Mongolei

Swiss Mongolian Pediatric Project – einfach helfen

Swiss Mongolian Pediatric Project – so heißt das humanitäre Hilfsprojekt, mit dem Raoul Schmid, Facharzt FMH für Kinder- und Jugendmedizin, Baarer Kinderarztpraxis, seit 2008 gegen die invalidisierende Hüftdysplasie (Developmental Dysplasia of the Hip (DDH)) kämpft.

Das medizinische Denken in der Mongolei ist noch immer stark von einer sowjetischen Mentalität geprägt, unter der die meisten Ärzte ausgebildet worden sind.

Dr. Raoul Schmid

Wesentliches Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe, also die Ausbildung mongolischer Kinderärzte, damit diese lernen, frühzeitig die Diagnose zu stellen und sie mit einfachen Mitteln selbst zu behandeln.

Das Gesundheitswesen in dem von Russland und China umschlossenen Schwellenland ist vor allem staatlich finanziert, nur zögerlich entwickelt sich eine privatisierte Medizin. Das medizinische Denken in der Mongolei ist noch immer stark von einer sowjetischen Mentalität geprägt, unter der die meisten Ärzte ausgebildet worden sind. Ihnen fehlt oft das Verständnis für pathophysiologische Zusammenhänge, auch mangelt es an der Möglichkeit, moderne Diagnostik zu betreiben.

Traditionelle Diagnose und Therapie

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Ungeeignete Therapiemethode, viel zu spät.

Das gilt auch für das Erkennen und Behandeln der Hüftdysplasie, bei der die Entwicklung der Reifung eines oder beider Hüftgelenke gestört ist. Bei ihr ist das Pfannendach unvollständig verknöchert und kann somit den Kopf des Femurs nicht ausreichend stützen. Als Folge können Luxation, Instabilität oder Arthrose auftreten. Die in der Mongolei bis dato zur präventiven Diagnostik angewandte Röntgentechnik in den ersten drei Lebensmonaten ist nicht aussagekräftig, andere Bildgebungsverfahren lassen sich nicht standardisieren oder sind für ein allgemeines Screening nicht anwendbar.

Die traditionelle Behandlungsmethode der Mongolen entspricht nicht dem westlichen Standard, im Gegenteil sogar. „Die Betroffenen werden praktisch der Chance einer Heilung beraubt“, bemängelt Schmid. Denn beim sogenannten Swaddling werden die Neugeborenen eng in Tücher gewickelt, wobei das instabile Hüftgelenk durch die Adduktion der gestreckten Beine ausgehebelt wird.

„Swaddling“ ist ungeeignet.
„Swaddling“ ist ungeeignet.

Projektbeginn

Letztlich war es der Zufall und eine Reise mit seinem Freund und jetzigen Projektkollegen Dr. Thomas Baumann, „bei der wir gesehen haben, dass es in der Mongolei ein Problem, aber keine Lösungen gibt“, beschreibt der Kinderarzt seine Motivation. Schnell fielen ihnen die vielen hinkenden Personen im öffentlichen Raum auf, „praktisch alle Einheimischen erzählten uns von Familienmitgliedern oder Bekannten, die betroffen sind.“

Schmid und Baumann entschieden sich zu helfen. „Glücklicherweise konnten wir schnell eine Gruppe motivierter mongolischer Ärzte – Pädiater, Kinderradiologen und Neonatologen – für das Projekt gewinnen. Mittlerweile besteht das Kernteam aus je sechs schweizerischen und mongolischen Ärzten“, so Schmid. Private Spenden helfen bei der Finanzierung. „Wir haben in den vergangenen Jahren rund 300.000 Franken investiert“, erzählt Schmid stolz und betont aber zugleich: „Wir liefern nur Knowledge und Geräte, kein Geld!“

Erfolge

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Baby in Tübinger Schiene.

Schwerpunkt des Projekts ist die Ausbildung der Ärzte vor Ort, damit sie die Behandlung mittelfristig selbstständig weiterführen können. Ein wichtiger Punkt ist dabei „to teach the teachers“. Inzwischen haben die Mongolen ein eigenes Ausbildungssystem in Hüftsonographie etabliert. Die Fortbildungen finden auf Mongolisch statt, um die Qualität der Ausbildung zu gewährleisten. Bislang haben zwischen 200 und 300 Ärzte davon profitiert, schätzt Schmid. „Ebenso haben wir ein internetbasiertes Qualitätsmanagementsystem installiert. Die Ärzte vor Ort laden die Untersuchungsergebnisse hoch und wir können diese dann in der Schweiz kontrollieren. Darüber hinaus ermöglicht diese Plattform den Austausch von Kommentaren und somit eine direkte Einflussnahme.“

Ein wichtiger praktischer Aspekt des Projekts ist die Einführung einer Beuge-Spreiz-Schiene, der sogenannten Tübinger Schiene. Mithilfe dieser Spreizschiene können die Eltern die Abspreizbehandlung einfach zu Hause durchführen. Dabei wird das Kind mit abgespreizten Beinchen in sitzender Stellung fixiert, wodurch der Gelenkkopf in der Tiefe der Pfanne platziert und dort gehalten wird. Dadurch verändern sich die Kräfte auf das Dach der Gelenkpfanne, was eine schnelle Nachreifung ermöglicht.

Abb. 1: Praktisches Üben im Kurs.
Abb. 2: Eine schön geformte, reife Hüfte...
Abb. 1: Praktisches Üben im Kurs.
Abb. 2: Eine schön geformte, reife Hüfte (mit eingezeichneten Messlinien).

Ein wichtiger Meilenstein des Hilfsprogramms ist die Aufnahme der Hüftsonographie in das nationale Präventionsprogramm. Aktuell werden rund zwei Drittel der Neugeborenen in der Mongolei im Screening erfasst. So konnten in den vergangenen Jahren über 1.500 betroffene Kinder geheilt werden. Bis 2020 soll jedes Kind gescreent werden – die dafür nötigen Ultraschallgeräte liefern selbstverständlich die Schweizer.

Doch auf ihren Lorbeeren ruhen sich die Schweizer nicht aus: „Wir hoffen, zukünftig die operative Behandlungsform einzuführen. Deshalb ist dieses Jahr zum ersten Mal ein Orthopäde mit in die Mongolei gereist. Er soll den dortigen Chirurgen beibringen, schwere Hüftdysplasien zu operieren, die wir nicht mit der simplen Abspreizbehandlung therapieren können.“

Erkenntnisse

Mit engagiertem Personal vor Ort und ständiger Kommunikation kann ein solches Hilfsprojekt auch in einem Schwellenland Erfolg haben.

Dr. Raoul Schmid

Zwei wesentliche Erkenntnisse ergeben sich für Schmid aus seinem Engagement: „Erstens: Mit engagiertem Personal vor Ort und ständiger Kommunikation kann ein solches Hilfsprojekt auch in einem Schwellenland Erfolg haben. Zweitens haben wir gelernt, dass wir Hüftdysplasien – frühzeitig erkannt – mit einfachen Methoden sehr zuverlässig behandeln können. Das ist in dieser Art bisher in Europa noch nicht bewiesen worden. Wir nehmen also auch das Wissen mit nach Hause, dass Kinderärzte die Anwendung der Methode und die Therapie selbst durchführen können. Wenn das in der Mongolei funktioniert, sollte es auch im deutschsprachigen Raum möglich sein.

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Dr. Raoul Schmid, Co-Präsident der Schweizer Vereinigung für Ultraschall in der Pädiatrie (SVUPP) und Initiator und Vizepräsident vom Swiss Mongolian Pediatric Project.

Profil:
Dr. Raoul Schmid schloss 1987 sein Studium der Humanmedizin an der Universität Zürich ab. Von 1988 bis 1996 absolvierte er die Facharztausbildung Pädiatrie am Kinder-spital Luzern, Universität Kinderspital Zürich. Seit 2003 ist er Co-Präsident der Schweizer Vereinigung für Ultraschall in der Pädiatrie (SVUPP) und seit 2008 Initiator und Vizepräsident vom Swiss Mongolian Pediatric Project.

Veranstaltung:
Raum: A Flüela
Samstag, 26.09.2015, 09:30 Uhr
Hüftultraschall-Projekt in der Mongolei
Raoul Schmid, Schweiz
Session: RK Ultraschall in Entwicklungs- und Schwellenländern

24.09.2015

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