Virtuelle H&E-Färbung einer mittels Mikro-CT abgebildeten Lungen-/Herzprobe...
Virtuelle H&E-Färbung einer mittels Mikro-CT abgebildeten Lungen-/Herzprobe einer Maus. (a) Phasenkontrast-Mikro-CT-Bilder mit einer Auflösung von 0,88 µm pro Pixel wurden von einer volumetrischen Probe mit den Maßen 7,2 × 7,2 × 3,6 mm³ aufgenommen, die Herz- und Lungenparenchym- sowie Atemwegsgewebe enthielt. Dargestellt ist ein axialer Querschnitt durch die Mitte des Volumens. Der blaue Pfeil zeigt auf einen großen Atemweg mit dicht gepackten Zellkernen. (b) Untersuchungsbereich (Region of Interest, ROI), der überwiegend einen großen Atemweg enthält. (c) Untersuchungsbereich (ROI), der überwiegend Lungenparenchym enthält.

Bildquelle: Almagro-Pérez C, Peruzzi N, Galambos C, Song AH, Brunnström H, Gawlik KI, Stampanoni M, Tran-Lundmark K, Lovric G, Journal of the Royal Society Interface 2026 (CC BY 4.0

News • KI & Histologie

Virtuelle 3D-Gewebeschnitte aus dem CT

Test an Lungengewebe liefert "Proof of Concept"

Forschende am Paul Scherrer Institut PSI haben ein KI-System entwickelt, das Gewebebilder aus der Computertomografie so einfärbt, als seien klassische Gewebeschnitte erstellt worden. Dadurch könnten krankhafte Veränderungen künftig zerstörungsfrei und dreidimensional analysiert werden. Die Studie erschien im Journal of the Royal Society Interface. 

Als Rudolf Virchow im 19. Jahrhundert seine Zelltheorie der Krankheiten formulierte, veränderte er die Medizin grundlegend: Krankheiten entstehen nicht unerklärlich im Organismus, sondern in bestimmten Zellen und Geweben. Bis heute basiert die Pathologie – die Lehre von krankhaften Veränderungen – im Kern auf der zeitintensiven Untersuchung dünner Gewebeschnitte, die eingefärbt und unter dem Mikroskop betrachtet werden. 

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Goran Lovric vom Zentrum für Photonenforschung am PSI kombiniert künstliche Intelligenz mit Synchrotron-Bildgebung, um dreidimensionale virtuelle Einfärbungen von Gewebeproben zu erstellen.

© Paul Scherrer Institut PSI/Mahir Dzambegovic 

Nun ist es einem internationalen Forschungsteam am PSI gelungen, die zweidimensionale Grenze zu überwinden. Mithilfe hochauflösender Mikro-Computertomografie (µCT) und künstlicher Intelligenz erzeugte eine Gruppe um den PSI-Physiker Goran Lovric vom Zentrum für Photonenforschung am PSI virtuelle Einfärbungen von Gewebeproben, sogenannte Histologiefärbungen. Somit müssen weder hauchdünne, empfindliche Schnitte angefertigt noch müssen diese tatsächlich eingefärbt werden. "Wir haben zum ersten Mal gezeigt, dass eine virtuelle Färbung auf CT-Basis ähnliche Ergebnisse liefern kann wie die konventionelle Labor-Histologie", erklärte Lovric. "Dies eröffnet eine Fülle an klinischen und wissenschaftlichen Anwendungsmöglichkeiten." 

Die Forschenden kombinierten hochauflösende Phasenkontrast-Mikro-CT (PCµCT) mit Methoden des maschinellen Lernens. Das System trägt den Namen "VISTACT" – kurz für "VIrtual STAining of micro-Computed Tomography". Während klassische Computertomografie vor allem Unterschiede in der Röntgendichte misst, nutzt die Phasenkontrast-Mikro-CT zusätzliche Informationen in der Strahlung und erreicht dadurch eine deutlich bessere Darstellung von Weichgewebe. So lassen sich selbst feine anatomische Strukturen dreidimensional und im Mikrometerbereich sichtbar machen – bislang allerdings nur in Graustufen. In der Pathologie sind Fachpersonen jedoch darauf trainiert, typische Farbkontraste klassischer Histologiefärbungen zu interpretieren: Zellkerne erscheinen blauviolett, Kollagen rosa, elastische Fasern dunkel. In grauen CT-Datensätzen gehen viele dieser visuellen Orientierungspunkte verloren. 

"Wir wollten deshalb die vertraute Farbwelt der Histologie auf dreidimensionale CT-Daten übertragen", erklärt Lovric. Dafür trainierten die Forschenden eine spezialisierte KI mit Paaren aus echten histologischen Schnitten und den dazugehörigen CT-Aufnahmen. Die KI lernte auf diese Weise, welche mikroskopischen Muster typischerweise welche Einfärbung erhalten. Anschließend konnte sie neue CT-Daten virtuell einfärben – quasi eine automatische Übersetzung zwischen zwei Bildwelten. 

Wir konnten die veränderten Gefäßregionen dreidimensional kartieren

Cristina Almagro-Pérez

Ein entscheidender technischer Schritt war dabei die präzise Zuordnung der Bilder. Histologische Schnitte sind nur wenige Mikrometer dick und können beim Schneiden oder Aufziehen leicht verzogen werden. Zudem muss exakt bestimmt werden, an welcher Stelle im dreidimensionalen CT-Datensatz der jeweilige Schnitt liegt. Die Arbeitsgruppe um Lovric entwickelte dafür ein mehrstufiges Verfahren, das die entsprechende Ebene automatisch erkennt und mit den Histologiedaten abgleicht. Nach Angaben der Forschenden gelingt die räumliche Zuordnung damit deutlich präziser als mit bisherigen Standardverfahren. 

Für die eigentliche virtuelle Färbung kam ein sogenanntes "conditional Generative Adversarial Network" zum Einsatz – ein spezialisiertes KI-System zur Bild-zu-Bild-Übersetzung. Das Modell erhielt Graustufenbilder der Mikro-CT als Eingang und erzeugte daraus virtuelle histologische Präparate. Bemerkenswert war dabei, dass die KI nicht nur grobe Farbflächen erzeugte, sondern unterschiedliche Gewebekomponenten plausibel differenzierte: Blut in den feinen Gefäßen erschien gelblich, Kollagenstrukturen rosa, Oberflächen in der Lunge grau bis violett. 

Die Forschenden testeten ihr neues Verfahren an Lungengewebe, das Personen mit Lungenhochdruck entnommen worden war. Hierbei kommt es zu einem krankhaften Umbau der Lungengefäße. "Wir konnten die veränderten Gefäßregionen dreidimensional kartieren", so Cristina Almagro-Pérez. Sie ist Erstautorin der neuen Publikation und hat während ihrer Masterarbeit in der Gruppe von Goran Lovric gearbeitet. Inzwischen forscht sie in den USA. 

Die neue Technik kann automatisiert und deutlich schneller arbeiten als das aktuelle Vorgehen. Allerdings lässt sie sich noch nicht im Alltag in Spitälern einsetzen: Die benötigte Phasenkontrast-Bildgebung erfolgte an der TOMCAT-Strahllinie der Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS, einer der Großforschungsanlagen am PSI. Die anfallenden Datenmengen waren enorm, und die Auflösung reichte oft noch nicht aus, um einzelne Zellkerne zuverlässig darzustellen. 

Zudem bleibt virtuelle Histologie noch eine statistische Rekonstruktion: Die KI erzeugt keine echten histologischen Informationen, sondern plausible Vorhersagen auf Basis der Trainingsdaten. Diagnostische Routinequalität erreiche das Verfahren derzeit noch nicht, betonen Almagro-Pérez und Lovric. Der "Proof of Concept" sei jedoch erbracht – und das Verfahren prinzipiell auf die Untersuchung verschiedener Krankheiten übertragbar. Gerade bei Tumoren, Gefäßveränderungen oder komplexen Gewebearchitekturen kann diese Form der zerstörungsfreien 3D-Pathologie die Erforschung von Krankheitsbiomarkern beschleunigen und dadurch langfristig neue diagnostische Perspektiven eröffnen. 

Mehr als 150 Jahre nach Virchows Zellularpathologie könnte die Histologie damit erneut vor einem grundlegenden Wandel stehen. 


Quelle: Paul Scherrer Institut; Text: Werner Siefer 

25.06.2026

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