Sauerstoff ist bei der Bekämpfung von Krebs ein zentraler Faktor - allerdings womöglich nicht so, wie bisher gedacht, vermuten Forscher

Bildquelle: Martin Str auf Pixabay

Wissenschaftler geben Gas

Krebsforscher beschreiten paradoxen Weg zur Tumorbekämpfung

Ist weniger wirklich mehr? Um Tumore zu behandeln, reduzieren gängige Krebstherapien die Sauerstoffzufuhr zum kranken Gewebe. Ärzte des Universitätsspital Zürich (USZ) prüfen jetzt den genau umgekehrten Weg: Sie fördern die Sauerstoffzufuhr zum Tumor, statt sie zu verhindern.

Erste, im Fachmagazin Nature Communications publizierte Resultate weisen darauf hin, dass das hierfür eingesetzte Medikament sicher und verträglich ist.

Tumore in den Bauchorganen gehören zu den häufigsten und bösartigsten Krebserkrankungen: Allein in der Schweiz erkranken pro Jahr rund 6000 Menschen daran. Bei vielen Patienten ist der Tumor bis er erkannt wird bereits weit fortgeschritten. Dann entfernen die Ärzte den Tumor in der Regel mit einem operativen Eingriff und behandeln ihn medikamentös (zum Beispiel mit Chemotherapie) oder bestrahlen ihn. Die gängigen Behandlungen führen dazu, dass die Gefäßbildung in den Tumoren gehemmt wird und entsprechend weniger Sauerstoff zum Tumor gelangt. Davon versprach man sich lange eine Abschwächung des Tumorwachstums. Neuere Studien haben aber gezeigt, dass ein Sauerstoffmangel im Tumor dazu führen kann, dass der Tumor aggressiver wird und Ableger in anderen, sauerstoffreichen Geweben bildet.

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Anhand von Gewebeproben untersuchen die Forscher den Effekt der Therapie mit Inositol Trispyrophosphat (ITPP)

Bildquelle: Schneider et al., Nature Communications 2021 (CC BY 4.0)

Prof. Pierre-Alain Clavien, Direktor der Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie, sowie PD Dr. Dr. Përparim Limani und Dr. Marcel Schneider vom Schweizer Zentrum für Leber- und Pankreaskrankheiten am USZ entwickelten in enger Zusammenarbeit mit den Kollegen der Onkologie ein neues Therapiekonzept, das genau das Gegenteil des landläufigen Therapieansatzes verkörpert: Statt die Sauerstoffversorgung im Tumor durch die gängigen Behandlungen zu verringern, wird die Sauerstoffaufnahme im kranken Gewebe bewusst begünstigt. Dazu setzen die Ärzte das Molekül Inositol Trispyrophosphat (ITPP) ein, das die vom Krebs veränderten Blutgefäße im Tumor normalisieren soll. Damit erhoffen sie sich, die Wirksamkeit der Chemotherapie oder der Bestrahlung zu erhöhen und krebsfördernde Wege zu hemmen. Das Studienmedikament wurde von einer Forschungsgruppe des Nobelpreisträger Prof. Jean-Marie Lehn (Chemie) an der Universität Straßburg entdeckt und in enger Zusammenarbeit mit dem Biophysiker Prof. Claude Nicolau aus Boston entwickelt.

Im Rahmen einer klinischen Studie wurde das Krebsmedikament bei 30 Patienten angewendet. Das Ziel der Untersuchung: die Sicherheit und Verträglichkeit des Studienmedikaments zu prüfen. Hierzu wurde es Patienten mit Leber-, Bauchspeicheldrüsen- oder Gallengangkrebs sowie Patienten mit Metastasen von Dickdarmkrebs verabreicht. Anschließend haben sich diese einer individuell angepassten Chemotherapie unterzogen. Die Forschenden konnten zeigen, dass ITPP von den Patienten gut vertragen wurde und nur geringe relevante Nebenwirkungen hatte. In einem weiteren Schritt werden die Forschenden Ende des Jahres eine Studie starten, um die Sicherheit und die Wirksamkeit des Medikaments weiter zu untersuchen.


Quelle: Universitätsspital Zürich

06.07.2021

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