Spannend und spannungsgeladen: Perspektiven der Ganzkörperdiagnostik

CT, PET, MRT, PET/CTund neuerdings MR/PET: Mittels Ganzkörperuntersuchungen lassen sich heute besser denn je systemische Vorgänge und Wechselwirkungen des Körpers darstellen und beurteilen. Im onkologischen Staging und in der Therapieverlaufskontrolle liefern diese bildgebenden Verfahren einen wichtigen Beitrag.

Prof. Dr. Claus D. Claussen
Prof. Dr. Claus D. Claussen

Die Potenziale – insbesondere der MRT – sind damit jedoch längst nicht ausgeschöpft. Möchte man wissen, welche Perspektiven die Methode noch bereit hält, kann man dafür keinen besseren Gesprächspartner als Prof. Dr. Claus D. Claussen, Ärztlicher Direktor der Radiologischen Universitätsklinik Tübingen, finden. Er und Prof. Dr. Bernd Pichler aus der Tübinger Radiologischen Klinik gehören zu den Pionieren der MR/PET-Hybridbildgebung. Sie entwickelten gemeinsam mit Siemens an der Radiologischen Klinik das erste simultane MR/PET-System.

Nachdem in Tübingen bereits 2006 das erste humane Brain MR/PET installiert wurde, wird seit Anfang 2011 in Tübingen eines der ersten entwickelten Ganzkörper- MR/PET-Systeme in der klinischen Diagnostik evaluiert. Auf dem diesjährigen Röntgenkongress wird Professor Claussendie Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Röntgengesellschaft verliehen. RöKo Heute gewährte er einen Ausblick in die Zukunft der MRT-Ganzkörperdiagnostik und MR/PET.

Professor Claussen, ein Thema auf dem Röntgenkongress betrifft die Ganzkörperdiagnostik im Spannungsfeld von Prävention und Therapiekontrolle. Was können wir hier von der MRT erwarten und worin genau liegen die Spannungen?

Claus Claussen: In der Therapiekontrolle, vor allem im onkologischen Bereich, hat die Ganzkörperdarstellung mittels moderner CT- und MRT-Technologien einen wichtigen Fortschritt gebracht. So können zum Beispiel Metastasen von Tumoren, die über das Blut oder Lymphbahnen in andere Körperregionen gelangen, erkannt werden. Sowohl zum Staging bei einer onkologischen Erkrankung als auch zur Therapieverlaufskontrolle haben sich diese bildgebende Verfahren etabliert.

Die MRT hat aber auch Bedeutung im Bereich der Prävention erlangt. So kann eine Ganzkörper-MRT-Untersuchung das gesamte Herz-Kreislauf-System inklusive Hirnkreislauf darstellen. Das Ausmaß einer Arteriosklerose ist mit der MR-Ganzkörpergefäßdarstellung unter Einschluss des Herzens vollständig erfassbar. Nach unseren Studienergebnissen ist dieser Nachweis wichtig für die Prognose des Patienten. Mit der MRT werden zunehmend auch Studien zur Phänotypisierung durchgeführt. So kann man etwa die Fettverteilung im Körper analysieren und im Rahmen von Kohortenstudien die Auswirkung von körperlichem Training erfassen. Somit ist es mit Hilfe der MR-Bildgebung möglich, einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Erkrankungen zu liefern. Auch in Deutschland werden derzeit epidemiologische Studien konzipiert, in denen neben der Genotypisierung auch die Phänotypisierung mit Hilfe der MRT von Bedeutung ist.

Was ist problematisch an den epidemiologischen Studien?

Claus Claussen: Problematisch wird es dann, wenn die Radiologen bei diesen Studien außen vor bleiben. Denn wie geht man damit um, wenn etwa Befunde übersehen oder in ihrer Differentialdiagnose falsch eingeschätzt werden? Das ist auch eine wichtige ethische Fragestellung. Was geschieht mit Befunden, die im Rahmen dieser Studien übersehen werden und sich nachher zu einer entsprechenden Krankheit entwickeln? Was macht man mit Befunden, die weiter abgeklärt werden müssen oder mit Zufallsbefunden, die keine pathologische Relevanz haben? Diese Fragen sind bisher nicht geklärt, und wir als Radiologen setzen uns dafür ein, dass wir als Fachleute für Bildgebung an diesen epidemiologischen Studien beteiligt werden.

Kommen wir zu dem neuesten Hybridverfahren, der MR/PET: Welche Perspektiven bietet das Verfahren in der molekularen Bildgebung?

Claus Claussen: Dieses neue Hybridverfahren verbindet die Vorteile von MRT und PET. Die Ganzkörper-MR/PET bietet uns die Möglichkeit der morphologischen und funktionellen Bildgebung im Sinne des molecular imaging. Somit haben wir neben der PET/CT ein weiteres bildgebendes Verfahren, das insbesondere bei onkologischen und neurologischen Fragestellungen die bildgebende Diagnostik erweitert. Um die Potenziale dieser neuen Technologie voll auszuschöpfen, ist es aber notwendig, weitere spezifische radioaktive Tracer zu entwickeln. Die Radiopharmazie ist deshalb gefordert, diese Entwicklung in Kooperation mit Nuklearmedizinern und Radiologen weiter voranzubringen. Eine Radiopharmazie mit Zyklotron in der Nähe ist deshalb für die Weiterentwicklung der MR/PET als molekulares Bildgebungsverfahren von enormer Bedeutung.

Professor Claussen, wir danken für das Gespräch.

Veranstaltungshinweis
Saal Eberlein
Sa, 19.05.2012, 10:45 - 11:15 Uhr
Highlight-Vortrag
MR-PET: Ein neues Verfahren in der Ganzkörperdiagnostikv
Claussen C / Tübingen
Session: Ganzkörperdiagnostik I

 

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Im Profil

Seit 1988 ist Prof. Dr. Claus D. Claussen Ärztlicher Direktor der Radiologischen Universitätsklinik in Tübingen. Die Weiterentwicklung der Radiologie, insbesondere als wissenschaftliche Disziplin, und die Außendarstellung des Faches waren stets eine Herzensangelegenheit von Prof. Claussen. Insgesamt elf Jahre arbeitete er im Vorstand der Deutschen Röntgengesellschaft, von 2001 bis 2003 war er deren Präsident.

2009 fungierte er als Präsident des 90. Deutschen Röntgenkongresses. Bereits 1990 gründete er gemeinsam mit Kollegen die Konferenz der Lehrstuhlinhaber (KLR), deren Sprecher er bis 1997 war, um die Radiologie als Wissenschaftsfach voranzubringen. Für sein Engagement in der Radiologie erhält Prof. Claussen auf dem diesjährigen Kongress die Ehrenmitgliedschaft der Röntgengesellschaft.

Prof. Claussen begeistert sich allerdings nicht nur für Spitzenmedizin, sondern auch für Spitzensport. Gemeinsam mit Prof. Heinz-Peter Schlemmer betreibt er eine radiologische MR-Praxis in Stuttgart, die neben vielen Sportlern auch die Spieler des Erstligisten VfB Stuttgart betreut. Zusammen mit Kollegen anderer medizinischer Disziplinen (z. B. Internisten, Kardiologen, Sportmediziner, Angiologen, Orthopäden, Urologen) werden dort auch Vorsorgeuntersuchungen angeboten.
 

09.05.2012

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