Technologie-Initiative Molekulare Bildgebung

Getreu dem Motto „Gemeinsam mehr erreichen” hat das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung zusammen mit namhaften Unternehmen wie Bayer-Schering Pharma, Karl Storz, Carl Zeiss, Boehringer Ingelheim und Siemens die Innovationsallianz Molekulare Bildgebung ins Leben gerufen. Ziel der Initiative, ist es, die Synergien von Wissenschaft und Wirtschaft bei der Erforschung und Entwicklung neuer Technologien zu stärken um so Diagnose- uns Therapieoptionen beispielsweise von kardiovaskulären und onkologischen Erkrankungen sowie Alzheimer signifikant zu verbessern.

Prof. Andreas Busch (AB), Forschungsvorstand der Bayer Schering Pharma AG
Prof. Andreas Busch (AB), Forschungsvorstand der Bayer Schering Pharma AG
In den kommenden Jahren werden die Allianz Partner dazu 900 Millionen Euro in die Molekulare Bildgebung investieren: Das Bundesforschungsministerium wird Verbundprojekte zwischen Industrie und Wissenschaft in den nächsten sechs Jahren mit insgesamt 150 Millionen Euro fördern, die beteiligten Unternehmen investieren insgesamt 750 Millionen Euro in die Entwicklung neuer Verfahren.
 
Im Rahmen der Auftaktveranstaltung Anfang Oktober in Berlin, auf der die deutsche Forschungsministerin Annette Schavan den Startschuss für die Allianz gab, nutzte EUROPEAN HOSPITAL (EH) die Gelegenheit, um mit zwei der beteiligten Firmen über deren Rolle in der Molekularen Bildgebung zu sprechen, sowie einen kleinen Ausblick in die Zukunft zu erlangen.
 
Ob Bildgebung oder die Therapie: Der passende Marker ist der Schlüssel zum Erfolg
 
Die Arbeit von Bayer Schering Pharma im Rahmen der Innovationsallianz gleicht der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen: Unter Millionen von Körperzellen gilt es veränderte molekulare Strukturen zu finden und mittels eines Markers sichtbar zu machen. Doch die Mühe zahlt sich aus, wie Prof. Andreas Busch (AB), Forschungsvorstand der Bayer Schering Pharma AG weiß, denn jeder gefundene Marker nutzt nicht nur der molekularen Bildgebung sondern auch der Therapieentwicklung.
 
EH: Das Auffinden geeigneter Marker für die Molekulare Bildgebung ist bei Weitem kein leichtes Unterfangen und zudem bisher noch immer Zukunftsmusik. Wie ist Ihre Herangehensweise an dieses Aufgabe?
 
AB: Es stimmt, dass sich Vieles, was die Molekulare Bildgebung betrifft auf die Zukunft bezieht, auch das Auffinden von geeigneten Markern. Wir sehen hier aber ein sehr hohes und realisierbares Potential, verfolgen ein klar definiertes Ziel und verfügen auch über die notwendigen Bestandteile, dieses Ziel zu erreichen.
Bei der Suche nach passenden Markern gehen wir zunächst ähnlich vor wie bei der Therapieentwicklung: Wir suchen hochspezifische Targets. Denn auch für die Therapie müssen wir ja erst wissen, welches Protein oder welcher Rezeptor angegangen werden muss, um den entsprechenden therapeutischen Effekt zu erzielen. In der bildgebenden Diagnostik ist es etwas Ähnliches: Wir suchen Zielstrukturen, die mit einer bestimmten Erkrankung assoziiert sind. Können wir diese nun markieren – und das ist das Ziel unserer Forschung – lassen sich Abnormalitäten in einem sehr frühen Stadium herausfiltern. Was wir brauchen sind Moleküle, die an den entsprechenden Stellen binden und die einen Signalgeber tragen , so dass diese mit Hilfe eines bildgebenden Verfahren wie beispielsweise PET-CT detektiert werden können.
 
EH: Nun ist es für Sie als Pharmaunternehmen erklärtes Ziel, für die so erkannten Erkrankungen die entsprechenden Therapieoptionen zu entwickeln. Auf welche Weise profitieren Sie hier von den bildgebenden Modalitäten?
 
AB: Natürlich denken wir über die reine Bildgebung hinaus. Wo immer möglich, würden wir die Erkenntnisse auch zur Behandlung von Krankheiten nutzen. Am Beispiel der Krebstherapie lässt sich dies gut erläutern. Hier arbeiten wir bereits heute mit Antikörpern – Proteinen, die grundsätzlich das Potenzial besitzen, hochspezifisch Zellstrukturen zu erkennen und daran zu binden. Koppelt man diese Antikörper mit einem Signalgeber lässt sich dies zur Bildgebung nutzen; durch Verbindung mit einem Therapeutikum könnten man die Wirkung spezifischer in Richtung des erkrankten Gewebes steuern. Vor allem auch in der Kombination dieser Möglichkeiten läge besonderer Charme: Durch die Bildgebung liesse sich vorhersagen, ob das Medikament im kranken Gewebe angereichtert wird. Ist dies der Fall würde im zweiten Schritt die Behandlung im Tumor anreichern und die kranken Zellen angreifen - das umliegende gesunde Gewebe hingegen bliebe geschützt.
 
Die Entwicklung innovativer Bilgebungsverfahren und neuer Therapien geht Hand in Hand miteinander und die Forschung eng verzahnt werden. Unser Ansatz ist entsprechend schon früh die Molekulare Bildgebung bei der Entwicklung neuer Produkte miteinzubeziehen und auch umgekehrt gewonnene Erkenntnisse zu nutzen . Hier ist die Überlegung: Welche Modalitäten bietet die Bildgebung, um die Zulassung neuer Medikamente zu beschleunigen und was bedeutet die Weiterentwicklung von Therapieoptionen für die bildgebenden Verfahren? Diese Fragen werden uns in der Zukunft über unser Ziel – nämlich aufgrund der Molekularen Bildgebung Krankheiten frühzeitig zu erkennen – hinaus noch eine Weile beschäftigen. Das wir schließlich Antworten finden, davon bin ich überzeugt.
  
Als Hersteller von Endoskopen sowie endoskopischen Instrumenten und Geräten blickt die Karl Storz GmbH & Co. KG auf eine über 60-jährige Tradition zurück. Fest in Familienhand, repräsentiert das Unternehmen innerhalb der Innovationsallianz Molekulare Bildgebung den Mittelstand. Karl Storz bietet ein System zur endoskopischen und fluoreszenzgestützten Tumorfrüherkennung, das sowohl mit externen Markern als auch mit gewebeeigener Autofluoreszenz arbeitet und Tumorfrüh- und -vorstadien in unterschiedlichsten Organen diagnostizieren kann. In vielen Fällen lässt die Endoskopie in gleicher Sitzung die damit besonders schonende chirurgische Entfernung des Tumorgewebes zu, berichtet Dr. Martin Leonhard, Leiter Technologiemanagement (ML).
 
EH: Nehmen wir an, die molekulare Bildgebung schreitet so fort, wie es sich bereits abzeichnet und bildgebende Verfahren sind in der Lage, Moleküle so detailliert aufzulösen, dass andere Hersteller mit ihren Sonden gleich Medikamente transportieren können – wenn wir in dieser Weise Diagnose und Therapie in einem Schritt ableisten können, wozu braucht der Patient dann noch Endoskope?
 
ML: Es ist ganz klar, dass sich die verschiedenen Verfahren in ihren Schwerpunkten unterscheiden. Bei den bildgebenden Verfahren geht es darum, möglichst empfindlich detektieren zu können. Und hier ist die einhellige Meinung und auch wissenschaftlich nachvollziehbar, dass momentan das optische Verfahren das empfindlichste ist. Soweit es derzeit abzusehen ist, werden Verfahren, die bis heute noch nicht bekannt sind, auch in einem Sechs-Jahres-Programm wahrscheinlich nicht zum Einsatz kommen. Eine Erkennungstechnologie, die über fluoreszenzoptische Verfahren, PET-CT oder Kernspintomographie entscheidend hinausgeht, ist derzeit nicht abzusehen. Gleichzeitig muss man offen für die Zukunft sein, es kann natürlich weitere interessante Technologien geben.
 
EH: Wie muss man sich Ihren Anteil in dieser sechs Jahre dauernden Entwicklung vorstellen?
 
ML: Für Karl Storz ist der wichtige Punkt, dass wir über die gemeinsame Initiative im engen Austausch mit Herstellern und Entwicklern von neuen Markern oder auch mit Tomographieherstellern stehen. Das sind einfach zwei unterschiedliche Welten im Medizinbereich: der Bereich der pharmakologischen Marker einerseits, die Substanzen und tumorspezifische Mechanismen detektieren können und um einen bestimmten Label ergänzt werden, und andererseits den Bereich der Verfahren, die diese Markierungen erkennen und sichtbar machen. Dieses Erkennen ist dann Aufgabe z. B. eines endoskopischen fluoreszenzoptischen Verfahrens.
 
EH: Kommt das heute noch nicht zum Einsatz? Sie arbeiten noch nicht mit Markern oder Tracern?
 
ML: Wir haben momentan ein Molecular Imaging der ersten Generation. Damit können wir eine Substanz, die bereits natürlich im Körper vorkommt, bei diesem Verfahren aber in höheren Konzentrationen von außen zugesetzt wird und sich über einen molekularen Mechanismus im Tumor anreichert, fluoreszenzoptisch darstellen. Fluoreszenzoptische Verfahren sind deutlich empfindlicher, wenn es etwa darum geht, kleine Tumormengen zu lokalisieren. Das bekommen Sie mit Kernspintomographie, CT oder auch PET derzeit nicht hin. Außerdem hat dieses Verfahren gegenüber allen anderen bildgebenden im Moment den Vorteil, dass der Tumor, wenn er erkannt wird, auch gleich entfernt werden kann. Wir haben jetzt beispielsweise ein System im Bereich der Urologie zugelassen, das für die Früherkennung des Blasen-Karzinoms eingesetzt wird. Damit lässt sich in gleicher Sitzung der Tumor im Frühstadium entfernen.
 
EH: Und wo liegt die Zukunft? Was ist Ihre Vision?
 
ML: Wir haben Verfahren nicht nur für die Harnblase, sondern auch für eine ganze Reihe anderer Organe. Auch für Lungenkrebs, den Krebs, der die meisten Todesopfer fordert, haben wir ein fluoreszenzoptisches Verfahren, ebenso für die Neurochirurgie. Für Darmkrebs, Speiseröhrenkrebs und HNO-Tumore sind Aktivitäten im Gange. Die Zukunftsvision ist, dass wir Marker nutzen können, die bestimmte Tumorarten spezifischer darstellen können. Das ist dann auch die Aufgabe von Partnern. Was die Genauigkeit des Verfahrens anbelangt, haben wir noch Verbesserungsspielraum. Auch auf Geräteseite, wo noch empfindlichere optische Nachweismethoden entwickelt, miniaturisiert und für die Medizin verfügbar gemacht werden müssen.
 
EH: Arbeiten Sie da mit der Firma Zeiss zusammen oder ist das partiell auch ein Wettbewerb?
 
HL: Ein fluoreszenzoptisches Verfahren, das KARL STORZ bereits in der Endoskopie etabliert hatte, wurde in einem gemeinsamen Projekt mit Carl Zeiss auf die Anwendung im OP-Mikroskop für die Neurochirurgie übertragen. Mit der Zusammenarbeit wollen wir den Standort Deutschland nutzen als gute Zukunft für uns und ich denke auch für alle anderen, die in dieser Initiative beteiligt sind. Wir verstehen uns als eine öffentliche Initiative, die allen Unternehmen in Deutschland offen steht, wir bilden keine geschlossene Gesellschaft. Derjenige, der sich in der Initiative aktiv einbringt, kann davon profitieren, das sind nicht nur die fünf Unternehmen. Den Start der Initiative kann man durchaus als öffentlichen Aufruf betrachten, den andere Unternehmen annehmen können.
 
EH: Gibt es keinen Konkurrenzausschluss?
 
ML: Es handelt sich grundsätzlich um vorwettbewerbliche Arbeiten, die gefördert werden und von daher werden sich die entsprechenden Konsortien finden, da haben wir keine Bedenken. In einem öffentlich geförderten Projekt muss man sich anderen Marktteilnehmern stellen, wobei wir im Bereich der endoskopischen Fluoreszenzdiagnose eine recht solide Stellung haben. Marktstudien sprechen von bis zu 80 Prozent Marktanteil an diesen neuen technologischen Verfahren, die wir abdecken. Von daher haben wir eine herausgehobene Stellung und müssen uns nicht verstecken.
 
EH: Sie haben also wenig zu befürchten. Haben Sie noch etwas hinzuzufügen?
 
ML: Ich denke insgesamt ist es wichtig, dass man den Gesundheitssektor nicht nur als Kostenfaktor sieht, sondern auch als großen Markt, was entsprechende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat und auch für die deutsche Wirtschaft und ihre Exportstärke von großer Bedeutung ist. Der Bereich Medizintechnik wird häufig unterschätzt in seiner gesamtwirtschaftlichen Bedeutung. Es ist auch wichtig, dass die Technik, die in solchen richtungweisenden Konsortien entwickelt wird, auch in Deutschland verkauft werden kann oder, andersherum betrachtet, auch in Deutschland gekauft wird. Das ist ein wichtiger Punkt hinsichtlich der Gesundheitspolitik.
 
EH: Wenn Sie in dieser Zusammensetzung Erfolg haben, muss dann auch die Politik etwas unternehmen?
 
ML: Ja. Wir bewegen uns in einem internationalen Umfeld. Die Wettbewerber sitzen nicht nur vor unserer Haustür, sondern sind in der ganzen Welt verstreut. Amerika ist sehr stark. Entsprechend müssen wir hier in Deutschland solche Forschungsplattformen unterstützen.
 
EH: Wo uns die Amerikaner allerdings voraus sind, sind die exorbitanten privaten Gelder, die sie in ihren Institutionen zur Verfügung haben.
 
ML: Das ist richtig. Wir müssen uns aber nicht hinter unseren Möglichkeiten verstecken, wir haben hier auch unsere Chancen und die werden wir gerne nutzen.
 

23.11.2007

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