Der stäbchenförmige Erreger Pseudomonas aeruginosa ist einer der häufigsten Verursacher schwerer Krankenhausinfektionen und zunehmend gegen mehrere Antibiotikaklassen resistent.

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Artikel • Infektionsimmunologie

Antikörper statt Antibiotika – neue Wege gegen resistente Krankenhauskeime

Resistente Krankenhauskeime nehmen weltweit zu, während die Entwicklung neuer Antibiotika seit Jahrzehnten stagniert. Auf dem DGIM-Kongress 2026 zeigte Priv.-Doz. Dr. Alexander Simonis von der Uniklinik Köln, was das im klinischen Alltag bedeutet – und welche alternativen Therapieansätze Hoffnung machen.

Bericht: Wolfgang Behrends

Portraitfoto von Alexander Simonis
Priv.-Doz. Dr. Alexander Simonis

Bildquelle: Uniklinik Köln; Foto: Michael Wodak

Seit über 30 Jahren wurden keine wirklich neuen Antibiotikaklassen entwickelt. Stattdessen entstehen Derivate bestehender Substanzen, gegen die Resistenzen rasch folgen. Die WHO-Prioritätsliste problematischer Erreger – darunter Acinetobacter, Enterobacterales, Pseudomonas aeruginosa und Enterokokken – hat sich zwischen 2017 und 2024 zwar leicht verschoben, doch gramnegative Erreger bleiben das Hauptproblem.1 

Ein wesentlicher Grund für den Innovationsstillstand ist ökonomischer Natur. Simonis, der das Labor für translationale Infektionsimmunologie am UK Köln leitet, veranschaulichte dies mit einem eindrücklichen Vergleich: Während Blockbuster-Medikamente wie die ‚Abnehmspritze‘ Ozempic Jahresumsätze von bis zu 25 Milliarden US-Dollar erzielen,2 bewegen sich neue Antibiotika im Bereich von wenigen hundert Millionen. „Da sehen Sie ganz klar, warum es für Big Pharma relativ uninteressant ist, in diesen Bereich zu investieren“, so Simonis. Die Konsequenz: Innovation muss künftig von anderer Seite kommen. 

Um die Dringlichkeit des Problems zu verdeutlichen, schilderte Simonis den Fall einer 40-jährigen Patientin, die nach einer Notoperation in Griechenland auf der dortigen Intensivstation eine schwere Infektion entwickelte und nach Deutschland zurückgebracht wurde. An der Uniklinik Köln zeigte sich ein septischer Schock bei Peritonitis mit Nachweis eines panresistenten Pseudomonas aeruginosa. Das Resistogramm ließ kaum Optionen: Lediglich Colistin zeigte noch eine gewisse Wirksamkeit, und auch dieses nur in Kombination und mit bekannt schlechter Verträglichkeit. Die Patientin verstarb an einer nicht beherrschbaren Infektionssituation. „Das ist keine abstrakte, sondern eine reale Gefahr“, betonte Simonis. 

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Anti-Virulenz-Therapie: ein Paradigmenwechsel

Als konzeptionelle Alternative zu klassischen Antibiotika stellte Simonis die Anti-Virulenz-Therapie vor. Anstatt Bakterien direkt abzutöten, zielt dieser Ansatz auf deren Virulenzfaktoren – also jene Strukturen und Mechanismen, die Erreger erst krankmachend machen: Kapseln, Toxine, Proteasen und Sekretionssysteme. Durch deren gezielte Hemmung lässt sich die Pathogenität eines Erregers herabsetzen, die Wirtsimmunität aktivieren und – da kein direkter Selektionsdruck auf das Bakterienwachstum ausgeübt wird – möglicherweise die Resistenzentwicklung verlangsamen. Antikörper sind dabei eine der vielversprechendsten Substanzklassen, da sie über mehrere Mechanismen wirken können: Aktivierung von Immunzellen oder des Komplementsystems, Agglutination, Toxinneutralisation und direkte Interaktion mit Oberflächen-Virulenzfaktoren. 

Antikörper aus Infektions-Überlebenden

Ein erstes konkretes Beispiel lieferte ein Ausbruch in der Toskana im Jahr 2018 mit einem hypervirulenten, zugleich hochresistenten Klebsiella pneumoniae-Stamm des Kapseltyps KL64 – einer Kombination, die mit einer Mortalität von über 40% assoziiert ist. Forschende isolierten aus Gedächtnis-B-Zellen von Überlebenden Antikörper, die sowohl die Kapsel als auch das O-Antigen des Erregers binden konnten. Diese Antikörper zeigten im Beisein von Komplement einen bakteriziden Effekt und verlängerten im Mausmodell das Überleben der behandelten Tiere signifikant gegenüber der Kontrolle.3 „Ein gutes Beispiel, wie man aus einer schweren Infektion auch eine Therapie entwickeln kann“, kommentierte Simonis. 

Die eigene Arbeitsgruppe von Simonis verfolgt einen analogen Ansatz gegen Pseudomonas aeruginosa – denselben Erreger, der die eingangs geschilderte Patientin das Leben kostete. Als Antikörperquelle dienen B-Zellen von Mukoviszidose-Patientinnen und -Patienten, die häufig über Jahrzehnte chronisch mit Pseudomonas infiziert sind und daher eine besonders potente, breit neutralisierende Immunantwort ausgebildet haben. Zielstruktur ist das Typ-III-Sekretionssystem, über das der Erreger Toxine direkt in Wirtszellen injiziert – ein Mechanismus, dessen Expression mit erhöhter Mortalität assoziiert ist. 

Entscheidend ist, dass die so gewonnenen Antikörper unabhängig von klassischen Resistenzmechanismen wirken: In Zytotoxizitäts-Assays blieben sie auch gegen Ciprofloxacin-resistente Stämme wirksam, während konventionelle Antibiotika versagten. Im Mausmodell einer Pseudomonas-Bakteriämie zeigte der führende Antikörperkandidat bei einer Dosis von 1 mg/kg eine vollständige Clearance der Blutstrominfektion – vergleichbar mit dem Effekt von Levofloxacin bei einem sensiblen Stamm.4 Die Gruppe verfügt mittlerweile über ausreichend Förderung für die GMP-Produktion und plant Ende 2027 eine Phase-I-Studie an der Uniklinik Köln, mit dem langfristigen Ziel einer Phase-II-Studie bei Patientinnen und Patienten mit schweren, resistenten Pseudomonas-Infektionen. 

Präzisionsmedizin für Infektionskrankheiten

Simonis schloss mit einem Ausblick, der Parallelen zur Onkologie zieht: So wie die Krebsmedizin seit Jahren auf Präzisionsansätze setzt, brauche auch die Infektiologie indikationsspezifische, zielgerichtete Therapien – ergänzt durch verbesserte Diagnostik, konsequente Krankenhaushygiene und einen One-Health-Ansatz, der den Antibiotikaverbrauch in der Lebensmittelindustrie einschließt. Antikörpertherapien werden dabei keine Breitbandlösung sein, sondern gezielte Optionen für die schwersten, therapierefraktären Infektionen – idealerweise in Kombination mit Antibiotika, um Synergien zu nutzen und Resistenzentwicklung weiter zu bremsen. Die Botschaft war klar: Die Innovationswelle muss jetzt kommen, denn die Bakterien warten nicht. 


Literatur:

  1. Sati H, Carrara E, Savoldi A, et al. The WHO Bacterial Priority Pathogens List 2024: a prioritisation study to guide research, development, and public health strategies against antimicrobial resistance. Lancet Infect Dis. 2025;25(9):1033-1043. https://doi.org/10.1016/s1473-3099(25)00118-5 
  2. Statista: Top 10 Biotech-Medikamente weltweit nach Umsatz im Jahr 2024; https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1262097/umfrage/weltweit-umsatzstaerkste-biopharmazeutika/ 
  3. Roscioli E, Zucconi Galli Fonseca V, Bosch SS, et al. Monoclonal antibodies protect against pandrug-resistant Klebsiella pneumoniae. Nature. 2025;646(8087):1204-1213. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09391-3 
  4. Simonis A, Kreer C, Albus A, et al. Discovery of highly neutralizing human antibodies targeting Pseudomonas aeruginosa. Cell. 2023;186(23):5098-5113.e19. https://doi.org/10.1016/j.cell.2023.10.002 

18.05.2026

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