Transformation

Es geht voran: Das US-Gesundheitssystem wird digital

Die digitale Revolution des US-Gesundheitssektors schreitet voran. Diese Entwicklung wird von vielen Faktoren beflügelt: staatliche Regulierungen und finanzielle Anreize, technologische Innovationen. Eine Rolle spielen aber auch die Notwendigkeit einer steigenden Effizienz der Therapiesysteme, der Zwang zur Kostensenkung und die Anpassung der Kommunikation zwischen Anbietern, Patienten und Zahlungsdienstleistern an die Normen des 21. Jahrhunderts.

Bericht: Cynthia E. Keen

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Lawrence S. Friedman, MD ist Prodekan Klinik an der University of California San Diego (UCSD) Health Sciences.

Zwar ist der Prozess langsam, mühselig und noch lange nicht abgeschlossen, aber ein Fortschritt ist deutlich erkennbar. Lawrence S. Friedman, MD, Prodekan Klinik an der University of California San Diego (UCSD) Health Sciences, präsentiert auf der diesjährigen conhIT vier Hauptgründe, die für den Anstieg digitaler Techniken im Gesundheitssektor des letzten Jahrzehnts verantwortlich sind.

Das sind zum einen staatliche Regulierungen und finanzielle Zuschüsse sowie der Bedarf an transparenten und schnell verfügbaren Patientenakten und zum anderen Big-Data-Lösungen für eine quantitative und qualitative Verbesserung der Therapien sowie auch der Wandel der US-Anbieter, weg von einer volumenbasierten hin zu einer wertebasierten Versorgung. Diese vier Faktoren bauen aufeinander auf und erhöhen die Signifikanz, aber auch den Einfluss der Digitalisierung, wie Dr. Friedman in einem Interview mit European Hospital berichtet.

Die staatliche Regulierung: Zuckerbrot und Peitsche

Eine grundsätzliche Kurskorrektur für den Gesundheitssektor vollzog Barack Obama 2009 mit der Unterzeichnung des Health Information Technology for Economic and Clinical Health (HITECH). Die Gesetzgebung unterstützt Anbieter seitdem finanziell, um die IT im Gesundheitswesen voranzutreiben und belegt jene mit Strafzahlungen, die die Anforderungen nicht umsetzen. Das zeigte Wirkung: Wie das Büro des nationalen Koordinators für Health Information Technology berichtete, nutzten im Jahr 2008 nur neun Prozent der Krankenhäuser und 17 Prozent der niedergelassenen Ärzte eine elektronische Patientenakte (EHR). Diese Zahlen erhöhten sich in den folgenden Jahren auf 96 Prozent der Krankenhäuser und 78 Prozent der Niedergelassenen.

Transparenz der Patientendaten

Spezifische Behandlungen und deren Ergebnisse vergleichen zu können, hatte einen großen Effekt auf die Zuweisung und die Kontrolle der Verbesserungen in der Qualität des Gesundheitssektors

Lawrence S. Friedman

Dieser Digitalkurs ebnete zudem den Weg für eine Transparenz der Patientendaten, die mit den bisherigen Papierlösungen nicht denkbar gewesen wäre. Durch die Digitalisierung der Patientenakten und die Integration von EMRs mit speziellen Datenerhebungsverfahren für Labor- und radiologische Untersuchungen beispielsweise, um daraus umfängliche EHRs zu generieren, konnten nun Patientendaten schnellstmöglich für diejenigen zugänglich gemacht werden, die sie benötigten. Healthcare Manager waren darüber hinaus jetzt auch in der Lage, genaue Performance-Kriterien, Behandlungsergebnisse und die Effektivität von qualitativen Maßnahmen zu evaluieren. Mängel konnten identifiziert und ihr Einfluss quantifiziert werden, Maßnahmen zur Korrektur ließen sich in Echtzeit beobachten. Die Einhaltung von Richtlinien und Standards ließ sich plötzlich genauso gut kontrollieren wie die Durchführung von Behandlungsplänen. Zum ersten Mal konnten auch Patienten ihre eigenen Gesundheitsdaten selbst einsehen. Diese und dutzende andere Anwendungen wurden plötzlich möglich und wirtschaftlich machbar. 

“Spezifische Behandlungen und deren Ergebnisse vergleichen zu können, hatte einen großen Effekt auf die Zuweisung und die Kontrolle der Verbesserungen in der Qualität des Gesundheitssektors. Zum Beispiel messen sowohl die Integrated Healthcare Association als auch das Office for the Patient Advocate in California jeweils die Qualität von Gesundheitsanbietern und veröffentlichen diese Berichte, so dass sie für alle zugänglich sind: Patienten, Gesundheitsplaner und Anbieter“, so Dr. Friedman.

Big Data/Deep Learning/KI

Auch der Einsatz von „Big Data“ für Analysen wurde erst möglich durch die Beschaffung und Verfügbarkeit der Daten aus vielen unterschiedlichen Quellen, kombiniert mit radikalen Verbesserungen der dahinterstehenden IT-Technologie. „Ohne die Daten der EHR und ohne evidenzbasierte Gesundheitsinitiativen wäre dies nicht möglich gewesen”, macht Dr. Friedman deutlich. „Deep Learning, Präzisionsmedizin und künstliche Intelligenz (KI) haben sich als Resultat der EHR weiterentwickelt und erweitern nun die Anwendungsbereiche im Gesundheitssektor auf schwindelerregende Weise.“

Die medizinischen Universitäten in California (UC) San Diego, Davis, Irvine, Los Angeles und San Francisco haben allesamt eine Menge Daten angehäuft. Ausgeklügelte analytische Softwarelösungen helfen nun mittels Deep Learning und KI-Anwendungen dabei, die besten Behandlungsergebnisse für Patienten mit bestimmten Erkrankungen zu finden und Einsichten in die spezifischen Symptome zu vertiefen. Diese Initiativen befinden sich zwar noch im Frühstadium, doch zeigt sich Dr. Friedman davon überzeugt, dass die Technologie die evidenzbasierte, individualisierte Medizin revolutionieren und die Arbeit von Ärzten akkurater, effizienter und weniger kostspielig machen wird.

Quelle: Shutterstock/RomanR

Volumenbasierte und wertebasierte finanzielle Zuschüsse

Das US-Gesundheitssystem ist für sein kostspieliges, oftmals ineffektives und ineffizientes volumenbasiertes Zahlungsmodell bekannt. Die staatliche Regulierung hat mit ihrem klaren Auftrag zur verantwortlichen Pflege, einen Wandel hin zu einem wertbasierten Modell forciert. Einfach ausgedrückt: Anstatt die Anbieter für die Anzahl an erbrachten Behandlungen und Leistungen zu vergüten, besteht der finanzielle Anreiz jetzt darin, die Patienten gesund zu erhalten und dadurch die niedergelassenen Ärzte und Krankenhäuser zu entlasten.

Bei der Behandlung hat Qualität nun Vorrang vor Quantität. Die Digitalisierung macht es möglich, die Performance der Anbieter zu vergleichen. Denn das nationale Ziel ist klar: Die Kosten im Gesundheitssektor zu reduzieren, die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern und gleichzeitig die Ressourcen im Gesundheitssektor zu optimieren.


Profil:

Dr. Lawrence S. Friedman ist Professor der Medizin und Prodekan Klinik an der UCSD. Als Pädiater war er einer von vier Klinikern, die an der Evaluation und Umsetzung der elektronischen Patientenakte beteiligt waren. Er leitete zudem eine Initiative, um ein landesweites telemedizinisches Programm für Patienten und Anbieter zu etablieren. Dr. Friedman ist ein großer Verfechter der Transformation des Gesundheitssektors mittels Digitalisierung.

16.04.2018

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