Siemens Healthineers kauft Strahlentherapie-Firma Varian

Gemeinsam Wege gegen Krebs finden

Es ist ein Deal der Superlative: für rund 16,4 Milliarden US-Dollar erwirbt Siemens Healthineers den Strahlentherapie-Weltmarktführer Varian. Hinter dem Kauf des US-Unternehmens steckt ein ambitioniertes Vorhaben, erklärt Dr. Christoph Zindel. Das Vorstandsmitglied von Siemens Healthineers berichtet in unserem Interview, wie das Unternehmen mit dem Zukauf die Zukunft der Krebsbehandlung gestalten will.

portrait of Christoph Zindel
Dr. Christoph Zindel

Mit der Übernahme will Siemens Healthineers seine führende Position in der onkologischen Diagnostik um die sich anschließende Therapie erweitern, in der Varian mit innovativen Lösungen rund um KI, maschinelles Lernen und Datenanalyse sehr erfolgreich aktiv ist. Die beiden Unternehmen arbeiten bereits seit 2012 gemeinsam an Therapiesystemen und Tools zur onkologischen Behandlungsplanung. „In einer solchen Kollaboration unterliegen die Beteiligten allerdings auch immer gewissen Einschränkungen“, schildert Zindel. „Nun, da wir, vorausgesetzt wir erhalten die regulatorischen Freigaben bis zum ,Closing‘, bald unter einem Dach sein werden und unsere Ressourcen teilen, können wir unser Potenzial viel besser und in die Tiefe nutzen und zu mehr werden als die Summe unserer Teile.“

Sehr verschieden und doch eng verbunden

Mit dem Kauf finden zwei Unternehmen sehr komplementärer Art zusammen, so Zindel: „Varian hat sich aus der reinen Strahlentherapie heraus zu einem Weltmarktführer im Bereich der Onkologie entwickelt. Damit stellt das Unternehmen eine komplementäre Ergänzung zu unserem eigenen Portfolio dar.“ Trotz der unterschiedlichen Schwerpunkte sieht der ausgebildete Mediziner starke Parallelen zwischen beiden Firmen: „Unser gemeinsamer Motor ist das Ziel, Patienten zu helfen. Wir wollen etwas bewegen – die Lebenserwartung von Krebspatienten erhöhen und die Lebensqualität verbessern. Das ist ein Konnektor, der unsere Unternehmen eng miteinander verbindet.“

Das spiegelt sich insgesamt in der Marktstrategie von Siemens Healthineers wider, erläutert das Vorstandsmitglied: Durch gezielte Akquisitionen – beispielsweise von ECG und Corindus im vergangenen Jahr – habe das Unternehmen Beratungskompetenz, Innovation und Digitalisierung gefördert und sich damit eine starke Position erarbeitet: „Der Erwerb von Varian trägt dazu bei, diese Stellung gerade im Bereich der Krebsbehandlung weiter auszubauen.“  Bedarf sieht er allemal: „Die Prävalenz onkologischer Fälle lag 2010 bereits bei etwa 14 Millionen Fällen – bis 2030 erwarten Experten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), dass sich diese Zahl auf 25 Millionen erhöhen wird.“ Die Strahlentherapie ist ein zentraler Behandlungsweg bei vielen Krebsarten.

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Weitere Gemeinsamkeiten sieht Zindel in der Nutzung von KI: „Wenn wir hier unsere bereits bestehenden Stärken zusammenfließen lassen, können wir sehr viel Gutes tun – sowohl für die Patienten also auch für die medizinischen Versorger. Zusammen bieten wir ein ganzheitliches Konzept von der Diagnostik bis zur Therapie.“ Davon verspricht sich Zindel Synergieeffekte, etwa in Gestalt besserer Bildgebung oder Algorithmen, die auf Grundlage der Bildgebung direkt personalisierte Therapiepläne entwickeln. Das Resultat: schnellere, präzisere und frühzeitigere Bestrahlung. „Die Onkologie ist ein komplexes Themenfeld mit einem breiten Spektrum unterschiedlicher Erkrankungen. Die Behandlung funktioniert daher nur im Team, mit einem starken interdisziplinären Zusammenspiel. Deshalb stellen sich Siemens Healthineers und Varian den Herausforderungen der onkologischen Diagnostik und Therapie ebenfalls gemeinsam. So schaffen wir eine integrierte Diagnostik und individualisierte Therapien.“

Unbeirrt durch die COVID-Krise

Mit dem Merger demonstriert Siemens zudem seine wirtschaftliche Widerstandskraft, gerade in Zeiten von COVID-19. „Natürlich lieferte unser jüngster Quartalsbericht kein Traumergebnis – das hätte angesichts der Pandemie aber wohl auch niemand erwartet“, sagt Zindel. „Die Zahlen belegen aber die Stärke unseres weltweiten Teams und die Stabilität unseres Geschäfts, auch in schwierigen Zeiten. Die Coronakrise ist kein Grund, unsere funktionierende Wachstumsstrategie abzubrechen. Für uns ist es nach wie vor wichtig, in Zukunftsfelder zu investieren, und genau das tun wir mit dem Kauf von Varian.“

Eines dieser Zukunftsfelder ist für Siemens Healthineers die Verbesserung der medizinischen Versorgung in Entwicklungsländern, erörtert Zindel: „Laut Angaben der WHO hat mindestens 50% der Weltbevölkerung keinen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung. Dem wollen wir mit Innovationen in Bereichen wie Robotik und ferngesteuerte Modalitäten etwas entgegenhalten und so die Menschen erreichen, die davon bislang nicht profitieren konnten.“


Profil:

Dr. Christoph Zindel ist seit Oktober 2019 Mitglied des Vorstands der Siemens Healthineers AG. Der 1961 geborene Mediziner, der an der Goethe-Universität Frankfurt promovierte, kam 1998 als Segment Manager zu Siemens Healthcare und hatte danach verschiedene leitende Positionen mit zunehmender Verantwortung innerhalb des Geschäftsbereichs Magnetic Resonance inne. Ab 2012 leitete er PETNET Solutions in Knoxville, USA. 2014 wechselte er zu Beckman Coulter und leitete von Miami, USA, aus die Geschäftseinheiten Hämatologie und Urinanalyse. Nachdem er 2015 zu Siemens zurückkehrte, leitete er die Business Line Magnetic Resonance und wurde 2018 Präsident des Geschäftsbereichs Diagnostic Imaging.

10.08.2020

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