strategien, Medikamente, Therapien), die Prävention, das Bewusstsein (in der Bevölkerung, bei medizinischen Gremien, bei den politisch Zuständigen), und, wachsen die zur Verfügung stehenden Mittel?

Die Prävention steckt nach wie vor in den Kinderschuhen und wird weitestgehend – auch gesundheitspolitisch – vernachlässigt. Für den praktischen und niedergelassenen Arzt lohnt sich die Prävention nicht, sie wird nicht oder nur schlecht vergütet. Hingegen ist die Pharmaindustrie unterwegs, neue Medikamente zu entwickeln, die auf einem besseren Verständnis der zugrundeliegenden Entzündungsreaktionen basieren. Diese Medikamente sind in Bezug auf die Eindämmung der Entzündungsreaktionen in der Regel hochgradig wirksam, aber auch sehr teuer.

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Prof. Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin an der Universitätsklinik Gießen/Marburg.

Vor kurzem haben Sie den Vortrag „Neue pathophysiologische Konzepte bei Asthma und Allergien“ gehalten. Gehen diese neuen Konzepte auch in Richtung neuer Diagnostiken, neuer Medikamente?

Wir arbeiten seit 20 Jahren an der Entwicklung eines Wirkstoffes gegen den Hauptschalter der allergischen Entzündungsreaktionen, den Transkriptionsfaktor GATA-3. Wir sind von Anfang an den Weg gegangen, diesen intrazellulären Botenstoff über eine intrazelluläre Attacke auf der Ebene des sogenannten Messenger-RNA, also der Vorstufe zur Synthese des GATA-3 Proteins, zu neutralisieren. Unsere klinischen Daten bei Asthma, aber auch bei einer besonderen Form der COPD und jüngst auch bei Colitis ulzerosa zeigen eindrücklich, wie effektiv und sicher dieser neue Ansatz ist. Allerdings sind noch größere Studien erforderlich, um die breite Wirksamkeit genauer zu dokumentieren. Mittlerweile wird dieses Molekül von einem Start-up Unternehmen (sterna biologicals) weiter entwickelt. Es ist ein beeindruckendes Erlebnis zu sehen, dass aufgrund einer Idee, die vor 20 Jahren gereift ist, heute ein Molekül zur Verfügung steht, das beim Menschen nicht nur angewendet werden kann, sondern auch eine positive Wirksamkeit entfaltet.

Im Herbst 2017 haben Sie gemeinsam mit Ihrem Kollegen, Prof. Holger Garn, den Paul-Martini-Preis für ihre Arbeit an einem neuen Medikament gegen allergisches Asthma erhalten. Der von Ihnen entwickelte Wirkstoff hindert bestimmte Immunzellen daran, ein bei der Erkrankung verstärkt verwendetes Gen zu nutzen, so dass es nicht mehr zu den Asthma-typischen Reaktionen beitragen kann. Wie hat sich der Ansatzpunkt weiterentwickelt?

Der Paul-Martini-Preis ist eine sehr ehrenvolle Auszeichnung für die langjährige Medikamentenentwicklung unserer Gruppe. Vor über 20 Jahren – damals noch in Berlin an der Charité – hatte meine Gruppe sich die Frage gestellt, wie ein zur damaligen Zeit gerade entdeckter zentraler Regulator der allergischen Entzündungsreaktion mit einem neuen Medikament angegangen therapeutisch werden könnte. Da dieser Regulator in den Zellen sitzt, braucht es ein Medikament, das intrazellulär wirksam ist. Wir haben damals entschieden, einen für die damalige Zeit ganz neuen Weg zu gehen, nämlich die Botenstoff-RNA (Messenger RNA, mRNA) zu adressieren. Es hat dann über eine Dekade gedauert, bis die erste klinische Studie gestartet werden konnte, zunächst bei gesunden Probanden, um Sicherheitsaspekte der neuen Therapie zu prüfen und schließlich bei allergischen Asthmatikern. Heute geht die Reise weiter und dieser Therapieansatz soll in größeren Studien und auch für anderen Erkrankungsfeldern untersucht werden, die alle ganz wesentlich über diesen zentralen Schalter, den Transkriptionsfaktor GATA-3, reguliert werden.

Allergien wie Asthma, Neurodermitis und Heuschnupfen zählen zu den sogenannten...
Allergien wie Asthma, Neurodermitis und Heuschnupfen zählen zu den sogenannten nicht-übertragbaren chronischen Erkrankungen (Non-Communicable Disease, NCDs).

Quelle: shutterstock/Olivier Le Moal

Die Verbreitung von Allergien macht bekanntlich nicht an Ländergrenzen halt. Europäische und internationale Zusammenarbeit (Prävention, Forschung, Entwicklung) ist also ein unbedingtes Muss. Wie sieht die Realität aus?

Nationale Netzwerke reichen nicht aus, um einen signifikanten Fortschritt auf den Gebieten der Prävention und Therapie zu entwickeln. Dazu sind die Krankheitsprozesse und -mechanismen zu komplex. Gleichzeitig werden zunehmend neue Techniken gebraucht, die nicht an jeder Universität zur Verfügung stehen. Schwerpunkte bilden sich heraus und zwischen diesen Schwerpunkten, die vor Ländergrenzen keinen Halt machen, bedarf es dann der Kooperation und des Austausches. Das muss aber auch nachhaltig und ausdrücklich auf wissenschaftspolitischer Ebene unterstützt werden. Hieran fehlt es leider in Bezug auf die Allergieforschung in besonderem Maß in Deutschland. Es gibt kein nationales Allergieforschungsprogramm! Für die Patienten ist das von großem Nachteil und für Deutschland auch, das international in der Allergieforschung gegenüber anderen Staaten abgehängt wird.

Wenn der Realist und Professor der Medizin Harald Renz einmal für einen Moment zum Visionär wird, wo sieht er dann die Allergologie in fünf oder zehn Jahren?

Ich könnte mir vorstellen, dass es in 10 Jahren eine Art Allergieimpfung gibt, ganz ähnlich wie die Impfungen, die wir heute zur Verhinderung von Infektionskrankheiten haben. Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.

Profil:
Professor Dr. Harald Renz ist Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin an den zwei Standorten Gießen und Marburg des UKGM. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf der Erforschung von chronischen Entzündungserkrankungen wie Allergien und Asthma. Er wurde unter anderem in den USA (National Jewish Medical and Research Center in Denver, Colorado; 1989-1993) ausgebildet sowie an der Universitätsmedizin Charité in Berlin (1993 - 1999). Professor Renz war Sprecher eines von 2005 bis 2014 geförderten Sonderforschungsbereiches zu Asthma, ist Standortvertreter im Deutschen Lungenzentrum. 2012/13 war er als Visiting Professor und Fulbright Scholar an der Harvard Medical School Boston tätig. 2017/2018 hatte er eine Gastprofessur an der Hadassah Universität Jerusalem.

26.09.2019

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