Angriff ist die beste Verteidigung

Eine Standortbestimmung der interventionellen Radiologie

Alles relativ Neue ist umstritten und bewundert, angefeindet und doch den Trend bestimmend. So auch die interventionelle Radiologie, die sich durch ein hohes Innovationspotenzial auszeichnet. Das birgt – wie gesagt – Chancen und Risiken, denn die neu entwickelten Verfahren eröffnen zwar Perspektiven der interdisziplinären Zusammenarbeit, wecken aber auch durchaus Begehrlichkeiten bei anderen medizinischen Fachbereichen. Wie die interventionelle Radiologie die Kooperation mit anderen Disziplinen stärken, höchste Qualitätsstandards wahren und dabei auch das eigene Fachgebiet weiterentwickeln möchte, erläutert Prof. Dr. Dierk Vorwerk vom Klinikum Ingolstadt.

Prof. Dr. Dierk Vorwerk
Prof. Dr. Dierk Vorwerk
Prof. Dr. Dierk Vorwerk
Prof. Dr. Dierk Vorwerk

radiologia bavarica: Herr Prof. Vorwerk, Ihr Vortrag trägt den Titel „Interventionelle Radiologie in der Radiologie – alles oder nichts“. Das klingt ja eher dramatisch. Um was geht es Ihnen?

Dierk Vorwerk: Meine primäre Botschaft an alle Radiologen lautet: Die Intervention ist heute innerhalb der Radiologie ein eminent wichtiger Teilbereich, auf den wir nicht verzichten dürfen und können. Wenn wir auf die Intervention verzichten, verzichten wir auf lange Sicht auch auf die Diagnostik, die zu der Intervention führt. Das radiologische Fachgebiet ist in mehreren Bereichen unter Druck, zum Beispiel auch im Bereich der Kernspintomografie und Computertomografie, auch wenn bei Letzterer die Röntgenverordnung ein wenig schützt. Die Verfahren der interventionellen Radiologie sind für viele Kardiologen, Angiologen und Gefäßchirurgen allerdings sehr interessant.

rb: Sie wollen „amerikanische Verhältnisse“ vermeiden?

DV: Ja. In den USA hat sich die interventionelle Radiologie von der Radiologie mehr oder weniger abgespalten. Sie ist damit zwar eine eigenständige Fachdisziplin, hat in der Folge aber nicht nur die Solidarität der diagnostischen Radiologie, sondern auch insgesamt der Mediziner verloren. Arterielle Gefäßinterventionen werden dort fast ausschließlich durch Kardiologen und Gefäßchirurgen durchgeführt. Das ist meines Erachtens der falsche Weg. In Deutschland wollen wir jedenfalls weiterhin auf interdisziplinäre Zusammenarbeit setzen. Es gibt ja eindeutig die Tendenz, interdisziplinäre Zentren zu schaffen, in denen die Chirurgen, Internisten und Radiologen Teams bilden, die zusammen Entscheidungen fällen und damit breit abgesicherte Diagnose- und Therapievorgaben generieren. Genau das bietet sich auch bei Gefäßprozessen an: interdisziplinär zu entscheiden, was das Beste für den Patienten ist. Wir arbeiten bereits mit der DGG und der DGA in interdisziplinären Gefäßzentren zusammen und werden das weiterhin forcieren. Denn wir glauben, dass die interdisziplinären Gefäßzentren eine gute Lösung für Gefäßpatienten sind, weil dort alle Disziplinen ihr Bestes geben.

rb: Wie ist es möglich, dass Ärzte aus anderen Fachbereichen Verfahren aus der interventionellen Radiologie anbieten können?

DV: Das hängt sehr stark mit dem Qualifizierungssystem zusammen. Die Verfahren der interventionellen Radiologie sind Techniken, die im Rahmen einer Weiterbildung erworben werden. Die Radiologie ist aber zumindest in Deutschland das einzige Fach, das diese Ausbildung in seiner Weiterbildungsverordnung verankert hat – und zwar mit 250 zu absolvierenden Eingriffen. Das gibt es in keinem anderen Fach, weder in der Gefäßchirurgie noch in der Angiologie oder Kardiologie.

Da die interventionellen Techniken Röntgenstrahlen benötigen, ist das ein besonders sensibles Feld, das auch die Öffentlichkeit interessieren müsste. Es ist von allerhöchstem Interesse, dass diese Verfahren möglichst fachgerecht durchgeführt werden; das heißt Minimierung der Dosis und Einhaltung aller Vorsichtsmaßnahmen. Um die Fachkunde für interventionelle Radiologie zu erhalten, müssen jedoch nur mindestens 100 Eingriffe unter Aufsicht eines fachkundigen Arztes absolviert werden; der Radiologe erhält diese Kenntnisse im Rahmen seiner Fachausbildung.

rb: Welche Ansätze zu einer Vereinheitlichung der Zertifizierungsanforderungen und damit auch zu einer Gewährleistung der Qualität gibt es in der interventionellen Radiologie?

DV: Wir müssen darauf drängen, die Durchführung von bestimmten Leistungen an eine Qualifikation zu binden, die für alle gleich sein muss. Wir fordern derzeit 250 Eingriffe von unseren jungen Ärzten, um den Facharzt zu machen, eine Forderung, die natürlich auch für alle anderen Disziplinen gelten sollte. Auf der europäischen Ebene gibt es eine Zertifizierung des quasi-europäischen Facharztes für interventionelle Radiologie, das Zertifikat des European Institute for Biomedical Imaging Research (EIBIR). In Deutschland wird parallel ein deutsches Zertifikat entwickelt.

rb: Wo sollten die interventionellen Radiologen noch aktiv werden?

DV: Auf der berufspolitischen Ebene konnten wir durchsetzen, dass die interventionelle Radiologie als Sektion bei der Union Européenne des Médecins Spécialistes, der UEMS, anerkannt ist. Die UEMS ist die europäische Facharztvereinigung und einzige Vertretung der ärztlichen Fachverbände, die bei der EU akkreditiert ist. Das heißt, wenn die EU über europäische Facharztthemen spricht, dann spricht sie mit der UEMS. Das ist politisch wichtig. Leider ist die UEMS nicht sehr bekannt. Da muss Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden. Und nicht nur da. Eine gute Möglichkeit, die Prozesse in unsere Richtung zu bewegen, ist außerdem, den Patienten zu informieren und bei ihm ein Bewusstsein für moderne Methoden in der Medizin zu schaffen.

rb: Wie soll das konkret aussehen?

DV: Als Radiologen sind wir Serviceleister, also sekundär behandelnde Ärzte. Das macht es uns natürlich schwerer, den Patienten direkt zu überzeugen. Aber die Myomembolisation ist ein gutes Beispiel aus der Intervention. Dort sind wir neue Wege gegangen und haben das Internet genutzt, um Patientinnen über diese Methoden zu informieren und darüber, dass sie genauso gut ist wie die Operation. Das war ziemlich erfolgreich. Leider zeigt uns die Tatsache, dass es heute noch Patientinnen gibt, denen – auch in der Universitätsklinik! – gesagt wird, dass eine Hysterektomie besser ist als eine Myomembolisation, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben.

rb: Prof. Vorwerk, vielen Dank für das Gespräch!

 

Im Profil

Prof. Dr. Dierk Vorwerk ist seit zwölf Jahren als Chefarzt am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Klinikum Ingolstadt tätig. Im Jahr 1996 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der RWTH Aachen ernannt. Er erhielt 1993 den Wilhelm-Conrad-Röntgen-Preis und 1996 den Hermann-Holthusen-Ring der Deutschen Röntgengesellschaft. 2008 übernahm er die Präsidentschaft des Deutschen Röntgenkongresses. Seine Hauptinteressen liegen in den Gefäßinterventionen, der Schlaganfalltherapie und den Embolisationstechniken.

Veranstaltungshinweis

Freitag, 8. Oktober 2010,
14:40 Uhr–15:40 Uhr: Neue Horizonte in der Radiologie
Vorsitz: O. Sommer, Schwarzach, und G. Tepe, Rosenheim

15:20 Uhr: Interventionelle Radiologie in der Radiologie – alles oder nichts?
D. Vorwerk, Ingolstadt

 

06.10.2010

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