Artikel • Kommunikation und Digitalisierung im Medizinstudium

Tue Gutes und rede darüber (mit dem Patienten)

Können Kardiologen Kommunikation? Obwohl die empathische und fachgerechte Vermittlung medizinischer Informationen großen Einfluss auf den Behandlungserfolg und den Zustand der Patienten haben kann, kommt der Aspekt im Medizinstudium deutlich zu kurz. Ähnlich schlecht sehen sich viele angehende Ärzte im Bereich der Digitalisierung vorbereitet.

Bericht: Wolfgang Behrends

Bildquelle: Adobe Stock/local_doctor

portrait of anne freund
Dr. Anne Freund

Foto: © Christian Hüller

Auf dem DGK-Kongress berichtet Dr. Anne Freund, Ärztin in Weiterbildung am Herzzentrum Leipzig, wie die kommende Neustrukturierung des Medizinstudiums helfen kann – und warum der ‚Masterplan‘ allein nicht alle Probleme lösen wird. 

Gute Kommunikation zahlt sich aus: Studien legen nahe, dass Patienten, die sich bei ihrem Arzt gut informiert oder generell ‚gut aufgehoben‘ fühlen, in höherem Maße von Behandlungen profitieren und durch bessere Compliance selbst stärker zum Erfolg beitragen.1 Sie holen weniger Zweitmeinungen ein und kehren seltener für ungeplante Nachbehandlungen in die Klinik zurück. „Wenn man sich Zeit für den Patienten nimmt und ihm erklärt, auf welcher Basis die jeweilige Therapieempfehlung beruht, ist das auch für das Gesundheitssystem förderlich“, erklärt Freund. Sie sieht daher die Arzt-Patienten-Kommunikation als wesentlichen Baustein der Versorgung; ebenso wichtig sei die Kommunikation mit Angehörigen sowie auf interprofessioneller Ebene. 

Umso schwerer wiegt die Vernachlässigung kommunikativer Fähigkeiten im Medizinstudium, gibt die Kardiologin zu bedenken. „Das Thema ist zwar Teil des Studiums, allerdings handelt es sich bisher meist um einen gesonderten Kurs, der im Laufe der Vorklinik stattfindet. An diesem Punkt der Ausbildung haben die Studierenden noch keinen Patientenkontakt, so dass sie den nötigen Bezug zur klinischen Praxis noch nicht herstellen können.“ Dadurch besteht die Gefahr, dass Kommunikation zu einem Lerninhalt unter vielen wird, der zum Beginn der klinischen Ausbildung ab dem 5. Semester nicht mehr die nötige Präsenz hat. „Wenn die Studierenden dann zum ersten Mal auf echte Patienten treffen, können sie die vermittelten Inhalte gegebenenfalls nicht so gut anwenden.“

Longitudinales Lernen: Roter Faden statt Block-Büffeln

Abhilfe schaffen soll die kommende Umstrukturierung des Medizinstudiums: basierend auf dem ‚Masterplan Medizinstudium 2020‘ wurde der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin (NKLM) entwickelt, der neben reinem Faktenwissen künftig den Praxisbezug stärker in den Vordergrund stellen soll. Dazu zählt auch, bestehende Lehrformate mit einem stärkeren Fokus auf Kommunikation anzupassen. „Ziel ist es, die Medizinstudierenden mit Kommunikationsstrategien auszustatten, mit denen sie auch auf herausfordernde klinische Situationen vorbereitet werden“, erklärt die Expertin. Das geschieht etwa durch fallbasiertes Lernen sowie praktische Kurse und Prüfungen, bei dem Erlerntes an Schauspiel-Patienten angewendet werden muss – beispielsweise die empathische Kommunikation mit schwer Erkrankten und deren Angehörigen im palliativen Bereich. 

Damit die vermittelten Inhalte nicht bis zum ersten echten Patientenkontakt wieder in Vergessenheit geraten, setzt das neue Medizinstudium auf longitudinales Lernen. Das bedeutet, dass die Kompetenzen sich als roter Faden durch das ganze Studium ziehen sollen, anstatt wie bisher blockweise vermittelt zu werden. Freund: „Erste Studien aus den Niederlanden zeigen, dass Kompetenzen durch longitudinales Lernen besser vermittelt werden als durch einzelne Kurse.“ 

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News • Reform der Approbationsordnung

Medizinstudium: Experten fordern umfassendes Update

Mehr chronische Erkrankungen, mehr ambulante und vernetzte Versorgung, mehr digitale und telemedizinische Anwendungen, neue Diagnose- und Therapieverfahren: Die Anforderungen an den Arztberuf haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich verändert. Trotzdem werden angehende Mediziner in Deutschland noch immer nach der Approbationsordnung aus dem Jahr 2002 ausgebildet.

Kommunikation funktioniert auf verschiedenen Ebenen – aber nicht alle lassen sich gleichermaßen schulen, gibt Freund zu bedenken: Während Kommunikation im emotionalen Bereich weitgehend eine Frage des Talents ist und sich durch Kurse kaum verbessern lässt, profitiert die Kommunikation auf technischer Ebene von einer gezielten Förderung. „Das ist durchaus lernbar.“

Gute Absichten vom Studium in die Klinik bringen

Vergeht zwischen dem Eingriff und solchen Gesprächen zu viel Zeit, sind die akuten Beschwerden verschwunden und viele Patienten hören auf, sich Gedanken zu machen

Anne Freund

Doch nicht nur das Studium bedarf der Veränderung, damit Patienten von einer besseren Kommunikation profitieren können. Im klinischen Alltag wird Zeitmangel oft als limitierender Faktor genannt, weiß die Kardiologin zu berichten. Dabei eröffne eine eingehende Betreuung große Chancen auf eine Verbesserung des Behandlungserfolgs, etwa im Bereich der Akutmedizin: „Ein Patient, der wegen eines Herzinfarkts eingeliefert wurde, sollte nach der rettenden Behandlung nicht erst einmal sich selbst überlassen werden.“ Psychologische Betreuung könne helfen, das Geschehene zu verarbeiten, während fachliche Beratung zu Risikofaktoren dazu beitrage, einen erneuten Infarkt zu vermeiden. „Vergeht zwischen dem Eingriff und solchen Gesprächen zu viel Zeit, sind die akuten Beschwerden verschwunden und viele Patienten hören auf, sich Gedanken zu machen“, erklärt Freund. „Dabei leben sie unbemerkt mit einem dauerhaft erhöhten Risiko für Herzschwäche.“ 

Die Vernetzung zwischen Studium und Klinik sei also wichtig, damit kommunikative Fähigkeiten kontinuierlich vermittelt und verfeinert werden, betont die Expertin. „In der Facharztweiterbildung wird die Kommunikation in der praktischen Anwendung kaum evaluiert, und auch in der Facharztprüfung kommt das Thema meist zu kurz. Wir brauchen also ein Konzept, wie sich die guten Absichten aus dem neu strukturierten Studium in den klinischen Alltag mitnehmen lassen.“

Digitalisierung ist die Zukunft – aber kaum ein Thema

Patienten-Apps, KI-gestützte Decision-Support-Systeme, elektronische Patientenakte: die Digitalisierung wird die Medizin nachhaltig prägen, daher soll auch die Vermittlung digitaler Kompetenzen in den neuen Lernzielen verankert werden. Denn viele angehende Mediziner fühlen sich über ihr Studium nur unzureichend auf die Arbeit mit digitalen Werkzeugen vorbereitet, wie das Berufsmonitoring Medizinstudierende deutlich macht.2 

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Die Möglichkeiten von Digitalisierung und Telemedizin werden nach Ansicht vieler angehender Mediziner nicht ausreichend im Studium vermittelt

Bildquelle: Adobe Stock/tadamichi

In der Umfrage, die im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zuletzt 2018 durchgeführt wurde, gab nur etwa jeder Zehnte an, sich hinreichend über technische Möglichkeiten von Digitalisierung und Telemedizin sowie ihre Anwendung in der medizinischen Versorgung informiert zu fühlen. 

Dabei sieht ein Großteil der Befragten enormes Potential in der neuen Technik, insbesondere bei Diagnose und Behandlung, aber auch bei der Arbeitsorganisation. Bedenken bestehen dagegen hinsichtlich des Datenschutzes. „Viele Studierende sind davon überzeugt, dass die Zukunft ihres Berufs in der Digitalisierung liegt“, fasst Freund zusammen. „Im Studium findet sich dieser Aspekt bisher allerdings kaum wieder.“ Einen einheitlichen Entwurf, wie diese Kompetenzen im Studium vermittelt werden sollen, gibt es bislang nicht – hier bestehe dringender Handlungsbedarf. Auch die praktische Einbindung neuer Technologien in den klinischen Alltag kommt in Deutschland nur langsam voran „Da sind andere Länder schon deutlich weiter“, so die Expertin.


DGK-Beitrag: Digitalisierung und Kommunikation: Bereitet das Studium adäquat vor?

Freitag, 22. April 2022, 8.35 Uhr

Session: Kardiovaskuläre Medizin im Wandel: Herausforderungen für Forschung, Lehre, Aus- und Weiterbildung

https://dgk.org/kongress_programme/jt2022/s610.html#V1032

 

Profil: 

Dr. med. Anne Freund ist Ärztin in Weiterbildung am zur Universität Leipzig gehörenden Herzzentrum Leipzig. Nach Abschluss ihres Medizinstudiums in Leipzig war sie zunächst am Universitären Herzzentrum Lübeck tätig, bevor sie in die sächsische Großstadt zurückkehrte. Freund ist Mitglied der Working Group Clinical Studies des Deutschen Zentrums für Herzkreislaufforschung (DZHK) sowie im Ausschuss ‚Mobile Health‘ der Gruppe ‚eCardiology‘ der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen akute kardiovaskuläre Zustandsbilder wie der kardiogene Schock und das akute Koronarsyndrom sowie deren Behandlung durch mechanische Kreislaufunterstützungssysteme und kardiopulmonale Reanimation.

 

1 https://doi.org/10.1024/0040-5930/a001095

2 https://www.kbv.de/html/5724.php

21.04.2022

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