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Imposant, aber unbeweglich: IT-Monolithen können zwar alle Prozesse miteinander verknüpfen, sind jedoch durch ihre schier unüberschaubare Größe und Komplexität kaum noch spezialisierbar. Darunter leidet die Funktionalität, warnt IT-Experte Jürgen Reiner.

Digital Health

Serviceorientierte IT: Flexible Lösungen statt Monolithen

Im aktuellen Bericht der Bertelsmann-Stiftung zum Thema „Digital Health“ steht es schwarz auf weiß: Deutschland belegt den vorletzten Platz. Die Gestaltung des digitalen Wandels kommt nur schleppend voran. Woran liegt das?

Jürgen Reiner, IT-Fachberater für die Gesundheitswirtschaft, ist sich sicher: „Seit Anfang der 80er-Jahre wurden IT-Systeme immer weiterentwickelt, ohne neue Module abzuspalten. Dadurch sind IT-Monolithen entstanden, die zwar alle Prozesse miteinander verknüpfen, jedoch durch ihre schier unüberschaubare Größe und Komplexität kaum noch spezialisiert werden können. Die Aufrechterhaltung der Funktionalität bei Updates und Upgrades ist inzwischen fast unmöglich geworden.“

portrait of jürgen reiner
Jürgen Reiner ist IT-Fachberater für die Gesundheitswirtschaft

Egal ob Krankenhaus- oder Laborinformationssysteme – fast alle großen Systeme haben sich inzwischen zu Monolithen entwickelt. „Es gibt fast niemanden mehr, der sich in allen Details und mit allen Schrauben im System auskennt“, sagt Reiner. „Die IT-Systeme sind zu unüberschaubaren Kolossen geworden, die nur schwer zu ändern sind. Der Wechsel von einem Koloss zum anderen würde zudem ein Vermögen kosten.“ Der Trend gehe daher in die Richtung, in der IT kleingliedriger zu werden. Spezialisierte Anwendungen müssten in ein Gerüst integriert werden, wobei das Gerüst durchaus ein Monolith sein könne. „Den Monolithen hingegen zu spezialisieren, ist aufgrund seiner Komplexität ein viel zu großer Aufwand, der keinen Sinn macht“, erläutert Reiner. Eine modulare und flexible Lösung, wie sie auch schon von einigen Unternehmen praktiziert wird, sei ein wesentlich kostengünstigerer Ansatz.

Tendenz: flexible, getrennte Mikrosysteme

Die bisherigen monolithischen Systeme haben dennoch als „Backbone“ oder übergeordnete Instanz für Aggregation und Reporting zumindest kurz- und mittelfristig weiterhin ihre Berechtigung, findet Reiner. Die Tendenz gehe aber in Richtung Modularisierung mit flexiblen, getrennten Mikrosystemen, mit Spezialisierung auf einen Ausschnitt oder eine einzelne Aufgabe. „Eine Interoperabilität mit harmonisierter Datenverwaltung ist der Schlüssel für eine dauerhaft funktionierende Systemlandschaft. Eine Vernetzung über Schnittstellen oder Middleware ist dabei essenziell.“ Bis komplett neue Systeme auf der Basis von Microservices verfügbar sind, empfiehlt Reiner, vorhandene Strukturen über serviceorientierte Architektur (SOA) zu ergänzen und auf den weiteren Ausbau monolithischer Systeme zu verzichten bzw. solche Systeme erst gar nicht neu einzuführen.

Elektronische Patientenakte

Beim Thema elektronische Patientenakte (ePA) wird Reiner nochmal deutlich: „Die Krux liegt in der Analysierung der Daten. Es macht wenig Sinn, in eine elektronische Patientenakte ein pdf einzufügen. Die Daten selbst sollten in einem standardisierten Verfahren in die Akte fließen, so dass sie jederzeit von jedem, der befugt ist, verwendet werden können. Bei einem pdf-Dokument ist diese Möglichkeit nicht gegeben.“

Politik in der Verantwortung

Um das Problem der Digitalisierung im Gesundheitswesen zu lösen, sieht Reiner die Politik in der Verantwortung: „Die Politik muss die Regeln vorgeben und die Problematik mit Sachverstand und Hintergrundwissen angehen, ohne sich von wechselnd auftretenden Lobbyisten beeinflussen zu lassen.“ Dafür empfiehlt er den Blick über den nationalen Tellerrand, um zu sehen, was sich international erfolgreich am Markt etabliert hat. Als Beispiel nennt er Österreich. „Bei ähnlichen Strukturen, wie wir sie in Deutschland haben, ist Österreich jedoch viel weiter mit der Digitalisierung als wir. Wien hat hier vorgegeben, wie die Daten auszusehen haben und das Handling ablaufen soll.“

Prozessanalyse und -optimierung ist an dieser Stelle das entscheidende Stichwort. Reiner: „Die Prozesse haben sich verändert. Manche Firmen wollen aber weiterarbeiten wie bisher, das System soll dem Prozess folgen. Das ist jedoch die falsche Vorgehensweise. Zuerst kommt der Mensch, dann der Prozess, und dann erst das Werkzeug. Wenn diese Reihenfolge nicht eingehalten wird, ist das Unterfangen zum Scheitern verurteilt.“


Profil:

Jürgen Reiner ist selbstständiger Unternehmer in Berchtesgaden und bietet seit 1996 Dienstleistungen für verschiedene Bereiche der Gesundheitswirtschaft an. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Unterstützung und Beratung in der Organisations- und Geschäftsentwicklung, der IT sowie der medizinischen Logistik. In den letzten 20 Jahren hat er in unterschiedlichen Positionen als CIO, COO und CEO für international agierende Unternehmen die Steuerung diverser Unternehmensbereiche verantwortet, insbesondere auch mit IT Bezug.

12.06.2019

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