Schneller, preiswerter und deutlich präziser

Wie das Ganzkörperstaging die Therapie beim Rektumkarzinom revolutioniert

Beim Rektumkarzinom gilt die multimodale sequenzielle Diagnostik heute als Standard. Patienten mit einem durch Biopsie gesicherten Rektumkarzinom haben bereits einen ganzen Marathon an bildgebenden Untersuchungen hinter sich, bevor eine endgültige Diagnose gestellt und damit dann auch eine Therapie eingeleitet werden kann: Rektoskopie, endoskopischer Ultraschall des Enddarms, Ultraschall der Leber, Röntgen der Lunge und – sollte sich der Verdacht auf Läsionen in anderen Organen erhärten – auch noch eine Computertomographie.

Koronare T1-gewichtete GRE-Sequenz (Schichtdicke 5 mm). Verdickte Rektumwand...
Koronare T1-gewichtete GRE-Sequenz (Schichtdicke 5 mm). Verdickte Rektumwand mit unscharfer Abgrenzung zum perirektalen Fettgewebe, perirektale Lymphknoten.

Danach folgt für die Betroffenen die bange Zeit des Wartens bis zur endgültigen Diagnose und Behandlung. Nicht so bei Dr. Alexander Huppertz am Imaging Science Institute (ISI) der Charité Berlin. Hier wird mit der Ganzkörper-MRT nicht nur eine multifokussierte Diagnostik angeboten, sondern auch erheblich bei den Prozessabläufen eingespart. Von der Diagnose bis zur Therapieentscheidung braucht man hier nur einen Tag.

Während das Ganzkörper-MRT vielerorts unter der Devise „technisches Novum“ läuft, ist es am radiologischen Forschungszentrum der Charité Berlin bereits fest in die medizinischen Arbeitsabläufe integriert. Das bestätigt auch Dr. Huppertz, Geschäftsführer des Imaging Science Institute: „Weil die MRT-Untersuchung stets mit einem erheblichen technischen Aufwand assoziiert wird, wird sie im Allgemeinen immer noch als eine letzte Möglichkeit betrachtet, wenn alle anderen bildgebenden Verfahren bereits zur Anwendung gekommen sind.“ Weil Patienten mit einem Rektumkarzinom aber schon heute vielfach zum MRT für das lokale Tumorstaging kommen, war diese Krankheitsentität ein günstiger Ausgangspunkt für die Entscheidung von Huppertz und seinem Team, zusammen mit der Untersuchung des lokalen Tumors direkt auch eine Diagnostik der Leber, des Abdomens, der Lymphknoten und der Lunge in einem Arbeitsschritt durchzuführen. Dieses Procedere erlaubte ihnen nicht nur die zuverlässige Detektion von Metastasen in allen Organen, sondern gab auch Einblick in die gesamte Konstitution des Patienten. Dafür wurden die MRT-Protokolle im Imaging Science Institute zunehmend optimiert, zum Beispiel durch die Verwendung eines leberspezifischen MRT-Kontrastmittels, welches laut Huppertz den Goldstandard in der Lebertumordiagnostik darstellt.

MRT vs. sequentielle multimodale Diagnostik

Das radiologische Forschungsteam am Imaging Science Institute wollte es jedoch genauer wissen: In einem Studienkontext wurden daher 33 Patienten beiden Verfahren, der multimodalen sequentiellen Diagnostik und dem Ganzkörper-Staging, unterzogen. Damit wurde eine Basis geschaffen, die Kosten beider Modelle direkt zu vergleichen. Das Ergebnis hat selbst die Forschergruppe überrascht: Die Studie konnte nicht nur nachweisen, dass der Einsatz der Ganzkörper-MRT mit vorgeschalteter Rektoskopie eine mindestens gleichwertige Diagnostik darstellt, sondern auch, dass sich durch diesen Ansatz deutliche Kostenvorteile erzielen lassen. „Das war insofern verblüffend, weil beim multimodalen Ansatz eigentlich nur solche Untersuchungen angewendet werden, die allgemein als kostengünstig gelten. Die Modalitätskosten pro Minute sind beim MRT zwar sehr viel höher, der Hauptkostenpunkt in der Tumordiagnostik sind jedoch die Personalkosten. Durch die Summe der Untersuchungen (Rektoskopie + Endoskopie + Ultraschall + Röntgen + CT) kommen im Vergleich zu den 2 Untersuchungen (Rektoskopie + MRT) so viele Personalkosten zusammen, dass die MRT, die per se als ein teures Verfahren gilt, einen deutlichen Kostenvorteil von mehr als 30 % bringt.“

Weniger Untersuchungen, weniger Kosten, aber schnellere Prozesse

Aus den positiven Studienresultaten ist mittlerweile an der Charité ein Routineprozess geworden. Wobei es auch für Dr. Huppertz eine neue Erfahrung war, mit Kostenanalysen innerhalb seiner medizinischen Arbeit umzugehen. Letztendlich war das wirtschaftlich-ökonomische Argument jedoch ausschlaggebend, um die Krankenhausverwaltung von den Vorteilen des Ganzkörper-MR-Stagings zu überzeugen. Mit der neuen Methode kann der Patient beim Rektumkarzinom im Rahmen der festgelegten Budgetierung der Leistungsträger sehr viel kosteneffizienter behandelt werden.

Darüber hinaus werden Prozesse verschlankt und besser steuerbar, was nicht nur den Krankenhausmanager, sondern auch den Operateur und nicht zuletzt den Patienten selbst freut. „Mit Rektoskopie und Ganzkörper-MRT sind wir in der Lage, für jeden Patienten, der zur Untersuchung ins Krankenhaus kommt, noch am selben Tag eine Therapieentscheidung im Tumorboard zu fällen“, so Huppertz. „Es ist eben ein Unterschied, ob man Informationen aus 2 oder 5 Bildmodalitäten zusammentragen muss, die sich möglicherweise auch noch widersprechen. Darüber hinaus sind es nicht nur weniger Untersuchungen, sondern schlussendlich haben wir auch die besseren Bilder mit exzellenter Auflösung und Kontrast, an denen der Chirurg im günstigen Fall sofort seine chirurgische Strategie planen kann.“

Im günstigen Fall heißt, wenn ein lokal beschränkter Tumor vorliegt. Dann kann das Tumorgewebe direkt chirurgisch entfernt werden. Im schlechteren Fall hat sich der Tumor bereits entweder lokal weiter ausgedehnt oder Metastasen in Lunge und/oder Leber gestreut. Dann wird immerhin sofort mit einer vorgeschalteten neoadjuvanten Chemotherapie begonnen, bevor reseziert werden kann.

Alle diese Vorteile geben Anlass zu der Hoffnung, dass die Methode des Ganzkörperstagings beim Rektumkarzinom auch Eingang in die Guidelines der entsprechenden Fachgesellschaften finden wird. Dr. Huppertz: „In der Ganzkörper-MRT haben wir eine perfekte Konstellation aus Kosteneffizienz, Zeitersparnis und einem genaueren medizinischen Ergebnis im Vergleich zum sequenziellen Algorithmus gefunden.“
 

 

Im Profil

Dr. Alexander Huppertz studierte Humanmedizin an der Universität Berlin. Seine Ausbildung zum Facharzt für Diagnostische Radiologie absolvierte er am Klinikum rechts der Isar der TU München und am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 2002 bis 2004 unterstützte Huppertz die Schering AG, Berlin, zunächst als Klinischer Experte für Diagnostika und Radiopharmazeutika und später im Bereich Performance Management, „Corporate Clinical Operations“. Seit Juni 2004 ist der 39-Jährige Geschäftsführer des Imaging Science Institutes Charité, einer wissenschaftlichen Kooperation der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Siemens AG. Seine medizinischen Schwerpunkte sind MRT und CT des Abdomens, MRT und Röntgenkontrastmittel, Kardiovaskuläre MRT und CT sowie präoperative Planung in der Endoprothetik mittels CT und MRT.

18.01.2011

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