Pädiatrie

ABC der Kinderradiologie: Recht auf Bildgebung steigt nicht mit Körpergewicht

Vor mehr als einem Jahrhundert, im Jahr 1912, wurde das ALARA-Prinzip (As Low As Reasonably Achievable) erstmalig formuliert. Der Strahlenschutz hat seitdem enorme Fortschritte gemacht. Nach Meinung von Prof. Dr. Erich Sorantin aber, dem Leiter der Kinderradiologie am Universitätskrankenhaus Graz, sind im Hinblick auf die Kinderradiologie die Möglichkeiten zur Dosisoptimierung noch längst nicht ausgeschöpft. In dem interaktiven Workshop „CT-Protokolle made easy“ am Donnerstagmittag des Bayrisch-Österreichischen Röntgenkongresses lädt er gemeinsam mit seiner leitenden MTRA die Teilnehmer ein, an konkreten Fällen die Untersuchungsprotokolle an die Bedürfnisse der Kinder anzupassen und am Simulator auszuprobieren.

Radimetrics (Bayer): Demonstration
des Effekts von großer Scanlänge...
Radimetrics (Bayer): Demonstration des Effekts von großer Scanlänge am Beispiel Schilddrüse (Thyroid): oranger Balken = Originalscan, roter Balken = wenn Scanlänge gering vergrößert.
Siemens CT Simulator:
Phantom mit 5 mm Schichtdicke gescannt
-> CTDIvol ist...
Siemens CT Simulator: Phantom mit 5 mm Schichtdicke gescannt -> CTDIvol ist 6,65 mGy.

Keine kleinen Erwachsenen

Prof. Sorantin ist nicht nur Radiologe, sondern auch Kinderarzt – und das mit Leidenschaft. Das Wohl des Kindes steht für ihn an oberster Stelle. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Es bestehen gravierende Unterschiede, nicht nur im Hinblick auf die Größe, sondern auch auf Proportionen und „Body Composition“, zum Beispiel der Verkalkungsgrad. Diese Parameter müssen in Belichtungsprotokolle, in Expositionsparameter und auch in MRT-Sequenzen umgesetzt werden.“ Dabei umfasst die Kinderradiologie vom Fötus bis zum Adoleszenten alle Körperregionen, von Kopf bis Fuß, mit allen Modalitäten – und sie muss eine Fülle von Unterschieden beachten. Kinder und Jugendliche haben ganz andere Pathologien als Erwachsene und auch die Strahlenempfindlichkeit verändert sich im Laufe des Heranwachsens. „Je kleiner das Kind, desto höher ist die Strahlenempfindlichkeit. Insbesondere das Gehirn ist in den ersten Lebensjahren besonders empfindlich, weil es noch nicht verschaltet ist, wohingegen die Geschlechtsorgane erst ab dem Jugendalter eine höhere Strahlenempfindlichkeit entwickeln“, erläutert der Kinderradiologe. Umgekehrt kommt den Radiologen die kindliche Entwicklung aber auch zu Hilfe. Wegen der schwächeren Verkalkung der Knochen und anderer Körperproportionen kann der Ultraschall besser genutzt werden. „Der Radiologe sollte alle diese Dinge berücksichtigen: Er sollte nicht nur das richtige Verfahren wählen, sondern dieses Verfahren auch für das Kind optimieren können.“

Die Praxis sieht mitunter aber anders aus. Eine Befragung der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEO) im Jahr 2012 hat ergeben, dass bei etwa 13 Prozent der CT-Untersuchungen von Kindern die Dosis überhaupt nicht verändert wird und dass sich in über 40 Prozent die Untersucher gemäß der Firmenprotokolle verhalten. „Bei deutlich der Hälfte der Patienten ist damit die Dosis nicht adäquat. Das ist 100 Jahre nach dem ALARA-Prinzip schon deprimierend“, so Prof. Sorantin. Wenn die Dosis nicht an die Kinder adaptiert wird, hat das gravierende Folgen. Laut einer australischen Studie von 2013 verursacht jede dritte bis vierte Schädel-CT im Kindesalter eine Leukämie oder einen Hirntumor im weiteren Lebensverlauf, bei einem Body-Scan treten bei etwa jedem achten bis neunten Kind schwerwiegende Strahlenspätfolgen auf.

Kleine Kinder brauchen die größten Geräte

Während vor 30 Jahren kaum adäquate Untersuchungen für Kinder ubiquitär verfügbar waren, ist die CT in vielen Bereichen heute unverzichtbar. „Es ist falsch zu behaupten, die beste Diagnostik sei eine nicht durchgeführte CT beim Kind. Aber die Untersuchungen sollten sich an strikte Richtlinien halten, von der Indikation bis zu den Protokollen. Denn das Recht auf Bildgebung steigt nicht mit dem Körpergewicht. Kleine Kinder brauchen größere, schnellere und leistungsstärkere Geräte, weil sie am Ende der Physik stehen.“ Bei Erwachsenen beträgt der Massefaktor 1:4 (40 bis 160 Kilogramm Körpergewicht), in der Kinderradiologie liegt er bei 1:300 oder 1:400 (300 Gramm bis 120/160 Kilogramm). Der geringere Anteil an Gewebe und die andere Zusammensetzung verringern die Schwächung und führen in der Regel zu Bildern mit weniger Kontrast. „Wenn man die Werte eines Kindes im CT auf die Bedürfnisse eines Erwachsenen hochrechnen würde, könnte das keine Maschine liefern. Die Strukturen sind kleiner, die Muskeln geben weniger Kontrast und im Knochen ist weniger Kalk. Das alles muss der Radiologe unter einen Hut bekommen. Dafür braucht man eine lange Ausbildung und nicht nur ein technisch-physikalisches Verständnis, sondern auch ein psychologisches“, schildert der Kinderradiologe, der die Aktion „Kinder ohne Angst im Spital“ ins Leben gerufen hat.

Eine kindgerechte Umgebung

Kinder brauchen nach Ansicht des Professors nicht nur eigene Untersuchungen, sondern auch eine eigene Umgebung, die sie nicht verängstigt. Empathie ist aber nicht nur gegenüber den Kindern sondern auch gegenüber den begleitenden Erwachsenen erforderlich. Umso unverständlicher ist es für Prof. Sorantin, dass immer mehr kinderradiologische Abteilungen geschlossen werden. So wird es für den radiologischen Nachwuchs zunehmend schwieriger, eine adäquate Ausbildungs- und Arbeitsstelle zu finden oder gar eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Die Entscheidung für die Kinderradiologie werde deshalb zunehmend zu einer Lebensentscheidung, nicht zuletzt wegen der langen Ausbildungsdauer. Eine Mühe, die sich in Sorantins Augen aber auszahlt. Denn für ihn gibt es kein spannenderes und abwechslungsreicheres Fach als die Kinderradiologie.

 

PROFIL:
Seit 2013 leitet Prof. Dr. Erich Sorantin die Klinische Abteilung für Kinderradiologie der Universitätsklinik für Radiologie in Graz, die einzige strukturierte universitäre kinder-radiologische Abteilung in Österreich. Nach seinem Medizinstudium in Wien legte er zunächst den Facharzt für Pädiatrie ab und anschließend den für Radiologie mit Schwerpunkt Kinderradiologie. Im Jahr 2002 hat er habilitiert und wurde anschließend zum Außerordentlichen Universitätsprofessor ernannt. Seine weiteren Forschungsfelder sind Strahlenschutz, nichtinvasive Bildgebung, Biocomputing und -simulation sowie künstliche Intelligenz. Er ist Koordinator eines internationalen Forschungsnetzwerks.

 

02.10.2015

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