Interview • Meilensteine und Herausforderungen

„Stellenwert der Radiotherapie nimmt weiter zu“

Vor einigen Wochen wurde Prof. Dr. Dirk Vordermark, Universitätsmedizin Halle, zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) gewählt. Im Interview spricht der Krebsmediziner über die Entwicklung und Meilensteine des Fachs sowie die anstehenden Herausforderungen und Pläne.

Welchen Stellenwert hat die Radioonkologie heute in der Krebstherapie?

Portraitfoto von  Prof. Dr. Dirk Vordermark
Prof. Dr. Dirk Vordermark

Bildquelle: Universitätsmedizin Halle

Prof. Vordermark: „Sie ist ein zentraler Player in der interdisziplinären Krebstherapie. Wir lehren schon in der Vorlesung, dass es drei Säulen der Krebstherapie gibt: die Operation, die medikamentöse Therapie und die Strahlentherapie. Und der Stellenwert der Radiotherapie nimmt weiter zu: Zum einen gibt es mehr Tumorerkrankungen, bei denen sie zunehmend auch als Primärtherapie infrage kommt. Zum anderen gewinnt sie aufgrund des demografischen Wandels an Bedeutung, weil auch Krebspatienten bei Erstdiagnose älter sind: Das mittlere Alter von Menschen mit Tumorleiden ist in Deutschland bei Diagnosestellung schon ca. 70 Jahre. Daher gibt es immer mehr Betroffene, für die wegen ihres Allgemeinzustandes eine Operation nicht mehr infrage kommt. Hinzu kommt, dass es sich bei der Strahlentherapie um eine organerhaltende Methode handelt, bei der der Krebs gezielt behandelt wird, während Kehlkopf und Enddarm erhalten werden. Die Strahlentherapie wird also sehr breit eingesetzt, sowohl bei der kurativen als auch bei der palliativen Behandlung.“ 

Was sind aus Ihrer Sicht die wegweisenden Fortschritte in der Strahlentherapie?

„Unser Fach ist schon immer ein High-Tech Fach gewesen, hat sich aber gerade in jüngster Zeit sehr dynamisch weiterentwickelt. Die Bestrahlungsplanungssoftware arbeitet beispielsweise längst mit künstlicher Intelligenz, was die Bestrahlungsplanung schneller und zuverlässiger macht. Auch die Weiterentwicklung der Bestrahlungstechnik schreitet rasant voran. Dabei geht es stets um zwei Aspekte: zum einen um eine höhere Wirksamkeit – also eine bessere Tumorkontrolle und höhere Heilungschancen –, zum anderen um geringere Nebenwirkungen, sprich eine bessere Schonung der gesunden Organe und Gewebe. An beiden Stellschrauben wurde in den vergangenen Jahren viel erreicht: Die Therapie ist insgesamt wirksamer und nebenwirkungsärmer geworden.“ 

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Wo sehen Sie die Hauptaufgabe der Fachgesellschaft in diesem Spannungsfeld von Technik und Medizin?

„Unsere Aufgabe ist es, die neuen Techniken zu evaluieren und auch möglichst schnell in den klinischen Alltag zu überführen, also in die Versorgung von Patienten zu bringen. Das bedeutet, wir müssen zunächst Studien unterstützen, die neue Techniken evaluieren, und dann die evidenzbasierten Erkenntnisse aus diesen Studien in die Leitlinien integrieren. Die DEGRO arbeitet daher sehr intensiv an den Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft zu den verschiedenen Indikationen mit, um zu gewährleisten, dass dort der neueste Stand der Radioonkologie abgebildet ist. Darüber hinaus kümmern wir uns darum, dass wir die Versorgung vor Ort sicherstellen, auch was die Verfügbarkeit von neuesten Therapiemöglichkeiten angeht. Hier arbeiten wir zudem eng mit den Berufsverbänden zusammen.“

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Radioonkologie in der Zukunft?

„Eine große Herausforderung ist sicher, dass unser Gesundheitssystem im Wandel begriffen ist. Zum einen gibt es Krankenhausstrukturreformen, zum anderen ist auch in der ambulanten Versorgung vieles im Umbruch. Das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen, ist, dass wir einerseits eine hoch spezialisierte Therapie anbieten möchten, andererseits aber auch die Menschen in der Fläche versorgen müssen. In anderen Ländern ist die Strahlentherapie sehr zentralisiert und auch wir brauchen wissenschaftlich gut aufgestellte Exzellenzzentren, gerade für komplexe und seltene Tumorerkrankungen. 

Was viele nicht wissen: Die Strahlentherapie ist hocheffizient und wird heute überwiegend kurativ eingesetzt – also mit dem Ziel der Heilung

Dirk Vordermark

Darüber hinaus müssen wir sicherstellen, dass die vielen Patientinnen mit Brustkrebs und die Patienten mit Prostatakrebs wohnortnah nach dem neuesten Stand der Forschung versorgt werden. Das ist in Deutschland durch die Zertifizierung von Krebszentren gewährleistet. Auch viele kleinere Standorte haben Brust-, Prostata- oder Darmkrebszentren. Diese wohnortnahe Versorgung ist für viele häufige Tumorarten sehr sinnvoll. Bei selteneren Erkrankungen, die spezialisierte Therapieangebote erfordern, ist es jedoch wichtig, dass Patienten über ein entsprechendes Netzwerk zeitnah in ein großes, z. B. universitäres Zentrum weitergeleitet werden. Das gelingt letzten Endes nur durch entsprechende Netzwerke und Kooperationen – und es ist eine wichtige Aufgabe der DEGRO, diese Strukturen mitzugestalten. Damit ist für alle Patienten eine optimale Versorgung gesichert und wir müssen darauf achten, das wir diese nicht im Zuge der Strukturreformen aufs Spiel setzen. Eine weitere Herausforderung ist es darüber hinaus, die Bedeutung der Radiotherapie nach außen zu kommunizieren, denn noch immer gibt es viele Vorbehalte und Missverständnisse…“

Wo genau gibt es Kommunikationsbedarf? Was sollten Menschen mit dem Begriff Strahlentherapie assoziieren?

„Aktuell ist die Strahlentherapie noch mit zahlreichen negativen Assoziationen verbunden, die teilweise aus früheren Zeiten stammen: Viele Menschen setzen Strahlen in erster Linie mit Gefahr gleich, weniger mit ihrem therapeutischen Nutzen. Auch denken die meisten, die Strahlentherapie wird nur dann eingesetzt, wenn nichts anderes mehr infrage kommt und alle anderen Therapiemöglichketen ausgereizt sind. Natürlich kommt sie nach wie vor auch in der Palliativsituation zum Einsatz, einfach weil sie recht nebenwirkungsarm ist. Doch was viele nicht wissen: Die Strahlentherapie ist hocheffizient und wird heute überwiegend kurativ eingesetzt – also mit dem Ziel der Heilung. Dies kann entweder als organerhaltende Alternative zur Operation geschehen, etwa bei Prostata- oder Blasentumoren, oder als Bestandteil einer multidisziplinären Tumortherapie, in der verschiedene Behandlungen kombiniert werden, wie beispielsweise bei Brustkrebs. Die Strahlentherapie stellt dabei oft den letzten Schritt in der Behandlungskette dar und hat dann das Ziel, das Rezidivrisiko zu senken und den Behandlungserfolg zu konsolidieren. Darüber hinaus ist sie hocheffektiv bei der Behandlung von Metastasen, kann mitunter sogar auch in dieser Situation kurativ eingesetzt werden. Kurz gesagt: Der Stellenwert der Radiotherapie nimmt weiter zu, gerade auch als Primärtherapie, und Patienten sollten über strahlentherapeutische Alternativen adäquat aufgeklärt werden.“ 

Die Radioonkologie ist oftmals nicht der primäre Behandler. Wie stellen Sie sicher, dass Patienten in den Fällen, in denen die Strahlentherapie eine gleichwertige Alternative zu einer anderen Therapieform darstellt, darüber gleichwertig aufgeklärt werden?

„Hier ist ebenfalls die Leitlinienarbeit entscheidend, in die sich die DEGRO intensiv einbringt – denn zu allen S3-Leitlinien von der Deutschen Krebsgesellschaft gibt es auch Patientenleitlinien. Sie sind eine ganz wichtige Informationsquelle für Betroffene und beschreiben die möglichen Therapiewege. Darüber hinaus handelt es sich bei den durch die Krebsgesellschaft zertifizierten Tumorzentren um interdisziplinäre Krebszentren, in denen Ärzte verschiedener Disziplinen gemeinsam den für den Patienten individuell besten Therapieweg festlegen sollen. 

Doch nicht überall erfolgt auch die anfängliche Patientenaufklärung interdisziplinär, was aus unserer Sicht sinnvoll wäre, wenn die Leitlinie zwei Behandlungswege als gleichwertig einstuft, wie das zum Beispiel bei Prostatakrebs der Fall ist. Die Diagnose wird durch die urologischen Kollegen gestellt und die urologische Therapie ist die Prostatektomie, die chirurgische Entfernung der Prostata. Und natürlich ist es schwierig, über die Vor- und Nachteile einer Behandlung, die man nicht selbst durchführt, gleichwertig zu informieren. Ideal wäre daher aus unserer Sicht eine interdisziplinäre Sprechstunde, bei der Vertreterinnen und Vertreter beider Fächer die Betroffenen gemeinsam beraten. Außer bei Prostatatumoren wäre das auch bei Blasen- oder einigen Lungentumoren sinnvoll. Hinzu kommt, dass es für Patienten sehr viel einfacher wäre, wenn ihr Therapieweg im offenen Austausch und anschließenden Konsens mit den verschiedenen Fachrichtungen festgelegt würde, als wenn sie nach der Beratung durch die eine Fachrichtung proaktiv einen Termin bei der zweiten organisieren müssen und sie das Gefühl haben, dieser Schritt könne das Verhältnis mit dem Erstberatenden stören. Die Betroffenen sind durch die Diagnose bereits genug belastet, sie sollten einen einfachen Zugang zu einer möglichst interdisziplinär aufgestellten Patientenberatung haben.“ 


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie 

30.08.2025

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