Bildgesteuert und minimalinvasiv

Chronische Rückenschmerzen erfolgreich therapieren

Bei therapieresistenten, chronischen Rückenschmerzen galten neurochirurgische Eingriffe lange Zeit als Ultima Ratio. Das hohe Verletzungsrisiko wurde mangels anderer Optionen sehenden Auges in Kauf genommen. Doch in einigen Fällen eröffnet inzwischen die interventionelle Radiologie Alternativen zur offenen Operation an der Wirbelsäule. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist Univ.-Prof. Dr. Siegfried Thurnher in Wien. Er und seine Mitarbeiter bieten als Schwerpunkt die schmerztherapeutische Behandlung chronischer Rückenschmerzen an.

Photo: Bildgesteuert und minimalinvasiv
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Chronische Rückenschmerzen machen insgesamt zwei Drittel der durchgeführten Interventionen – das sind über 2.000 im Jahr – aus. Vor diesem Hintergrund und mit 20 Jahren Erfahrung auf dem buchstäblichen Rücken wird Univ.-Prof. Dr. Siegfried Thurnher einen Überblick über schmerztherapeutische Behandlungen der Wirbelsäule geben.

Thurnher und sein Team behandeln schmerzverursachende Erkrankungen und Schäden, betreiben daneben aber auch reine Schmerztherapie, die sich nur auf den sogenannten »beleidigten Nerv« konzentriert. Die Patienten haben in der Regel bereits das konservative Behandlungsspektrum hinter sich. Es handelt sich um Menschen mit chronischen Rückenschmerzen ohne dringliche OP-Indikation wie beispielsweise eine akut aufgetretene Lähmung. Der Therapieplan wird mit dem Patienten anhand der Bilder genau besprochen und im gemeinsamen Entscheidungsprozess festgelegt. Die Behandlungen werden fast ausschließlich stationär durchgeführt, bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von ein bis zwei Tagen.

Das angebotene Behandlungsspektrum reicht von einfachen Infiltrationen im Bereich der Nervenwurzeln, der Blockade von Facettgelenken, um den Kapselnerv durch Lokalbetäubung temporär auszuschalten oder mithilfe einer erhitzten Nadel dauerhaft zu durchtrennen, über die Behandlung von Bandscheibenleiden und Zementierungen von Wirbelkörperfrakturen bis hin zur Platzierung von sogenannten Distanzhaltern zwischen den Dornfortsätzen. Eine europaweite Vorreiterrolle nimmt das Team um Thurnher speziell im Bereich der Bandscheibenbehandlung mit Ozon und des Einsatzes von Distanzhaltern ein.

Neben dem klassischen Absaugen eines Teils des Bandscheibenkerns mithilfe eines Mikrobohrers wird hier seit 2003 die sogenannte Chemonukleolyse mit Ozon durchgeführt. „Wir machen das mehrfach täglich“, merkt Thurnher an, „mit 800 bis 1.000 Behandlungen pro Jahr ist das eine recht häufige Indikation.“ Und er resümiert: „Wir erzielen damit bessere, wesentlich bessere Erfolge, als wenn man nur die Auswirkungen der Bandscheibenpathologie behandeln würde, nämlich den Nerv.“ Bei diesem Eingriff wird Ozon unter lokaler Anästhesie perkutan in die beschädigte Bandscheibe injiziert. Das Ozon bewirkt eine Verminderung des Wassergehalts im weichen Kern der Bandscheibe und damit eine Verringerung des gesamten Bandscheibenvolumens. Außerdem verbessert es die lokale Durchblutung und gewährleistet somit eine ausreichende Sauerstoffversorgung der Nervenwurzeln. Und schließlich vermindert das Ozon durch die Neutralisierung von Säuren Entzündungen im erkrankten Bereich.

Ein anderes Gebiet, auf dem Thurnher sich einen Namen gemacht hat, betrifft das Einsetzen sogenannter Distanzhalter. „Dieses Behandlungskonzept haben wir von den Neurochirurgen übernommen“, betont er. Ein Distanzhalter ist nichts anderes als ein Plastikröhrchen oder ein Plastikwürfel, der zwischen zwei Dornfortsätzen eingesetzt wird, sodass diese einen bestimmten Minimalabstand nicht unterschreiten können. Eine übermäßige Druckbelastung auf den Nerv wird somit effektiv verhindert. In der Regel betrifft das Patienten mit belastungsabhängigen Beschwerden. „Das ist eine sehr dankbare Indikation, weil man über diesen minimalen Eingriff auch bei betagten Menschen das Gehproblem beheben kann, die ohne diese Lösung nach ein paar Schritten zusammenbrechen, da ihnen das Ligamentum flavum, die Bandscheibe oder die Wirbelgelenke so auf die Nerven drücken, dass sie praktisch zusammenfallen“, erklärt Thurnher: „Im Gegensatz zu den Neurochirurgen führen wir den Distanzhalter von der Seite ein und zerstören damit eigentlich nichts, und der Bandapparat, der so wichtig für die Stabilität der Wirbelsäule ist, bleibt, anders als beim neurochirurgischen Eingriff, erhalten.“ Bisher ist die Abteilung von Prof. Thurnher die einzige, die diese Behandlung in Österreich anbietet.

Derzeit gibt es eine Vielzahl an Systemen, die als Distanzhalter genutzt werden. Die meisten Erfahrungen hat Thurnher mit In-Space: „Das ist ein rundliches System, das wie eine kleine Gewehrpatrone eingeführt und dann zwischen den Dornfortsätzen mit Häkchen gehalten wird.“ Der Vorteil ist hierbei, dass es minimalinvasiv einsetzbar ist und keine mikrochirurgischen Prozeduren erfordert. Zu Problemen kann derzeit noch das Material führen, ein spezielles Hartplastik, das seit Jahren für Hüftprothesen eingesetzt wird. „Wir haben schon erlebt, dass Patienten auf das Gesäß gefallen sind und der Dornfortsatz eine Delle bekommen hat oder gänzlich eingebrochen ist“, berichtet er. In dem Fall wird eine klassische Operation unausweichlich, um den Wirbelbogen zu entfernen, damit mehr Platz für die Nerven ist. „Doch genau diese OP können wir durch das Einführen des Implantats oft genug verhindern.“
 

Im Profil

Prim. Univ.-Prof. Dr. Siegfried Thurnher steht seit 2002 der Abteilung für Radiologie und Nuklearmedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien vor. Zuvor war er Leitender Stellvertreter der Abteilung Interventionelle Radiologie an der Universitätsklinik für Radiodiagnostik am AKH Wien. Neben seinem Facharzt für Radiologie schloss Prof. Thurnher 2007 seine Ausbildung zum Nuklearmediziner ab. Seit diesem Jahr ist er als zertifizierter Sachverständiger für interventionelle Radiologie berufen. Sein operatives Spektrum reicht von Eingriffen am Gefäßsystem über die minimalinvasive Schmerztherapie der Wirbelsäule bis zur MR- und CT-Angiografie.

Veranstaltungshinweis

Donnerstag, 7. Oktober 2010,
13:10 Uhr–14:10 Uhr: Schmerztherapie
Vorsitz: R. Portugaller, Graz, und C. Stroszczynski, Regensburg

13:10 Uhr: Radiologische Schmerztherapie
S. Thurnher, Wien

 

01.10.2010

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