Neurologie

Schlaganfall muss neurologischen Erkrankungen zugeordnet werden

Die medizinischen Argumente dafür, dass Schlaganfall eine Erkrankung des Gehirns ist, sind absolut überzeugend." Das ist die zentrale Botschaft eines dringenden Appells führender Neurologie-Experten in der Fachzeitschrift Lancet.1 Die Autoren thematisieren darin ihre massiven Bedenken über einen aktuellen Entwurf der ICD, der internationalen Klassifikation von Erkrankungen, in dem WHO-Mitarbeiter unerwartete und unkoordinierte Änderungen der geplanten Klassifikation von Schlaganfällen vorgenommen hatten.

ICD-10, die derzeit geltende Klassifikation, beruht auf veralteter Evidenz und medizinischen Konzepten aus den 1980er Jahren. Der neue ICD-11-Schlüssel, an dem seit mehreren Jahren gearbeitet wird, soll Veränderungen in der medizinischen Wissenschaft und Praxis widerspiegeln.
 
„Wir haben aus sehr guten Gründen vor fünf Jahren in einem transparenten Prozess und nach umfangreichen Diskussionen vereinbart, dass in Zukunft alle Arten von Schlaganfall in der neuen Klassifikation einen einheitlichen Block bilden und den Erkrankungen des Nervensystems zugeordnet werden sollen“, so Prof. Raad Shakir, Leiter des zuständigen WHO-Beratungsgremiums und Präsident der Weltföderation für Neurologie (WFN). „Zerebrovaskuläre Erkrankungen gehen mit Funktionsstörungen des Gehirns einher. Auch die Zusammenhänge zwischen Schlaganfall und Demenz, insbesondere Alzheimer, werden immer klarer.“
 
Die einseitige Entscheidung von WHO-Mitarbeitern, die neu geschaffene Kategorie „zerebrovaskuläre Erkrankungen“ in der Systematik statt der Neurologie nunmehr den Kreislauferkrankungen zuzuordnen, sei nicht nur unverständlich, so Prof. Shakir, sondern erfülle auch nicht die Anforderungen an transparente Entscheidungsprozesse innerhalb der WHO.
 
„Der Hauptzweck jeder dauerhaften Klassifikation muss immer das Interesse der Patientinnen und Patienten sein. Wenn Schlaganfall nicht als Erkrankung des Gehirns anerkannt wird, wird man diesem Prinzip nicht gerecht”, warnen die Autoren des Lancet-Kommentars. „Die jüngste Entscheidung über die ICD-Einstufung des Schlaganfalls muss wieder revidiert werden, um die Patientenversorgung zu sichern und korrekte Daten für die Versorgungsplanung zur Verfügung zu haben.“
 

1 Revising the ICD: stroke is a brain disease. Raad Shakir, Steve Davis, Bo Norrving, Wolfgang Grisold, William M Carroll, Valery Feigin, Vladimir Hachinski; The Lancet, published online 13 October 2016: http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)31850-5/fulltext?rss=yes

Quelle: Weltföderation für Neurologie

18.10.2016

Mehr aktuelle Beiträge lesen

Verwandte Artikel

Photo

WeltSchlaganfallTag

COVID-19 und Schlaganfall: Begünstigt das Virus Schlaganfälle?

Wer an dem Coronavirus erkrankt, hat häufig ein erhöhtes Schlaganfallrisiko – das belegen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.

Photo

Forschungsprojekt "ConnectToBrain"

Helm bringt Hoffnung für Schlaganfall-Patienten

Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Erkrankung, die zum Tod führt, und die häufigste Erkrankung im Erwachsenenalter, die eine bleibende Behinderung nach sich zieht. Bisher ist es Medizinern…

Photo

Neurologie-Notdienst

Schlaganfall-Telemedizin: Warum besonders ländliche Regionen profitieren

Ein Schlaganfall ist immer ein medizinischer Notfall. Bei der Diagnose und Therapie eines Hirninfarkts entscheiden oft wenige Minuten darüber, wie groß der durch die Unterversorgung verursachte…