Viel mehr als die Lunge: Lungenbildgebung im Jahr 2022

Um es gleich vorwegzunehmen: In der Lungenbildgebung wird es auch noch in zehn Jahren die beiden Bildgebungsverfahren CT und MRT geben, davon ist Prof. Hans-Ulrich Kauczor, Professor für Radiologie und Ärztlicher Direktor an der Radiologischen Klinik der Universität Heidelberg, überzeugt.

 Prof. Hans-Ulrich Kauczor
Prof. Hans-Ulrich Kauczor

Allerdings in neuer Gewichtung. Die MRT wird zum Routineverfahren avancieren und die CT bei vielen Indikationen ersetzen. Die heute noch weitverbreitete Röntgenaufnahme des Thorax in zwei Ebenen hingegen wird möglicherweise immer mehr in den Hintergrund treten, denn die technischen Entwicklungen werden, folgt man Kauczors Prognose, die Strahlenexposition der CT-Geräte bis auf das Level der klassischen zwei-Ebenen-Aufnahme senken, so dass beide Verfahren in Zukunft beliebig substituierbar sind.

Kauczor zeigt sich überzeugt, „dass die MRT der Lunge so einfach sein wird, wie das heute schon beim Knie der Fall ist, man sich also nur noch auf wenige Sequenzen fokussiert und so in nur 15 Minuten adäquat untersuchen kann.“ Dadurch wird die MRT einige CT-Untersuchungen, die in der Regel wiederholt durchgeführt werden und dadurch eine höhere Strahlendosis verursachen, ablösen. Das wird zum Beispiel beim Lungenherdscreening oder in Form einer Ganzkörper-MR beim Staging des Lungenkarzinoms geschehen.

Es sind natürlich auch Hoffnungen, die in den Prognosen von Prof. Kauczor zum Ausdruck kommen – eine davon ist die Ablösung der Nativ-CT. „Ich bin überzeugt, dass es uns mit Hilfe der Technologie von Dual Energy bzw. Spektral-CT gelingen wird, alle Thorax-CT-Untersuchungen, bei denen es keine Kontraindikationen gibt, mit Kontrastmittel zu fahren, und dass wir aus dieser einen KM-Untersuchung anschließend die Nativinformationen, beispielsweise für densitometrische Analysen, errechnen können.“ Anstelle der bisher üblichen zwei Untersuchungen fällt in Zukunft möglicherweise also nur noch eine an, was eine erhebliche Reduktion der Strahlenexposition mit sich brächte. „Damit bewegen wir uns in Richtung quantifizierende Readouts, und die brauchen wir nicht nur in der Thoraxradiologie“, betont Kauczor und spielt damit auf seine weit über den Thorax hinausreichende Vision einer strukturierten Befundung an.

Doch bezogen auf die Bildgebung der Lunge heißt das für Kauczor: „Wir müssen dahin kommen, dass wir die Befundung von Lunge, Mediastinum und Herz zusammen in Blick haben. Denn der Thorax ist eine Funktionseinheit und die zukünftige Bildqualität wird es uns ermöglichen, alles adäquat abzubilden.“ Er hofft, dass es in nicht mehr als einem Jahrzehnt möglich sein wird, die CT-Lungenuntersuchung prospektiv via EKG zu triggern, so dass in einem Blick die Lunge, die Koronarterien und die generelle Funktion des Herzens beurteilt werden können. Die möglichen berufspolitischen Zuständigkeitsdebatten zwischen kardiovaskulären- und Thoraxradiologen seien zwar vorherzusehen, Kauczor hält aber nicht viel von dieser, wie er es nennt, künstlichen Trennung. „Bei Erkrankungen, die die gleichen oder sehr ähnliche Risikofaktoren haben, ist es leichtsinnig, sich nur auf das Eine zu konzentrieren und das Andere außer Betracht zu lassen. Beim Raucher zum Beispiel sind sowohl supraaortale Gefäße, die großen Arterien im Thorax, das Herz, die Lunge und die Atemwege betroffen. Deswegen muss alles auf ein Bild, damit ich auch alles untersuchen und bewerten kann.“

Ähnlich pragmatisch sieht der Professor auch die möglichen Kompetenzgerangel in Bezug auf die Hybridsysteme PET-CT und MR-PET. „Sollte die Zukunft der Nuklearmedizin in den Hybridgeräten liegen, wäre es natürlich sinnvoll, wenn sie eine gewisse Nähe zu den Radiologen suchten. Es ist nur wichtig, dass wir uns nicht in Streitereien über das Betreiben dieser Geräte, die Untersuchungen oder das Befunden aufreiben, sondern dass wir gemeinsam das, was diese leisten können, erarbeiten und den richtigen Stellenwert für klinische Abläufe definieren.“ Die PET-CT selbst wird bei der Lungenbildgebung in zehn Jahren eher im Hintergrund stehen, abgesehen von einigen Spezialapplikationen, glaubt Kauczor. Anders sieht es beim MR-PET aus. Allerdings wird die FDG als Tracer abgelöst werden, da sie zu viele weiterführende Untersuchungen zur Bestätigung oder zum Ausschluss auslöst. Als eine mögliche Alternative betrachtet er den Proliferationstracer FLT, der seine Rolle beim Lungenkrebs allerdings noch beweisen muss.

 

Im Profil

Prof. Dr. med. Hans-Ulrich Kauczor

Ende der 1980er Jahre studierte Kauczor in Bonn und Heidelberg Medizin, blieb in Heidelberg und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Radiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum, die er, viele Jahre später – von 2003 bis 2007 – leiten sollte.

An der Kölner Universität erwarb er seinen Doktor und habilitierte sich an der Universität Mainz. Seit 2003 ist er Professor für Diagnostische Radiologie an der Universität Heidelberg, an der er 2008 die Ärztliche Direktion der Radiologischen Klinik übernahm. Für seine radiologischen Forschungen wurde er im Jahr 2000 mit dem Holthusen-Ring der Deutschen Röntgengesellschaft ausgezeichnet.
 

08.05.2012

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