Ein klares „Jein“ zur Ganzkörperbildgebung in der Onkologie

Braucht die onkologische Medizin die Ganzkörperbildgebung? Dieser Frage widmet sich Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda, Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe des Krankenhauses Hietzing in Wien. Um es gleich vorwegzunehmen: Ein eindeutiges „Ja“ oder „Nein“ als Antwort lässt diese Fragestellung nicht zu. Im Gespräch mit radiologia bavarica erläutert Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda, warum es so wichtig ist, die Entscheidung über eine Ganzkörperbildung klug abzuwägen.

Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda
Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda

Prof. Sevelda: Natürlich brauchen wir die Ganzkörperbildgebung, aber nur in sehr selektierten Fällen, hinter denen ein klares diagnostisches Konzept steht. Keinesfalls brauchen wir die Ganzkörperbildgebung für Screening-Zwecke oder als Schutzdiagnostikum für ratlose Ärzte. Die Radiologie ist keine Serviceeinrichtung für den Kliniker, sondern ein wichtiger Bestandteil der klinischen Medizin – und in diesem Kontext ein wichtiger Baustein in der interdisziplinären Gesamtbeurteilung und im Patientenmanagement.

Die Forderung muss also sein, dass man aus dem klinischen Erscheinungsbild des Patienten, aus den verfügbaren Befunden ein diagnostisches Konzept entwickelt, um eine entsprechende Therapie einleiten zu können. Ein solcher Prozess erfordert natürlich interdisziplinäre Konzile, die heute in vielen Bereichen erfreulicherweise bereits Realität sind. Nehmen wir das Beispiel Brustkrebs: Natürlich können Ultraschall und Mammografie wichtige diagnostische Informationen liefern. Dafür reicht es jedoch nicht, die Patientin einfach zum Radiologen zu schicken. Der Radiologe muss in die Planung einbezogen werden, klinische Details kennen, um die Möglichkeiten der Bildgebung auf ein spezifisches Ziel auszurichten.

radiologia bavarica: So weit lautet die Antwort zur Ganzkörperbildgebung also „Nein“. In welchen Fällen ist sie denn zu befürworten?

Prof. Sevelda: Bei unklaren Tumorerkrankungen, bei denen wir das Tumorgeschehen überhaupt erst einmal erkennen müssen. Aber auch hier ist eine gute Selektion der Fälle erforderlich, weil wir sonst Gefahr laufen, viele falsch-positive Befunde zu generieren. Diese gehen mit unnötigen Verunsicherungen und Folgeuntersuchungen einher, die wir durch eine gezielte Auswahl vermeiden können.

Es gibt in kaum einer klinischen Situation ein eindeutiges „Ja“ für die Ganzkörperbildgebung, denn unabhängig davon, welche onkologische Fragestellung beantwortet werden soll, ist ein umsichtiger Umgang mit der Methode erforderlich.

Hier muss prinzipiell ein Umdenken stattfinden. Entscheidend ist nicht herauszufinden, ob jemand zehn oder 50 Metastasen an verschiedenen Lokalisationen hat. Entscheidend ist, ob beispielsweise mit einer Metastasierung ein bestimmtes Symptombild zusammenhängt und – weitergedacht – ob sich daraus auch therapeutische Konsequenzen ableiten lassen. Auch hierzu ein Beispiel: Bei einer 90-jährigen Patientin mit einer metastasierten Erkrankung wird die therapeutische Konsequenz wahrscheinlich nicht darin liegen, invasiv die Metastasen zu entfernen. Bei dieser Frau geht es darum, die Voraussetzungen für eine bestmögliche Lebensqualität zu schaffen – die Anzahl der Metastasen ist darum nicht wirklich entscheidend.

radiologia bavarica: Bei jüngeren Patienten wäre das sicherlich anders zu beurteilen, oder?

Prof. Sevelda: Grundsätzlich nicht. Denn die Bildgebung ist nur ein Mosaikstein der Entscheidungsfindung. Nach wie vor ist der Standard beim bösartigen Tumor eine verifizierte histologische Diagnose. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, denn wir erleben immer wieder, dass uns die Bildgebung Verdachtsdiagnosen präsentiert, mit denen der Kliniker wenig anfangen kann. Wir haben es hier also mit einer übergreifenden Thematik zu tun, bei der die Radiologie in das Betreuungskonzept des Patienten eingebunden wird. Und das wiederum gelingt nur in interdisziplinären Konzilen. Daran führt einfach kein Weg vorbei.

radiologia bavarica: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Im Profil

Univ.-Prof. Dr. Paul Sevelda ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe und seit 1997 zum Vorstand der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Wiener Schwerpunktkrankenhaus Hietzing berufen. Zu seinen Spezialgebieten gehören die Laparaskopie sowie die brusterhaltende Therapie bei Brustkrebs. Von 1997 bis 1999 leitete er die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Seit nunmehr zehn Jahren trägt Prof. Sevelda als Präsident der Österreichischen Krebshilfe zur Bewusstseinsbildung, Vorsorge, Forschung und Betreuung von Krebserkrankten bei. Seit Oktober 2008 ist er außerdem Mitglied des Obersten Sanitätsrates der Republik Österreich.

Veranstaltungshinweis

Donnerstag, 7. Oktober 2010,
15:35 Uhr–16: 35 Uhr: Ganzkörperbildgebung
Vorsitz: Ch. Herold, Wien, und E. Rummeny, München

15:35 Uhr: Braucht die onkologische Medizin Ganzkörperbildgebung?
P. Sevelda, Wien

 

04.10.2010

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