Artikel • Projekt: Deutschland erkennt Sepsis

"Mehr als 20.000 Todesfälle pro Jahr sind vermeidbar"

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit 11 Millionen Menschen pro Jahr an einer Sepsis. Allein in Deutschland sind es 75.000, die Dunkelziffer ist hoch. Mit dem Projekt 'Deutschland erkennt Sepsis' wollen vier starke Partner über die Erkrankung informieren, Fachkräfte weiterbilden und Strukturen schaffen, die eine schnelle Sepsis-Behandlung ermöglichen.

Bericht: Sonja Buske

portrait of Ilona Köster-Steinebach
Dr. Ilona Köster-Steinebach

Bildquelle: privat

Herzinfarkt und Schlaganfall sind den meisten Menschen als lebensbedrohliche Notfälle bekannt. Anders sieht es bei Sepsis aus. "Nur die wenigsten wissen, wie gefährlich eine Sepsis ist", sagt Dr. Ilona Köster-Steinebach, Geschäftsführerin des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS). "Es handelt sich hierbei um eine lokale Infektion, die die körpereigene Abwehr überwindet und sich ausbreitet. Das führt zu Multiorgan- und Herz-Kreislaufversagen sowie Blutdruckabfall und endet im septischen Schock. Eine Sepsis ist immer ein zeitkritischer, lebensbedrohlicher Notfall." Doch: "20.000 Todesfälle könnten pro Jahr allein in Deutschland vermieden werden."

Vorbild: UK Sepsis Trust

Die Idee zum Projekt 'Deutschland erkennt Sepsis' kam dem APS, nachdem eine Studie aufgedeckt hatte, dass selbst in Fachkreisen angenommen wird, eine Sepsis entstehe überwiegend in Krankenhäusern. "Dabei ist das Gegenteil der Fall", weiß Köster-Steinebach. "Die Mehrzahl der Sepsis-Fälle entsteht außerhalb von Krankenhäusern. Deshalb müssen wir sowohl medizinische Laien als auch alle in der ambulanten Versorgung tätigen Personen so gut informieren, dass sie eine Sepsis frühzeitig erkennen." 

Viele denken immer noch, ein roter Strich wäre ein klassisches Anzeichen für eine Sepsis. Das ist nicht der Fall

Ilona Köster-Steinebach

England hat es mit dem 'UK Sepsis Trust' vorgemacht: Im Rahmen einer groß angelegten Kampagne wird die Bevölkerung in Stadien und an Bushaltestellen auf die Erkrankung aufmerksam gemacht. In Deutschland will der APS noch einen Schritt weiter gehen und nicht nur das Bewusstsein für Sepsis schärfen, sondern auch über die Symptome aufklären. Köster-Steinebach: "Viele denken immer noch, ein roter Strich wäre ein klassisches Anzeichen für eine Sepsis. Das ist nicht der Fall. Auch Fieber ist kein eindeutiges Indiz. Vielmehr sind es Symptome wie Verwirrtheit, Wesensveränderung, beschleunigte Atmung und ein extremes Krankheitsgefühl einhergehend mit einer lokalen Infektion. Wir müssen mit den Irrtümern aufräumen und unser Wissen über Sepsis verbreiten."

Gönn dem Tod ne Pause: Mit einem animierten Kurzfilm will das Aktionsbündnis Patientensicherheit die Vermeidbarkeit vieler Todesfälle durch Sepsis ins Bewusstsein rufen.

Mittel der Wahl: Antibiotika

Zusammen mit der Sepsis-Stiftung, dem Sepsis-Dialog der Uni Greifswald und der Deutschen Sepsis-Hilfe hat der APS daher eine Kampagne ins Rollen gebracht, die auf allen Ebenen informieren soll. Schulungsangebote für Fachkräfte werden weiter ausgebaut und Infomaterialien in mehrere Sprachen übersetzt, über eine Sepsis-Infozentrale können Mitarbeiter in der ersten Hilfe und der Pflege Unterstützung bekommen, und auch das Thema Impfen rückt in den Fokus, da es Erreger gibt, die häufig eine Sepsis auslösen, und gegen die man sich schützen kann. Genauso wichtig sei der richtige Therapieansatz: "Antibiotikaresistenz-Strategien sind dringend erforderlich, jedoch bei einer Sepsis absolut nicht ratsam. Eine Sepsis muss so schnell wie möglich mit einem Antibiotikum behandelt werden, andernfalls führt die Erkrankung zum Tod", bringt es Köster-Steinebach auf den Punkt. 

In dem Projekt sollen auch Patientenerfahrungen stärker erhoben werden, um die Probleme nach einer überstandenen Sepsis in den Bick zu nehmen. Mit dem Ausbau der Medienpräsenz in Form von Anzeigen, Posts und Videos erhoffen sich die Projektpartner, einen breiten Querschnitt der Bevölkerung zu erreichen. Gefördert wird 'Deutschland erkennt Sepsis' vom Bundesministerium für Gesundheit. 

Köster-Steinebach weist auf einen wichtigen Punkt hin: "Wir werden die Sepsis nicht in wenigen Wochen besiegen, sondern müssen langfristig denken, ähnlich wie bei HIV. Es hat viele Jahre gedauert, bis die Mehrheit der Bevölkerung umfassend über die Symptome und Verbreitung des Virus informiert war. Bei Sepsis wird es ähnlich sein."

03.01.2022

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