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Von links: Prof. Enzo Lüsebrink, Prof. Alexandra Philipsen und Prof. Lukas Radbruch fordern Umdenken in der kardiovaskulären Versorgung

Bildquelle: Herzzentrum am UKB / Felix Heyder 

News • Kardiovaskuläre Versorgung

Palliativmedizin = Sterbebegleitung? Das ist nicht die ganze Wahrheit

Internationale Autorengruppe fordert neue Wege in der kardiovaskulären Versorgung

Palliativmedizin wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit der letzten Lebensphase gleichgesetzt. Tatsächlich ist sie jedoch weit mehr als Sterbebegleitung. Moderne Palliativmedizin setzt nicht erst dann ein, wenn eine Erkrankung als unheilbar gilt und der Tod unmittelbar bevorsteht. Vielmehr zielt sie darauf ab, Leiden frühzeitig zu lindern, Symptome zu kontrollieren und Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen über einen oft langen Krankheitsverlauf hinweg zu begleiten. Häufig ist dies ein Prozess, der sich über Wochen und Monate erstecken kann. Eine internationale Autorengruppe unter der Leitung von Medizinerinnen und Medizinern des Universitätsklinikums Bonn (UKB) zeigt nun in einer umfassenden Übersichtsarbeit, dass dieses Verständnis insbesondere in der Herz-Kreislauf-Medizin noch nicht ausreichend verankert ist. Die Studie wurde im European Heart Journal veröffentlicht und basiert auf der Auswertung von über 1.000 wissenschaftlichen Publikationen und Datensätzen. 

Eine moderne kardiovaskuläre Medizin muss nicht nur das Überleben verlängern, sondern auch die Lebensqualität konsequent in den Mittelpunkt stellen

Lukas Radbruch, Alexandra Philipsen, Enzo Lüsebrink

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache, mit einer höheren Sterbewahrscheinlichkeit als viele Krebserkrankungen. Gleichzeitig hat sich ihre Behandlung in den vergangenen Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt. Moderne Medikamente, interventionelle Verfahren, implantierbare Defibrillatoren oder mechanische Herzunterstützungssysteme ermöglichen heute eine deutlich längere Versorgung der Patientinnen und Patienten. Dennoch leiden viele Betroffene über Jahre hinweg unter einer hohen Symptomlast, wiederholten Krankenhausaufenthalten sowie komplexen und belastenden Therapieentscheidungen. 

Hier setzt die Palliativmedizin an. Sie versteht sich nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zur kardiologischen Therapie. Ziel ist es, die Lebensqualität zu verbessern, Symptome wie Atemnot, Schmerzen, Erschöpfung oder Angst zu lindern und gemeinsam mit den Betroffenen tragfähige Therapieentscheidungen zu treffen. „Viele Menschen verbinden Palliativmedizin noch immer ausschließlich mit der allerletzten Lebensphase“, erklären die Erstautoren Endrit Cekaj, Frederik Sand und David H. V. Vogel. „Unsere Arbeit zeigt jedoch, dass palliativmedizinische Prinzipien bereits deutlich früher eingesetzt werden sollten, damit Patientinnen und Patienten über einen langen Zeitraum davon profitieren können.“

Ein zentrales Problem sieht die Autorengruppe im fehlenden Bewusstsein sowohl auf Seiten der Betroffenen als auch im klinischen Alltag. Während viele Menschen die Schwere und Sterblichkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen unterschätzen, wird das Potenzial palliativmedizinischer Unterstützung in der medizinischen Praxis häufig nicht ausgeschöpft. Dabei kann eine frühzeitige Integration nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen verbessern, sondern auch Ärztinnen und Ärzte entlasten, indem sie komplexe Entscheidungsprozesse strukturiert begleitet. 

Die Übersichtsarbeit hebt insbesondere die Bedeutung einer interdisziplinären Zusammenarbeit hervor. Gerade bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz, bei wiederholten Krankenhausaufenthalten oder bei der Entscheidung über invasive Therapien ist eine enge Abstimmung zwischen Kardiologie, Herzchirurgie, Palliativmedizin sowie psychosozialen und psychiatrischen Fachbereichen entscheidend. Neben der medizinischen Behandlung spielen auch Kommunikation, psychosoziale Unterstützung und die Einbindung von Angehörigen eine zentrale Rolle. 

Zugleich werfen moderne Therapien neue ethische Fragen auf. Lebensverlängernde Maßnahmen wie implantierbare Defibrillatoren oder mechanische Unterstützungssysteme können für Patientinnen und Patienten mit erheblichen Belastungen verbunden sein. In solchen Situationen hilft palliativmedizinische Expertise dabei, zwischen lebensverlängernden Maßnahmen und der Lebensqualität der Betroffenen abzuwägen und Behandlungsziele individuell auszurichten. 

Internationale Studien zeigen bereits, dass eine frühzeitige palliativmedizinische Begleitung zu einer besseren Symptomkontrolle, höherer Zufriedenheit von Patientinnen und Patienten und Angehörigen sowie zu weniger belastenden Krankenhausaufenthalten führen kann. Dennoch erfolgt die Einbindung palliativmedizinischer Angebote in der Kardiologie bislang häufig zu spät. „Eine moderne kardiovaskuläre Medizin muss nicht nur das Überleben verlängern, sondern auch die Lebensqualität konsequent in den Mittelpunkt stellen“, betonen die Letztautoren Prof. Lukas Radbruch, Prof. Alexandra Philipsen, und Prof. Enzo Lüsebrink. Prof. Radbruch und Prof. Philipsen sind beide Mitglied des Transdisziplinären Forschungsbereichs (TRA) „Life & Health“ der Universität Bonn. „Die frühzeitige Integration palliativmedizinischer Expertise kann Betroffenen sowie ihre Familien in schwierigen Krankheitsphasen erheblich unterstützen.“ 

Für die klinische Praxis empfiehlt die Autorengruppe daher eine stärkere strukturelle Verankerung palliativmedizinischer Inhalte in der Herzmedizin. Dazu gehören interdisziplinäre Versorgungsteams, gemeinsame Behandlungsmodelle sowie eine intensivere Ausbildung in Kommunikation und Symptomkontrolle. Auch in der medizinischen Ausbildung sollte Palliativmedizin stärker berücksichtigt werden. 

Die Botschaft ist für den Letztautor der Studie, Prof. Lüsebrink, sowie den Direktor der Klinik für Kardiologie des UKB, Prof. Georg Nickenig, klar: Palliativmedizin sollte in der Kardiologie Standard und nicht Ausnahme sein. Denn eine zukunftsfähige Herzmedizin wird sich nicht allein daran messen lassen, wie lange Menschen leben, sondern vor allem daran, wie gut sie leben können. 


Quelle: Universitätsklinikum Bonn 

26.03.2026

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