Migrationsmedizin

Zwischen Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie

Seit dem Jahr 2015 sind über eine Million Flüchtlinge und Migranten nach Deutschland gekommen. Internisten und Allgemeinmediziner gehören dabei zu den ersten Anlaufstellen. Aktuelle Auswertungen der Krankheitsbilder zeigen ein typisches internistisches Krankheitsspektrum, angeführt von Infekten. Ein überproportional großer Teil der Geflüchteten leidet jedoch an psychischen Problemen. Mit welchen Krankheitsbildern genau die Ärzte zu tun haben und mit welchen bürokratisch-logistischen Herausforderungen sie bei ihrer Behandlung konfrontiert sind, diskutieren Experten auf der Pressekonferenz der Korporativen Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) im Rahmen des Jahreskongresses der DGIM im Mannheimer Rosengarten.

Für viele Geflüchtete gehören Mediziner zu den ersten Kontaktpersonen nach...
Für viele Geflüchtete gehören Mediziner zu den ersten Kontaktpersonen nach ihrer Ankunft in Deutschland.
Quelle: shutterstock/Alexandre Rotenberg
Prof. Dr. med. Ulrich R. Fölsch ist Generalsekretär der DGIM und Beauftragter...
Prof. Dr. med. Ulrich R. Fölsch ist Generalsekretär der DGIM und Beauftragter für die Korporativen Mitglieder der Fachgesellschaft.

„Im Wesentlichen deckt sich das Krankheitsspektrum in den Aufnahmeeinrichtungen mit dem, das auch hierzulande für die Innere Medizin typisch ist“, sagt Prof. Dr. med. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der DGIM und Beauftragter für die Korporativen Mitglieder der Fachgesellschaft. In der Mehrzahl seien das Infektionskrankheiten, aber auch Krankheiten des Verdauungssystems, Haut- oder Kreislauferkrankungen. Dies habe eine Befragung unter DGIM-Mitgliedern Anfang 2016 ergeben. Auch eine aktuelle Studie der Charité-Universitätsmedizin Berlin in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut, die über 5300 Behandlungsfälle ausgewertet hat und auf dem Internistenkongress vorgestellt wird, kommt zu demselben Ergebnis. Die Sorge, dass mit den Migranten auch gefährliche exotische Krankheiten in großem Umfang nach Deutschland kommen könnten, habe sich damit nicht bestätigt, sagt Privatdozent Dr. med. Joachim Seybold, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Charité–Universitätsmedizin und Koordinator der Flüchtlingshilfe der Charité.

Auffällig sei jedoch der hohe Anteil an Migranten und Flüchtlingen, die unter psychischen Störungen leiden. In Berlin, wo viele Flüchtlinge ankommen, hat die Charité daher eine so genannte Clearing-Stelle für psychiatrische Erkrankungen eingerichtet. „Seit Februar 2016 wurden hier bereits über 3.500 psychisch kranke oder traumatisierte Flüchtlinge behandelt“, sagt Seybold. Die Clearing-Stelle steht geflüchteten Kindern und Erwachsenen in ganz Berlin offen und beschäftigt unter anderem auch Psychiater, die Arabisch als Muttersprache sprechen. Doch insgesamt gebe es hierzulande viel zu wenige qualifizierte Dolmetscher, geschweige denn Ärzte und Therapeuten, die die Sprachen der Geflüchteten beherrschen, so Fölsch.

Das Hauptproblem liege jedoch in bürokratischen Hindernissen bei der Behandlung. Flüchtlinge können während des Asylverfahrens kein reguläres Mitglied der Krankenversicherungen werden. Vielmehr finanzieren und organisieren die Kommunen, in denen sie leben, die medizinische Versorgung. Wie diese geregelt ist, kann deshalb von Ort zu Ort unterschiedlich sein. „Viele Flüchtlinge kommen deshalb ohne Gesundheitskarte in die Praxis“, so DGIM-Experte Fölsch. Hier seien politische Lösungen gefragt – wie etwa in Bremen, wo Asylbewerber direkt nach der Registrierung eine solche Karte erhalten. Diesem Beispiel seien leider erst fünf weitere Bundesländer gefolgt. „Gemäß dem Votum des 119. Deutschen Ärztetages 2016 setzt sich die DGIM für eine flächendeckende Einführung einer Versicherungskarte für Migranten und Flüchtlinge ein, um damit die Arbeit der Ärzte und somit eine angemessene medizinische Betreuung zu erleichtern“, so DGIM-Generalsekretär Fölsch.

 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM)

27.04.2017

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