
Bildquelle: DGNR
News • Häufige Hirnblutung
Chronisches Subduralhämatom: weniger Rückfälle dank Katheter-Eingriff
Neue minimalinvasive Therapie mit geringeren Rezidivraten, weniger Komplikationen
Neue Studien stärken eine minimalinvasive Behandlungsoption beim chronischen Subduralhämatom: die Embolisation der Arteria meningea media (MMA). Mehrere große randomisierte Studien zeigen, dass das Katheterverfahren das Risiko eines erneuten Auftretens der Blutung deutlich reduzieren kann. Parallel wird derzeit eine europäische Leitlinie zur Behandlung dieser häufigen Hirnblutung im Alter vorbereitet. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) hin.
Das chronische Subduralhämatom ist eine langsam wachsende Blutansammlung zwischen Gehirn und äußerer Hirnhaut. Die Erkrankung betrifft vor allem ältere Menschen. Die Häufigkeit nimmt mit der alternden Bevölkerung deutlich zu und wird voraussichtlich weiter steigen.1
Schon ein kleiner Sturz oder ein unbemerktes Trauma kann dazu führen, dass sich Blut in diesem Raum ansammelt und Druck auf das Gehirn ausübt. Typische Symptome sind Kopfschmerzen, Gangunsicherheit, Verwirrtheit oder neurologische Ausfälle. Unbehandelt kann eine solche Hirnblutung lebensbedrohlich werden.
Die Embolisation wird die Operation nicht vollständig ersetzen, da sie nicht unmittelbar zur Druckentlastung führt. Sie kann aber in vielen Fällen eine wichtige Ergänzung sein – vor allem, um Rückfälle zu verhindern
Markus Möhlenbruch
Neben der etablierten operativen Behandlung rückt seit einigen Jahren ein minimalinvasives Verfahren zunehmend in den Fokus der Forschung: die Embolisation der Arteria meningea media (MMA). Bei diesem Eingriff wird über einen dünnen Katheter – meist über eine Arterie in der Leiste oder am Handgelenk – ein Mikrokatheter bis in die Gefäße der Hirnhaut vorgeschoben. Zielgefäß ist die Arteria meningea media, die die Membranen um das Hämatom mit Blut versorgt.
Über den Katheter bringen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte ein flüssiges Embolisationsmaterial in diese Gefäße ein. Das Material verschließt die kleinen Gefäße dauerhaft. Dadurch wird die Blutversorgung der Hämatommembran unterbrochen. Das Hämatom kann sich anschließend häufig besser zurückbilden und das Risiko eines erneuten Auftretens sinkt.
„Die Embolisation wird die Operation nicht vollständig ersetzen, da sie nicht unmittelbar zur Druckentlastung führt“, erklärt Prof. Dr. Markus Möhlenbruch, Universitätsprofessor (W3) für Interventionelle Neuroradiologie und Leiter des MINTZ (Minimal Invasives NeuroTherapieZentrum) am Universitätsklinikum Heidelberg. „Sie kann aber in vielen Fällen eine wichtige Ergänzung sein – vor allem, um Rückfälle zu verhindern.“
Nach neuesten Studienergebnissen profitieren Patienten mit kleineren Subduralhämatomen, welche nicht unmittelbar operiert werden müssen, deutlich von einer MMA-Embolisation.2,3
Besonders relevant kann das Verfahren für Patientinnen und Patienten sein, die blutverdünnende Medikamente einnehmen. Dazu zählen beispielsweise Menschen mit Vorhofflimmern, künstlichen Herzklappen oder nach Herzinfarkt oder Schlaganfall. Diese Medikamente verhindern die Bildung von Blutgerinnseln und schützen so vor schweren Komplikationen wie Schlaganfällen.
Kommt es jedoch zu einem chronischen Subduralhämatom, stellt diese Therapie eine besondere Herausforderung dar: Blutverdünnende Medikamente erhöhen das Risiko weiterer Blutungen und müssen deshalb vor einer operativen Behandlung häufig vorübergehend pausiert werden, da sie während und nach der Operation zu unkontrollierten Blutungen führen können. Für die Betroffenen bedeutet das ein schwieriges medizinisches Abwägen: Einerseits darf die Hirnblutung nicht weiterwachsen, andererseits steigt ohne Blutverdünnung das Risiko für neue Gefäßverschlüsse, etwa einen Schlaganfall.
„Gerade für diese Patientengruppe kann die Embolisation ein wichtiger Baustein der Behandlung sein“, sagt Prof. Dr. Markus Möhlenbruch, Mitglied im erweiterten Vorstand der DGNR. „Sie kann helfen, das Risiko eines erneuten Hämatoms zu senken und ermöglicht es, notwendige Medikamente deutlich früher wieder einzunehmen.“
Eine große Herausforderung bei der Behandlung des chronischen Subduralhämatoms ist das Risiko eines Wiederauftretens der Blutung. Nach einer operativen Entlastung benötigen etwa 10% bis 20% der Patientinnen und Patienten einen erneuten Eingriff, weil sich das Hämatom wieder bildet.1
Mehrere aktuelle randomisierte Studien (STEM, EMBOLISE, MEMBRANE, OTEMACS, EMMA-CAN) zeigen nun, dass eine zusätzliche Embolisation dieses Risiko deutlich reduzieren kann. So zeigte beispielsweise die EMBOLISE-Studie, dass sich die Rezidivrate innerhalb von 90 Tagen von 11,3% auf 4,1% senken ließ, wenn zur Operation zusätzlich eine Embolisation durchgeführt wurde.2 Auch andere große Studien bestätigen dieses eindeutige Ergebnis. In der STEM-Studie lag die Rate aus erneutem Hämatom oder notwendiger Reoperation bei 16% mit Embolisation gegenüber 36% unter Standardtherapie.3
Die Methode verdeutlicht das große Potenzial minimalinvasiver, bildgestützter Therapien
Markus Möhlenbruch
Die verfügbaren Studiendaten zeigen zudem eine insgesamt niedrige Komplikationsrate. Schwere embolisationsbedingte Komplikationen treten in weniger als 2% der Fälle auf.1
Wichtig ist allerdings eine sorgfältige Auswahl der Patientinnen und Patienten. In seltenen Fällen bestehen anatomische Verbindungen zwischen der Arteria meningea media und der Augenarterie. Dann wird der Eingriff in der Regel nicht durchgeführt, da das Risiko für Sehstörungen zu hoch wäre.
Das chronische Subduralhämatom ist eine Erkrankung, die vor allem ältere Menschen betrifft und häufig mehrere Begleiterkrankungen mit sich bringt. Schonende Behandlungsverfahren können hier einen wichtigen Unterschied machen. „Die Methode verdeutlicht das große Potenzial minimalinvasiver, bildgestützter Therapien“, sagt Möhlenbruch. „Die Neuroradiologie ist hier sowohl in der Forschung als auch in der klinischen Versorgung maßgeblich eingebunden.“
Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie entwickelt sich die Evidenzlage derzeit dynamisch. Mehrere internationale Studien wurden kürzlich veröffentlicht oder laufen noch, und eine europäische Leitlinie zur Behandlung des chronischen Subduralhämatoms wird derzeit erarbeitet.
Literatur:
- Siddiq F, Shakir M, Nguyen TN, et al. Consensus Statement on Middle Meningeal Artery Embolization in Chronic Subdural Hematoma Treatment: A Guideline from the Society of Vascular and Interventional Neurology Guidelines and Practice Standards Committee. Stroke Vasc Interv Neurol. 2025;5(6):e001814. Published 2025 Sep 15. doi:10.1161/SVIN.125.001814
- Davies JM, Knopman J, Mokin M, et al. Adjunctive Middle Meningeal Artery Embolization for Subdural Hematoma. N Engl J Med. 2024;391(20):1890-1900. doi:10.1056/NEJMoa2313472
- Fiorella D, Monteith SJ, Hanel R, et al. Embolization of the Middle Meningeal Artery for Chronic Subdural Hematoma. N Engl J Med. 2025;392(9):855-864. doi:10.1056/NEJMoa2409845
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie
01.06.2026



