Niemand ist unfehlbar

Die interdisziplinäre Therapie bei Leberkrebs aus chirurgischer Sicht

Die Diagnose und Therapie von Lebertumoren hat nur dann Hand und Fuß, wenn Entscheidungen in einem multidisziplinären Meeting fallen. Doch wie sieht die erfolgreiche Abstimmung in so einem vielstimmigen Tumorboard aus? Welchen Beitrag leistet der Radiologe? Von Chirurgen zu lernen, die solche Tumorboards managen, heißt für Radiologen, vieles über sich selbst und die eigene Arbeit neu zu erfahren. Es dürfte also hochinteressant werden, wenn Univ.-Prof. Dr. Thomas Grünberger, Oberarzt an der Universitätsklinik für Chirurgie, Wien, und Spezialist für Leberchirurgie, auf dem Österreichisch-Bayerischen Röntgenkongress Klartext mit den Kollegen spricht: So liefert die Radiologie zum Beispiel keineswegs immer das Bildmaterial, das auch wirklich gewünscht ist.

Präparat einer Hemihepatektomie mit fibrosierender Metastase
Präparat einer Hemihepatektomie mit fibrosierender Metastase
Blauer Bereich:Nahebeziehung zum rechten
Pfortaderast; Roter Bereich:...
Blauer Bereich:Nahebeziehung zum rechten
Pfortaderast; Roter Bereich: Lebermetastase nach Chemotherapie

Die Lektion, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist, erfuhr Prof. Thomas Grünberger vor vielen Jahren am eigenen Leib, als er nach seiner zweijährigen leberchirurgischen Ausbildung am St. George´s Hospital in Sydney in die österreichische Heimat zurückkehrte: „Ich dachte damals, jetzt weiß und kann ich alles. Dann begann meine Arbeit im Tumorboard an der Universitätsklinik Wien in Zusammenarbeit mit Radiologen, interventionellen Radiologen, Onkologen, Pathologen und Strahlentherapeuten und ich begriff, dass ich gar nichts wusste.“ Denn ein optimales Patientenmanagement erfordert den permanenten Dialog zwischen diesen Disziplinen.

Bei solchen Fallbesprechungen spielt die adäquate Bildgebung als diagnostisches Tool natürlich eine entscheidende Rolle. Hier ist Prof. Thomas Grünberger nicht immer zufrieden mit den Ergebnissen: „In 90 % der Fälle lässt sich der Tumortyp anhand der radiologischen Bilder genau bestimmen. Dafür benötigen wir allerdings eine spezifische Leberdarstellung im CT und/oder MRT mit genügend Kontrastmittelgabe, die sowohl nativ als auch arteriell und portalvenös die Lebertumoren gut darstellt. Viele Radiologen sparen jedoch am Kontrastmittel, um die Kosten niedrig zu halten oder aus Unwissenheit, was für uns den Effekt hat, eine neue radiologische Diagnostik machen zu müssen.“ Aber auch übereifrige Kollegen aus der radiologisch-interventionellen Ecke hat Prof. Thomas Grünberger schon kennengelernt: „Da wird beispielsweise eine klassische fokal noduläre Hyperplasie, die keiner Intervention bedarf, trotzdem biopsiert. Eine völlig überflüssige Maßnahme.“

Das sind zwei der Gründe, warum Prof. Thomas Grünberger Spezialisierungen im Fach Radiologie für besonders sinnvoll hält. Ein weiterer Grund ist, dass viele Ärzte ihre fachspezifischen Wissenslücken ungern preisgeben – weder vor Kollegen noch vor den Patienten. Deshalb bestärkt der Experte Letztere gern darin, sich eine Zweitmeinung einzuholen oder sich im Internet schlauzumachen: „Jeder Arzt sollte darüber hinaus die folgenden drei Fragen seiner Patienten gewissenhaft beantworten können: Wie oft behandeln Sie dieses Krankheitsbild? Mit wem arbeiten Sie zusammen? Wie erfolgreich waren Sie damit?“

Während der Session wird Grünberger das Augenmerk auf chirurgische Interventionen beim lebermetastasierten Kolorektalkarzinom (mCRC) legen, ein kurativer Eingriff, der zum Tagesgeschäft seiner Abteilung gehört. „Hier kursieren heute noch zwei landläufige Meinungen, die dem Patienten leider allzu oft falsch vermittelt werden“, so Prof. Grünberger, „erstens: Der Patient ist unheilbar krank und stirbt morgen. Zweitens: Die Behandlung mit Chemotherapie bringt außer Nebenwirkungen nichts. Nur wenige wissen überhaupt, dass man auch operativ eingreifen kann und dass sich auf diesem Sektor in den letzten Jahren viel getan hat.“

Den Gegenbeweis für die Unhaltbarkeit dieser These vom unheilbaren metastasierten Leberkrebs liefert ein Patient, der vor mittlerweile zehn Jahren von Grünberger operiert wurde – und immer noch lebt. Das Risiko eines Rezidivs besteht für diesen Patienten jetzt nicht mehr. Grundsätzlich operiert Prof. Grünberger keinen Patienten mit mCRC, ohne dass dieser vorher eine Chemotherapie durchlaufen hat: „Bei nicht resektablen Tumoren gehört die neoadjuvante Therapie zum Pflichtprogramm, um die Krebsgeschwülste zu verkleinern und sie eventuell zu einer sekundären Resektabilität zu führen. Die resektablen Tumoren behandeln wir neoadjuvant mit Chemotherapie, um zu sehen, wie sie auf diese Behandlung ansprechen. Würden wir diese Patientengruppe zuerst operieren, dann wüssten wir bei einer weiteren Behandlung nicht, ob die Chemotherapie effizient ist.“ Auf diese Weise sorgt die Erkenntnis, dass Interdisziplinarität bessere therapeutische Ergebnisse liefert, in Kombination mit wirksameren Krebsmedikamenten dafür, dass die Prognosen für Krebserkrankungen von Jahr zu Jahr besser werden.

 

Im Profil

Seit 1998 ist Univ.-Prof. Dr. Thomas Grünberger Oberarzt an der Universitätsklinik für Chirurgie, Wien. Von 1999 bis 2001 vertiefte er sein Interesse auf dem Gebiet der Leberchirurgie während eines Auslandsaufenthaltes an der Universität von New South Wales am St. George´s Hospital in Sydney. Im Rahmen seiner Tätigkeit hat er mehr als 600 Leberoperationen durchgeführt und hat somit in Österreich die größte Fallzahl an Patienten, die an der Leber operiert werden mussten, behandelt. Sein Spezialgebiet sind das multidisziplinäre Management von Lebermetastasen des Dickdarmkarzinoms sowie das Gallengangs- und Gallenblasenkarzinom.

Veranstaltungshinweis

Freitag, 8. Oktober 2010,
13:30 Uhr–14:30 Uhr: Leber
Vorsitz: H. Langenberger, Oberwart, und M. Uder, Erlangen

14:00 Uhr: Moderne Therapiekonzepte
Th. Grünberger, Wien

06.10.2010

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