Immunhämatologie

Neue Säule in der Krebsbehandlung: CAR-T-Zelltherapie

Nicht jede hämatologische Krebserkrankung reagiert auf klassische Behandlungsmethoden mit dem gewünschten Erfolg. Daher ist für Professor Dr. Nina Worel von der Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin an der Medizinischen Universität Wien die CAR-T-Zell-Therapie „eine weitere Säule in der Krebsbehandlung neben Chemotherapie, Bestrahlung und Stammzelltransplantation.“

Bericht: Sascha Keutel

portrait of nina worel
Prof. Dr. Nina Worel

Auf der Pressekonferenz im Rahmen des 54. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie e.V. (DGTI) berichtete Worel über die Behandlung von malignen hämatologischen Erkrankungen mit der chimären Antigenrezeptor-(CAR)-T-Zell-Therapie. „Bei der CAR-T-Zell-Therapie werden körpereigene Immunzellen mit gentechnologischen Methoden so verändert, dass sie gezielt bösartige Zellen erkennen können.“

Derzeit am weitesten fortgeschritten ist die Forschung und die Verfügbarkeit von zugelassenen Produkten für Erkrankungen, die das Oberflächenmolekül CD19 tragen. Dieses Antigen befindet sich sowohl auf gesunden als auch auf bösartigen B-Zellen. Diese sind fester Bestandteil des Immunsystems und unter anderem für die Produktion von Antikörpern verantwortlich. Im Falle einer Entartung dieser Zellen können sich bösartige hämatologische Erkrankungen wie Leukämie oder Lymphdrüsenkrebs entwickeln. Hier bietet die CAR-T-Zell-Therapie eine gute Behandlungs- und sogar Heilungschance. „Die große Errungenschaft dieser Therapie ist es, das Ansprechen und das Gesamtüberleben dieser doch beeinträchtigten Patienten deutlich zu verbessern“, so Worel.

Patienten, die nicht auf eine Chemotherapie ansprechen oder sehr schnell einen Krankheitsrückfall erleiden, haben nur eine Chance von etwa sieben Prozent auf die Heilung durch eine weitere Chemotherapie. „Eine CAR-T-Zell-Therapie kann dies auf 40-50 Prozent Wahrscheinlichkeit steigern“, sagte die Fachärztin für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin.

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Ablauf CAR-T-Zell-Therapie

Um CAR-T-Zellen herstellen zu können, werden zuerst mittels eines maschinellen Verfahrens – der Apherese – T-Zellen (T-Lymphozyten, die Träger der adaptiven Immunantwort) über mehrere Stunden aus dem Blut der Patienten gesammelt. 

Sobald [die veränderten Zellen] durch Infusionen in den Körper gelangen, suchen sie sich ein passendes Antigen, binden daran und zerstören diese Zellen

Nina Worel

Die weiteren Schritte zur Gewinnung erfolgen in spezialisierten biotechnologischen Laboren, die die aus dem Blut der Patienten gewonnenen T-Zellen ex vivo gentechnisch modifizieren. Die Zellen werden mit einem spezifischen viralen Gentransfervektor behandelt, der Informationen in die Zellen einschleust. Diese sind daraufhin in der Lage, den CAR selbst zu produzieren und eine Immunantwort zu aktivieren. „Die Zellen erhalten einen Bauplan, wie sie an ihrer Oberfläche einen spezifischen Rezeptor ausbilden kann, der dann gezielt das CD19-Antigen erkennt“, erklärte die Expertin.

Im Labor werden die Zellen vermehrt, um eine hohe Anzahl zur Verfügung zu haben. Es folgen intensive und umfassende Qualitätskontrollen, bevor die fertigen Zellprodukte zurück an das Behandlungszentrum gesandt werden. 

Damit CAR-T-Zellen ausreichend Platz zur erfolgreichen Vermehrung im Körper haben, muss laut Worel unbedingt eine vorbereitende Chemotherapie erfolgen, um möglichst viele Krebszellen abzutöten und das Anwachsen der neuen Zellen zu begünstigen. „Die Zellen sollen wachsen, um ausreichend gegen Tumorzellen zu kämpfen. Sobald sie durch Infusionen in den Körper gelangen, suchen sie sich ein passendes Antigen, binden daran und zerstören diese Zellen.“

Risiken

Dem großen Potenzial der Therapie stehen gewisse Risiken und Nebenwirkungen gegenüber. Daher bedarf es einer engmaschigen Überwachung und Nachbetreuung über mehrere Tage, um mögliche schwere Komplikationen früh erkennen zu können. „Alle Zellen, die das CD19-Antigen tragen, werden durch die CAR-T-Zellen angegriffen und können dadurch eliminiert werden“, betonte Worel. Das können Tumorzellen, aber auch gesunde B-Zellen sein. „Die Patienten haben lange Zeit nach der Therapie keine gesunden B-Zellen, was ein gewisses Risiko für Infektionen mit sich bringt.“ 

Im Rahmen der Zellaktivierung kann es zudem zu einem sogenannten Zytokin-Freisetzungssyndrom („cytokine release syndrome“, CRS) kommen, bei dem durch Freisetzung von Botenstoffen Entzündungsreaktionen, wie etwa starkes Fieber, Müdigkeit oder Übelkeit, hervorgerufen werden. Weitere unerwünschte Wirkungen könnten das zentrale Nervensystem betreffen.

Ausblick

Neben den bereits zugelassenen Medikamenten zur Behandlung von Leukämie und Lymphdrüsenkrebs gibt es eine Vielzahl von Studien, die Antigen-Oberflächen testen. Worel und ihr Team untersuchen aktuell eine Anwendung gegen Lungenkrebs, Kopf- und Halstumoren sowie Darmkrebs. Andere akademische und industrielle Studien zielen auf unterschiedliche Antigene und andere Erkrankungen ab, beispielsweise dem Multiplen Myelom, solide Tumoren wie Hirn- und Prostatatumoren, aber auch seltene Erkrankungen. Worel schaut daher positiv in die Zukunft: „Wir werden in den nächsten Jahren sicherlich noch viel Neues hören und wahrscheinlich die Ansprechraten deutlich verbessern können.“

12.10.2021

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