Telematische Zukunftsmusik

Sinkende Kosten, steigende Qualität, erhöhter Nutzen

Die telematischen Möglichkeiten in der Medizin scheinen für einige heute aufwendige Behandlungen neue Lösungen zu bieten. Und für durch die demographische Entwicklung erst noch auftretende Probleme zeigt die elektronische Betreuung bereits heute therapeutische Auswege.

Professor Dr. Michael Nerlich, Universitätsklinik Regensburg, Direktor der...
Professor Dr. Michael Nerlich, Universitätsklinik Regensburg, Direktor der Abteilung Notfallchirurgie und Telemedzin
Die Akteure dieser medizinischen Kommunikationsschiene auf elektronischer Basis sind einerseits Arzt und Patient, Patient und privatwirtschaftliche Betreuungseinrichtung sowie das Dreigestirn Krankenhaus/Pflege- oder Rehabilitationseinrichtung mit Hausarzt und Patient.
Das von zu „Bayern innovativ“ gehörende „Forum MedTech Pharma e.V.“ veranstaltete in Regensburg die Fachtagung „Telemedizin in der Kardiologie“. Unter Forums-Vorstand Professor Dr. Michael Nerlich stellten die Akteure verschiedener telematischer Konstellationen und die Hersteller der heute vorhandenen Technologien Geräteprototypen und Pilotprojekte vor. Dabei glichen sich manche Installationen oder verfolgten einen ähnlichen Ansatz wenn auch mit unterschiedlichen Geräten, vor allem im Bereich der chronischen „Volkskrankheiten“ Koronare Herzkrankheit, Diabetes und Lungenleiden.
 
Telekommunikation über alle Sektorgrenzen
 
Ziel aller Systeme ist immer, bei steigender Qualität die Kosten zu senken zum größten Nutzen des Patienten. „Siemens Medical Solutions“ schätzt beispielsweise, dass durch die Nutzung der elektronischen Patientenakte kostenintensive und zeitraubende Prozesse von heute 25 Prozent auf 10 Prozent reduziert und die durchschnittliche Wartezeit von jetzt 35 auf 10 Minuten verkürzt werden können bei intensiver Kooperation zwischen Klinik und niedergelassenen Ärzten. Das erfordert zunächst einmal Investitionen in IT-Infrastruktur und Endgeräte, wobei die Siemens-Lösung immerhin modular aufgebaut und offen für verschiedene Krankenhausinformationssysteme ist.
Ungeklärt sind noch rechtliche Aspekte der Telemedizin wie das „Fernbehandlungsverbot“ sowie die ärztliche Dokumentationspflicht und Schweigepflicht auch in Bezug auf den Datenschutz. Die entsprechenden Gesetze zum Patientenrecht ergeben eine Reihe von Haftungsfragen, worüber noch viel zu berichten sein wird.
 
Alternde Gesellschaft erfordert elektronische Assistenz
 
Der Wirtschaftsdienst „Frost & Sullivan“ prognostiziert dem Markt für Telemedizin ein Volumen von 300 Milliarden Euro. Verständlich, dass von allen Seiten – Industrie, Gesundheitswesen, Politik, Verbände und Institute, dieser Entwicklung vor dem demographischen Hintergrund höchstes Interesse entgegengebracht wird. Die Veränderungen im Gesundheitswesen haben eine besondere Stärkung des ambulanten Bereiches zur Folge. Um dort medizinische Sicherheit zu leisten, werden verschiedene Ansätze verfolgt, wobei das Homemonitoring zur Betreuung chronisch Kranker und hier gerade beim großen Bereich Herzinsuffizienz eine feste Größe ist. Aber auch beim postoperativen Monitoring oder zur Überwachung bei früherer Entlassung aus dem Krankenhaus wird es immer wichtiger.
Allerdings wirft die Praxis auch Fragen auf wie die nach der Senkung der Mortalität, der Behandlungskosten und -dauer. Zu ihrer Beantwortung hat die Berliner Charité mit einem Industriepartner und einer Betriebs- sowie weiteren Krankenkasse das Telemedizinprojekt „Partnership for the Heart“ gegründet.
Auch fünf Fraunhofer-Institute haben ein Telemonitoringsystem zur Überwachung von Herz-/Kreislauferkrankungen entwickelt. Dabei ergaben sich im Rahmen der Anforderungsanalyse für die Dienstleistungsgestaltung und das Organisationskonzept einige Fragen bezüglich des Einsatzes: Wer bietet diese Dienstleistungen an? Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, ambulante Pflegedienste, Hausnotrufzentralen oder medizinische Call Center? Wie müssen die Angebote zugeschnitten und die Prozesse gestaltet werden?
In den USA und den skandinavischen Ländern gibt es mit Homemonitoring bereits länger Erfahrungen. Nämlich, dass Hausbesuche deutlich reduziert werden konnten, sich Pflegebedürftige aber dennoch sicherer fühlten. Es konnten wesentlich mehr Kranke versorgt werden als mit traditionellen ambulanten Systemen, und die räumliche Präsenz wurde ausgedehnt.
Telemedizinische Lösungen unterstützen Eigenständigkeit sowie Selbstkompetenz des Patienten und machen ihn damit zum Ko-Produzenten medizinischer Dienstleistungen. Somit ist hier die Akzeptanz gegeben, die aber auch durch konkreten Nutzen bei den betroffenen Berufsgruppen – Ärzten, Pflegekräften und anderen – hergestellt werden muß.
 
Neue Berufsfelder in der telemedizinischen Pflege
 
Dr. Barbara Klein vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart führte weiter aus, dass 1999 ein Pflegender 9 Patienten betreute, 2015 werden es 17 sein. Das macht eine besondere Qualifizierung für die neuen Teleaufgaben erforderlich. In einem Projekt wird ein Curriculum für den telemetrisch-medizinischen Datenmanager entwickelt, der als Schnittstelle mit Filterfunktion zwischen Arzt und Patient fungiert. Zum Aufgabenfeld gehört neben dem Abbau von technologischen Befürchtungen die Dokumentation des aktuellen technisch-medizinischen Zustandes, die Motivation und Beratung des Patienten. Im Rahmen der Projektlaufzeit sollen neue diagnostische und therapeutische Möglichkeiten etabliert sowie die Pflegekräfte qualifiziert und auf dieses neue Aufgabengebiet vorbereitet werden.
Einsatzfelder werden vor allem in der Kardiologie gesehen mit der Übermittlung biometrischer Daten oder auch von kardiologischen Informationen, die automatisch per telefonischer Fernabfrage der Defibrillatoren in medizinischen Zentren ausgewertet werden. So ist die telematische Versorgung von Patienten in ländlichen Gebieten durch ein zentrales Krankenhaus oder medizinische Betreuung chronisch Kranker im häuslichen Umfeld zu gewährleisten.
Ein weiteres Projekt im Rahmen des Fraunhofer Innovationsclusters Personal Health entwickelt die Qualifikation „Community Medicine Nurse“, die den Arzt entlasten soll. Sie könnte den Patienten in seiner Wohnung versorgen und bei Bedarf mit dem Hausarzt über eine Video- oder Audioverbindung am Computer kommunizieren. Ideen und Pilotprojekte gibt es inzwischen einige, ein großes Fragezeichen steht aber noch hinter dem Stichwort Finanzierbarkeit dieser Leistungen. Auch fehlende Abrechnungsmöglichkeiten und juristische Fragen hemmen die Umsetzung der elektronischen Dienstleistungen. So erwarten sich alle Partner in der Gesundheitsbranche von der Einführung der Elektronischen Patientenakte einen großen Innovationsschub.

26.10.2007

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