Protonentherapie

Dresden behandelt im ersten Jahr 100 Patienten

Ein Jahr nachdem der erste Patient Mitte Dezember 2014 behandelt wurde, zieht die Universitäts ProtonenTherapie Dresden (UPTD) am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden eine erste Bilanz: In den vergangenen Monaten durchliefen 100 Patienten ihren im Durchschnitt etwa sechswöchigen Behandlungszyklus. Damit wurden rund 3.000 Bestrahlungen vorgenommen. Von der neuen hochwirksamen und doch schonend einsetzbaren Protonentherapie profitierten im ersten Jahr vor allem Menschen mit Tumoren im Hirn, der Schädelbasis, Speicheldrüsentumoren und viele Kinder mit unterschiedlichen Krebserkrankungen.

Prof. Mechthild Krause behandelt erste Patienten in der Universitäts...
Prof. Mechthild Krause behandelt erste Patienten in der Universitäts Protonentherapie Dresden.
Quelle: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Die Zahl der Behandelten soll 2016 deutlich steigen. Höchste...
Die Zahl der Behandelten soll 2016 deutlich steigen. Höchste Sicherheitsstandards garantieren Erfolg.
Quelle: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Über 30 Ärzte, Physiker, Wissenschaftler und Medizinische Fachangestellte sowie Technische Assistenten sind an der Versorgung der Patienten beteiligt. In diesem Jahr wurden vor allem Patienten der AOK PLUS behandelt, die als erste Krankenkasse einen entsprechenden Vertrag mit der UPTD abgeschlossen hat. 2016 soll nun eine Vereinbarung mit weiteren Kassen folgen, um in diesem Rahmen jährlich bis zu 100 weitere Krebspatienten zu behandeln. Für die erweiterten Kapazitäten nimmt die Universitäts ProtonenTherapie im Laufe des Jahres 2016 den Zweischicht-Betrieb auf.

„Wir waren sehr gut vorbereitet und wussten sehr gut, was uns erwartet“, antwortet Prof. Mechthild Krause, stellvertretende UPTD-Direktorin, auf die Frage, ob der Start der dritten universitären Protonentherapieanlage Deutschlands und einzigen in Ostdeutschland für große Überraschungen gesorgt hat. Diese Gelassenheit ist Frucht einer akribischen wie aufwendigen Vorbereitungsphase, die alle Beteiligten durchlaufen haben. Dabei stand die Sicherheit der Patienten ebenso an erster Stelle wie im regulären Betrieb der Anlage. Ein Beleg dafür ist die zweiwöchige Vorbereitungsphase für jeden einzelnen der 100 bisher in Dresden mit Protonen behandelten Krebspatienten – bei der herkömmlichen Bestrahlung mit Photonen dauert diese Phase selbst bei komplexen Therapien meist nur eine Woche. Ursache für den größeren Zeitaufwand für die Vorbereitung einer Protonentherapie ist unter anderem, dass hierfür jeder Bestrahlungsplan eine besonders aufwändige Qualitätssicherung durchläuft und vor der ersten Applikation im Patienten in ein Phantommodell abgestrahlt wird, um die applizierte Dosis genau zu messen. Zudem müssen für jeden Patienten eine individuelle Apparatur für die Form der Bestrahlungsfelder hergestellt werden. Obwohl das Team der UPTD derzeit nur Tumorarten bestrahlt, zu denen an anderen Protonentherapieanlagen bereits Erfahrungen gesammelt wurden, gelten hierbei die höchsten Sicherheitsstandards. Grund dafür ist die deutlich höhere Präzision des Protonenstrahls, von der sich die Experten geringere Nebenwirkungen erwarten. Aufgrund der damit verbundenen höheren Wirksamkeit müssen die Strahlentherapeuten jedoch die Genauigkeit der Protonenapplikation auf einem noch höheren Niveau sicherstellen.

Bei den aktuellen Therapiezyklen erhalten die UPTD-Patienten eine im Verhältnis zur Photonen-Bestrahlung vergleichbar hohe Dosis. „Derzeit geht es darum, die kurz- und langfristigen Nebenwirkungen zu reduzieren“, erklärt Prof. Krause. Bei der Strahlentherapie von Hirntumoren erhofft sich das Expertenteam beispielsweise eine Verringerung von Gedächtnisproblemen.. Diese therapiebedingte Nebenwirkung werten die Wissenschaftler derzeit bei allen mit Protonen bestrahlten Hirntumorpatienten aus und vergleichen sie mit den Patienten, die eine Photonentherapie erhielten. Wenn sich die Erwartungen auf die positiven Effekte der Protonentherapie erfüllen, sollen in einem zweiten Schritt Patientengruppen mit besonders aggressiven Erkrankungen identifiziert werden. An dieser Gruppe wollen die Experten des UPTD dann untersuchen, ob sich mit einer erhöhten Protonenstrahlendosis der Tumor besser bekämpfen lässt. Diese Weiterentwicklung erfolgt im engen Austausch mit anderen universitären Standorten. „Vor kurzem fand zum ersten Mal ein Treffen der Vertreter aller in Europa aktiven Protonenzentren in Brüssel statt. Wir haben uns dabei das Ziel gesetzt, in enger Kooperation Erfahrungen auszutauschen und zu bewerten. Die auf länderübergreifender Plattform erhobenen Erkenntnisse sollen den Einsatz der Protonentherapie auf wissenschaftlich gesicherter, breiter Basis voranbringen“, sagt UPTD-Direktor Prof. Michael Baumann.

Weil die Daten jedes Patienten und jedes Behandlungszyklus´ in diese wissenschaftlichen Netzwerke einfließen, sind im Vorfeld jeder Protonentherapie alle notwendigen Kriterien zu überprüfen und sorgfältig zu dokumentieren. Auch der Ablauf und die Effekte der Therapie müssen erhoben werden. Erst diese mit einem hohen Aufwand verbundene wissenschaftliche Begleitung jedes einzelnen Falls schafft die Basis dafür, die Wirksamkeit dieser innovativen Therapie mit den Behandlungen an den anderen Protonenzentren zu vergleichen und wissenschaftlich zu überprüfen. Dadurch sollen Patienten identifiziert werden, die besonders von der Behandlung mit Protonen profitieren.

Die Universitäts ProtonenTherapie Dresden behandelt derzeit eine Reihe von Tumoren bei Kindern. Hinzu kommen Tumoren der Schädelbasis und solche, die in der Nähe des Rückenmarks liegen, sowie Speicheldrüsentumoren. Im Fokus der UPTD stehen auch Tumoren, die sich aufgrund ihrer individuell komplizierten Lage mit der üblichen Strahlentherapie nicht oder nur unzureichend behandeln lassen, weil die dafür notwendige Strahlendosis nicht eingesetzt werden kann. Zudem behandeln die Experten ausgewählte Patienten mit lokal begrenzten Tumoren in vorbestrahltem Gewebe, bei denen eine erneute Photonentherapie zu einer deutlichen Erhöhung des Risikos schwerer chronischer Nebenwirkungen führen würde. „Es ist in manchen Fällen sogar möglich, schwangere Krebspatientinnen, die eine Strahlentherapie benötigen, mit Protonen zu bestrahlen. Hierbei erfolgt immer eine individuelle Abwägung von Nutzen und Risiken. Die in der Gebärmutter zu erwartenden Strahlendosen werden genau berechnet und die Patientinnen gemeinsam mit den Kollegen der Frauenklinik über die bestmögliche Therapieoption beraten“, berichtet Prof. Krause.

Beim derzeitigen Betrieb der Universitäts ProtonenTherapie sind zwölf bis 15 Mitarbeiter für eine Achtstunden-Schicht notwendig, um den Bestrahlungsplatz in diesem Zeitraum voll auszulasten. In der zweiten Schicht sind durchschnittlich fünf Mitarbeiter der Medizinphysik und Technik – auch an den Wochenenden – intensiv damit beschäftigt, die Bestrahlungen vorzubereiten und strahlentherapeutische Modalitäten zu messen. Damit schaffen die Experten die Grundlage dafür, künftig weitere Tumorarten behandeln zu können. Weitere rund 20 Mitarbeiter aller Berufsgruppen nutzen derzeit die Protonentherapieanlage für Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Hierunter sind Mitarbeiter der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus und des Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, die gemeinsam an hoch innovativen und oft weltweit einmaligen Projekten arbeiten.

„Ein Beispiel für die hohe Kompetenz und die exzellente Reputation der Universitäts ProtonenTherapie ist der Zuschlag für die Erprobung einer innovativen Technologie: Dresden ist der erste Standort auf der Welt, an dem der Weltmarktführer für Protonentherapie den Prototyp eines neuen Zusatzgerätes zur Kontrolle des Protonenstrahls im Patienten wissenschaftlich prüfen lässt“, erklärt Prof. Baumann.

Quelle: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

14.01.2016

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