Wenn nichts mehr geht: Die CT im Kindesalter

Die Computertomografie ist bekannt als besonders strahlenbelastende Bildgebungsmodalität. Sie ist daher immer nur dann induziert, wenn das Risiko den Nutzen aufwiegt. Das gilt ganz besonders in der Kinderradiologie. Dennoch gibt es diagnostische Fragestellungen, bei denen die CT die Methode der Wahl ist – auch bei den allerkleinsten Patienten.

Prof. Dr. Michael Riccabona
Prof. Dr. Michael Riccabona
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Prof. Dr. Michael Riccabona

Welche Indikationen dies sind und wie sich die hohe Priorität des Strahlenschutzes am besten umsetzen lässt, berichtet Prof. Dr. Michael Riccabona von der Klinischen Abteilung für Kinderradiologie am LKH-Universitätsklinikum Graz, Erster Vorsitzender der Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie.

Grundsätzlich hängt der Einsatz der CT im Kindesalter von drei Leitgedanken ab: Welche diagnostische Fragestellung liegt vor? Welche Bildgebungsmodalitäten stehen alternativ zur Verfügung? Wie akut bedroht ist der Patient? Daher kommen CT-Verfahren in der Pädiatrie gerade dort zur Anwendung, wo jede Sekunde zählt: in der Traumatologie. Hier ist man auf schnelle und zuverlässige Ergebnisse angewiesen. „Es gibt aber auch Akutsituationen, in deneneine CT-Untersuchung bei Kindern nicht immer etwas zu suchen hat, etwa bei einer Appendizitis“, warnt Prof. Riccabona. „Ein Großteil der Blinddarmentzündungen lässt sich mit klinischen, labormedizinischen und sonografischen Mitteln bereits sicher abklären.“

Patienten ohne Lobby

Einen weiteren Schwerpunkt der kindlichen CT-Bildgebung bildet die Thoraxdiagnostik, etwa bei interstitieller Lungenerkrankung, die sich selbst im konventionellen Röntgenbild oft unauffällig verhält. Hier bietet die CT unter Umständendie einzige Möglichkeit, um überhaupt eine Diagnose stellen zu können. Allzu oft besteht aber bei vielen anderen Fragestellungen der Rechtfertigungsgrund für den Einsatz der CT jedoch schlicht und einfach darin, dass kein MRT-Gerät in unmittelbarer Nähe vorhanden oder für Kinder verfügbar ist, weiß der Grazer Kinderradiologe. Deshalb fordert er einen besseren Zugang für Kinder zur MRT-Diagnostik: „Es ist in meinen Augen nicht vertretbar, dass für Erwachsene alle möglichen Ressourcen bereitgestellt werden und Kinder gerne den Kürzeren ziehen. Sie haben keine Lobby, keine Finanzmittel oder politisches Wahlrecht, das ihnen in der Öffentlichkeit eine Stimme verleihen könnte – dennoch haben sie Anspruch auf eine kindgerechte und strahlensparende bildgebende Diagnostik rund um die Uhr und durch den entsprechenden Fachmann.“

Die CT ist kein Kinderspiel

Dass die Auswirkungen ionisierender Strahlung auf das kindliche Gewebe nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sind, hat die viel beachtete Studie von David J. Brenner, 2001 imAmerican Journal of Roentgenologyveröffentlicht, eindrücklich bewiesen. Brenner berichtete, dass im Durchschnitt jedes tausendste Kind, das einer CT-Untersuchung unterzogen wird, an einem tödlich verlaufenden strahleninduzierten Malignom stirbt. „Darüber hinaus besitzt Strahlung keinen unteren Schwellenwert wie etwa der Ultraschall“, ergänzt Prof. Riccabona. „Ein Strahl, der zufällig eine Zelle trifft, kann bereits dazu führen, dass diese zum Tumor entartet. Und das Risiko dafür ist bei Kindern viel höher als bei Erwachsenen.“

Protokolle kindgerecht anpassen

Um dem ALARA-Prinzip (as low as reasonably achievable) in der Kinderradiologie gebührend Rechnung zu tragen, stehen eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung. Vor allem sollte jedes CT-Protokoll dem Alter und der klinischen Fragestellung angepasst werden. Dadurch lässt sich laut Expertenmeinungen die Strahlendosis teilweise um weit mehr als die Hälfte senken. „Die Kollegen aus der Klinik möchten natürlich am liebsten wunderschöne Bilder“, erzählt Riccabona. „Ein bisschen Rauschen, ein bisschen Grau mindert aber nicht die diagnostische Aussage und Zuverlässigkeit und kann zusätzlich dem Radiologen zeigen, dass er mit der Dosis nicht zu hoch liegt. Das soll jedoch nicht heißen, dass man die niedrigste Dosis um jeden Preis einfordert. Denn ist die Diagnose durch zu niedere Dosis verpasst, hat man ganz umsonst bestrahlt.“
Die Untersuchungsprotokolle können je nach Gerätehersteller und -technologie sehr unterschiedlich sein. Deshalb ist es wichtig, sich mit seinen entsprechenden Firmenpartnern in Verbindung zu setzen, damit diese bei der Implementierung der pädiatrischen Protokolle beimCT-Scanner vor Ort behilflich sein können.

„Allerdings beruhen diese Protokolle auf mathematischen Berechnungen“, gibt der Experte zu bedenken. „Es sind also keine gemessenen, sondern gerechnete Dosiswerte, die an der CT-Konsole angezeigt werden, die darüber hinaus noch auf Erwachsenenphantomen basieren. Das heißt, die angegebene Dosis, die das System zeigt, ist für das Kind falsch, nämlich viel zu niedrig.“ Aus diesem Grund hat die Abteilung für Kinderradiologie in Graz eigene Kinderphantome für bestimmte Altersgruppen und Körperregionen entwickelt und die CT-Protokolle auf Basis dieser Messwerte an ihrem Gerät, dem Aquilion One, in Zusammenarbeit mit der Firma Toshiba für die kindliche und altersgerechte Anwendung optimiert.

In einem weiterführenden Forschungsprojekt ist geplant, nun mit anderen großen Zentren in Europa, etwa in Brüssel, London und Barcelona, zu kooperieren und Scanparameter für verschiedene CT-Anlagen von unterschiedlichen Herstellern zu ermitteln. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer kindgerechten Strahlenheilkunde.

Im Profil
Prof. Dr. Michael Riccabona ist habilitierter Pädiater und (Kinder-)Radiologe an der Klinischen Abteilung für Kinderradiologie der Univ. Klinik für Radiologie am LKH-Universitätsklinikum Graz. Unter anderem leitet er Arbeitsgruppen rund um das Thema pädiatrische Bildgebung in der European Society of Urogenital Radiology, European Society of Paediatric Radiology und Österreichischen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin. Er ist erster Vorsitzender der Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie. Ihm wurde die Auszeichnung Eminent Scientist of the Year 2006 vom International Research Promotion Council verliehen. Er ist (Mit-)Organisator und Leiter zahlreicher Kursangebote vorwiegend in Österreich, europa- und weltweit gefragter Referent rund um die Radiologie und Sonografie im Kindesalter und steht zahlreichen wissenschaftlichen Zeitschriften als Fachgutachter zu Seite.

 

11.05.2012

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