Budesonid gegen Covid-19: ‚Gamechanger‘ oder Schnellschuss?

Illustration: HiE/Behrends

Bildquellen: NIAID (Inhaler)/CDC (Virus)

Off-Label-Use für Asthmamedikament

Budesonid gegen Covid-19: ‚Gamechanger‘ oder Schnellschuss?

Ein Asthmaspray, das schwere Covid-Verläufe verhindern kann? Eine aktuelle Studie aus Großbritannien weckte diese Hoffnung und löste in der Folge einen Run auf den Wirkstoff Budesonid aus. Doch der vermeintliche ‚Gamechanger‘, wie die Studie von SPD-Politiker Karl Lauterbach bezeichnet wurde, hat gleich mehrere Haken, wie Pneumologen auf einer Pressekonferenz erläuterten. Die Experten stellten zum einen die methodischen Schwächen der Studie heraus und kritisierten zum anderen den öffentlichen Hype um den Wirkstoff, der zulasten von Asthmakranken gehe.

Bericht: Wolfgang Behrends

„Die Geschichte könnte so schön sein“, kommentierte Prof. Dr. Marek Lommatzsch, Oberarzt der Abteilung für Pneumologie des Zentrums für Innere Medizin der Universitätsmedizin Rostock. Und auf den ersten Blick stimmt das: Bei der Behandlung von Covid-Patienten fiel auf, dass Asthmatiker, deren Erkrankung mit Budesonid eingestellt ist, deutlich seltener von schweren Corona-Verläufen betroffen waren. Das Glukokortikoid zählt zu den Basistherapien bei Asthma. Britische Forscher verabreichten das Medikament im Rahmen einer im „Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlichten Studie auch Nichtasthmatikern und beobachteten, dass der Covid-hemmende Effekt von Budesonid auch bei ihnen auftrat.

Kann Budesonid also schwere Covid-Verläufe abwenden? Die Studie erregte beträchtliches Aufsehen in der Fachwelt und Politik, doch Lommatzsch warnte vor voreiligen Schlüssen: „Viele Asthmapatienten zeigen eine verminderte Expression des Rezeptors ACE2, der für die Aufnahme von SARS-CoV-2 in die Atemwege nötig ist. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass diese Patienten inhalative Steroide wie Budesonid nutzen. Die Forscher untersuchten also, ob der Wirkstoff die Aufnahme des Virus auch bei allen anderen erschweren kann.“ Die Überlegung sei zwar logisch, die Studie reiche jedoch nicht aus, diesen Zusammenhang belastbar zu beweisen – auch, da sie einige methodische Mängel aufweise.

Gut gemeint, aber nicht gut gemacht

Prof. Dr. Marco Idzko von der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) schlüsselte diese Schwächen genauer auf: Die Studie sei zwar randomisiert durchgeführt worden, aber ohne Verblindung. Dadurch sei die Gefahr groß, dass das Ergebnis durch den Placebo-Effekt verfälscht wurde. Außer der vergleichsweise geringen Personenzahl (146) kritisierte Idzko, dass unter den Teilnehmern auch Asthmatiker waren – so lasse sich nicht abklären, ob die beobachteten Verbesserungen auf die Covid-Erkrankung oder das Asthma zurückzuführen seien, denn für letzteres sei die Wirksamkeit von Budesonid bereits erwiesen. Problematisch seien ferner die sehr hohe Dosierung des Wirkstoffs sowie die Anwendung subjektiver Besserungskriterien. Das Fazit des ÖGP-Experten: „Wir haben hier eine schöne, Hypothesen generierende Studie, die leider vom Design her schlecht gemacht ist. Es ist viel zu früh, aus den Ergebnissen Handlungsempfehlungen abzuleiten.“ Um die Grundannahme zu verifizieren, dass inhalative Glukokortikoide einen protektiven Effekt vor Covid-19 haben könnten, bedürfe es größerer, Placebo-kontrollierter, verblindeter Studien. Diese seien bereits geplant, unter anderem durch den Pharmakonzern AstraZeneca, der neben dem Covid-Impfstoff auch Budesonid-Sprays in seinem Portfolio hat. „Es ist sicherlich sinnvoll, diese Therapie im Rahmen von Studien weiter zu evaluieren“, schloss sich PD Dr. Timo Wolf, Infektiologe am Universitätsklinikum Frankfurt, an.

Lommatzsch warnte indes davor, sich zu sehr auf den Wirkstoff einzuschießen – immerhin sei Budesonid nicht die einzige mögliche Erklärung, warum Asthmatiker besser vor Covid-19 geschützt seien. Andere Hypothesen legen nahe, dass auch die Erkrankung selbst ein Faktor sein könnte, gab der Pneumologe zu bedenken.

Warum schnelle Öffentlichkeit nicht immer von Vorteil ist

Gerade in Zeiten der Pandemie sollte die Politik mit solchen Aussagen sehr vorsichtig sein

Marco Idzko

Das eigentliche Problem sei aber nicht die methodisch schwache Studie – sondern ihr unmittelbares Einbringen in die öffentliche Diskussion, befand Prof. Dr. Michael Pfeifer: „Wir sehen erhebliche Probleme in der schnellen Interpretation dieser Veröffentlichung.“ Der amtierende Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) betonte in diesem Zusammenhang, dass Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten gründlich hinsichtlich ihrer Wirksamkeit, Sicherheit und klinischer Übertragbarkeit bewertet werden müssten – all das sei nicht möglich, wenn Studien direkt nach Veröffentlichung in die öffentliche Diskussion gebracht werden.

Pfeifer warnte davor, mit solchen Schnellschüssen zur allgemeinen Verunsicherung beizutragen und das Vertrauen in die Wissenschaft zu gefährden. „Gerade in Zeiten der Pandemie sollte die Politik mit solchen Aussagen sehr vorsichtig sein“, pflichtete Prof. Idzko bei.

Asthmaspray fehlt da, wo es gebraucht wird – bei den Asthmatikern

Weit handfestere Auswirkungen hatte der Hype um die Studie auf die Versorgung von Asthmatikern, denn zwischenzeitlich war es zu regelrechten Hamsterkäufen und in Folge zur Verknappung von Budesonid gekommen. „Asthmatiker sind auf das Medikament angewiesen“, so Pfeifer. „Als Mediziner sehen wir das Geschehen also problematisch.“

Statt also verfrüht Hoffnungen um Budesonid zu schüren, empfahl Professor Dr. Christian Taube, den Blick auf bereits etablierte und nachweislich wirksame Therapien zu richten. Hier zählte der Pneumologe an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen etwa das Virostatikum Remdesivir sowie monoklonale antivirale Antikörper auf, die erfolgreich bei Patienten mit schweren Covid-Verläufen eingesetzt werde. „Wir haben durchaus effektive Interventionsmöglichkeiten für Risikopatienten.“ Zu diesen zählten im Übrigen adipöse Menschen, Patienten mit schweren kardiovaskulären Erkrankungen oder Diabetes mellitus – aber ausdrücklich keine Asthmatiker, auch wenn dies wiederholt öffentlich verbreitet worden sei.

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In Zeiten von Covid-19 sei der Bedarf an schnellen Erklärungen und Einordnungen wissenschaftlicher Studien besonders hoch, zeigte Prof. Pfeiffer Verständnis; dies dürfe jedoch nicht zulasten der Sorgfalt gehen, so der DGP-Präsident abschließend.

18.05.2021

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