MHH/Kaiser

Artikel • Kraniosynostose

Künstliche Schädeldecke nach 3D-Rekonstruktion implantiert

Für die gesunde kindliche Entwicklung ist es wichtig, dass die Schädelknochen dem Gehirn jederzeit genügend Platz bieten. Doch etwa eins von 2000 Babys kommt mit einer Kraniosynostose zur Welt. Bei betroffenen Kindern schließen sich eine oder mehrere Wachstumsnähte zwischen den Schädelplatten viel früher als bei gesunden Gleichaltrigen – teilweise sogar schon im Mutterleib. Auch der kleine Emil litt unter dieser seltenen Fehlbildung. Um ihm zu helfen, rekonstruierten Chirurgen der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) den Schädel des Jungen dreidimensional am Computer und implantierten dem damals fünf Monate alten Jungen im November 2015 ein neuartiges Netz. Es war der weltweit erste Eingriff dieser Art.

Report: Sascha Keutel

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Emil und seine Eltern Katharina und Oliver T.
Quelle: MHH/Kaiser

Die Ursache für eine Kraniosynostose ist in den meisten Fällen unklar. Ohne eine Behandlung kann es zu asymmetrischen Verformungen des Schädels, Entwicklungsstörungen des Gehirns, neurologischen Ausfällen und Sehstörungen kommen. Es gibt unterschiedliche Varianten der Erkrankung. In den meisten Fällen ist die sogenannte Pfeilnaht über dem Scheitel verschlossen, so auch bei Emil. „Dass der Kopf ein klein wenig verformt war, war uns schon kurz nach der Geburt aufgefallen“, berichtet Emils Vater, Oliver. Doch da das bei Neugeborenen nicht ungewöhnlich ist, warteten die Eltern zunächst einmal ab. „Unsere Hebamme hat uns dann empfohlen, ihn doch mal von einem Spezialisten untersuchen zu lassen“, erinnert sich der Vater.

Neue Operationsmethode

Im Alter von sechs Wochen stellten die Eltern Emil bei Chirurgen der MHH vor. „Durch die zu frühe Verknöcherung der Schädelnähte hat das Gehirn nicht genügend Platz zu wachsen“, erklärt Dr. Dr. Majeed Rana, stellvertretender Ärztlicher Direktor für den Bereich der rekonstruktiven Gesichtschirurgie der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Die Ärzte warteten bis der optimale Zeitpunkt für den Eingriff gekommen war. „Die Deformierung hatte zugenommen, der Schädel war zu sehr in die Länge gewachsen. Durch bildgebende Verfahren konnte die Kraniosynostose weiter verifiziert werden“, berichtet sein Kollege Dr. Elvis Josef Hermann, leitender Oberarzt und Leiter der Pädiatrischen Neurochirurgie der Klinik für Neurochirurgie.

Eine OP war nun unumgänglich. Bei dem herkömmlichen Operationsverfahren wird die verschlossene Naht aus dem Schädel herausgesägt, um mehr Flexibilität für den Schädel und mehr Platz für das Gehirn zu schaffen. „Mit dieser Methode können gute Erfolge erzielt werden, manchmal bleibt jedoch eine leichte Deformierung bestehen“, erläutert Hermann. Also schlugen die beiden Chirurgen den Eltern die neue, gemeinsam entwickelte Operationsmethode vor.

Implantat aus resorbierbarem Material

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Die Ärzte Professor Gellrich, Dr. Rana (mit Emil auf dem Arm), Dr. Hermann und Professor Krauss.
Quelle: MHH/Kaiser

Mit Hilfe aufwändiger 3D-Berechnungen ermittelte ein Medizintechnik-Ingenieur der MKG-Klinik die optimale Kopfform für Emil und erstellte auf Grundlage dieser Daten eine Schnittschablone und das genau an den kleinen Patienten angepasste Netzimplantat. Die Herstellung eines patientenspezifischen Schädelimplantats aus bioresorbierbarem Material mit Hilfe einer computer-assistierten Rekonstruktion ist völlig neu. Dabei arbeitet die Klinik mit dem Medizintechnikunternehmen KLS Martin zusammen.

Während des Eingriffs wurden die verschlossene Schädelnaht und weitere keilförmige Stücke nach der angefertigten Schablone exakt symmetrisch aus Emils Schädeldecke herausgesägt. Darüber setzten die Chirurgen das neuartige Netz und legten die Kopfhaut wieder darüber. Das Implantatmaterial aus Polyglycolid wird vom Körper resorbiert. Es löst sich nach einigen Monaten auf und wird durch körpereigenen Knochen ersetzt. Der Schädel kann sich dadurch „normal“ entwickeln. „Das Netz fungiert als Leitstruktur für die nachwachsenden Knochenzellen“, erklärt Rana. „Die Schädelknochen wachsen langsam in der gewünschten Form nach und verschließen die Lücken irgendwann vollständig.“ So lässt sich das Schädelwachstum lenken und die Entwicklung der Form nahezu voraussagen.

Bei der Herstellung des Implantats wird bereits bestimmt, wie schnell das Implantat resorbiert werden soll. In den ersten acht Wochen nach dem Eingriff gibt das Netz in erster Linie Stabilität, danach wird es flexibler, damit sich das Gehirn entfalten kann. Nach acht bis zwölf Monaten soll es vollständig aufgelöst sein. Der Gesichtschirurg ist von der neuen Methode begeistert: „Der große Vorteil liegt darin, dass wir das Wachstum des Schädels lenken können. Wir können dafür sorgen, dass er sich möglichst symmetrisch entwickelt und dadurch ein optimales kosmetisches Ergebnis erzielt wird.“

Die Ärzte sind mit dem Schädelwachstum des mittlerweile einjährigen Jungen sehr zufrieden. „Alles entwickelt sich wie geplant“, freut sich Rana.


Quelle:  Medizinische Hochschule Hannover

08.08.2016

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