HNO & Kiefer

Bessere Ortsauflösung und weniger Dosis

Das zahnärztliche Röntgen stand bislang nicht im Fokus der Radiologen. Üblicherweise erstellten Zahnärzte ihre Projektionsradiographien selbst, also intraorale 2D-Aufnahmen von einzelnen Zähnen oder Zahngruppen. Die noch recht neue digitale Volumentomographie (DVT) ist dagegen ein 3D-Verfahren, das eine wesentlich genauere Darstellung bietet.

Prof. Dr. Florian Dammann
Prof. Dr. Florian Dammann

Für die Anwendung dieser anspruchsvollen Methode braucht es tief greifendes zahnmedizinisches Wissen, gepaart mit radiologischem Know-how auf hohem Niveau. Für Prof. Dr. Florian Dammann, Chefarzt am Institut für Radiologie und Nuklearmedizin der Alb-Fils-Klinik in Göppingen, bietet die DVT die Chance, sich ein neues Arbeitsfeld zu erschließen.

Möglichkeiten ...

Die DVT hat sich aus der zweidimensional arbeitenden Orthopantomographie entwickelt. Mit ihr wird ein 3D-Datensatz generiert, aus dem dann verschiedene Bilder berechnet werden, die die Situation im Untersuchungsareal wesentlich genauer darstellen als das konventionelle Röntgen. Anwendung findet das Verfahren vor allem bei der Implantatplanung. Mithilfe der sehr detailreichen 3D-Informationen des Kiefers kann das richtige Implantat für die jeweilige Kieferausformung ausgewählt werden. Mögliche Entzündungsherde in der Nähe des Implantats oder auch Nebenhöhlenentzündungen können identifiziert und behandelt werden. Ein späteres Implantatversagen wird so vermieden. Auch im kieferorthopädischen Bereich hat die DVT gegenüber dem Röntgen viele Vorteile. Bei Kindern mit retinierten Zähnen, die sich aufgrund ihrer Lage im Kiefer nicht richtig entwickeln können, werden diese im Alter von acht bis zwölf Jahren in die richtige Lage bewegt. „Damit hier kein Fehler passiert, müssen Anatomie und Zahnstellungen genau bekannt sein“, betont Dammann, seit 20 Jahren im kopfzahnradiologischen Bereich tätig. Auch alltägliche zahnärztliche Probleme wie Entzündungen an den Zahnwurzelspitzen oder zwischen den Zahnwurzeln kann die DVT eindeutig identifizieren. Der übliche Zahnfilm liefert bisweilen kein ausreichendes Ergebnis. Eine zielgenaue und unzweifelhafte Diagnose, nach der umgehend behandelt werden kann, weiß aber jeder schmerzgeplagte Patient sehr zu schätzen.

… und Grenzen der DVT

Der Einsatzbereich der DVT ist auf HNO-Fragestellungen und auf die Kieferhöhlendiagnostik begrenzt. Der Grund hierfür liegt in der Technik des Verfahrens, die es unmöglich macht, Weichteilstrukturen wie etwa Entzündungen und Tumoren abzubilden. Da der Untersuchungsbereich der DVT nur so groß ist wie der Detektor, also circa 10 bis 14 cm, ist eine Ausweitung des Einsatzes auf andere Gebiete schwierig. Untersuchungen der Wirbelsäule verbieten sich zum Beispiel, da diese in der Längsachse viel zu groß für das Blickfeld sind. Vorstellbar und in ersten Versuchen auch schon erprobt sind allerdings Untersuchungen der Hand- und Sprunggelenke. Dafür wurde das Gerätedesign angepasst, um Füße beziehungsweise Hände aufnehmen zu können. Dammann: „Ob sich das Verfahren langfristig bewährt, muss abgewartet werden. Die weitere Entwicklung hängt sicherlich auch von den Kosten und der Anzahl der Anwendungen ab.“

DVT versus CT

Das Konkurrenzverfahren zur DVT ist die CT. Zwei Faktoren sind für den Vergleich der Verfahren relevant: die Bildqualität und die Röntgendosis. Das DVT-Gerät arbeitet mit einem Drittel der CT-Dosis. Theoretisch könnte auch bei der CT für die zahnärztlichen Fragestellungen mit einer geringeren Dosis gearbeitet werden. „Das setzt aber die Mitarbeit der Hersteller voraus, denn diese müssten die mögliche Mindestdosis an ihren Geräten herabsetzen und für die Anwender freischalten“, weiß Dammann. Klar im Vorteil gegenüber der CT ist die DVT mit Blick auf das zweite Kriterium, die Ortsauflösung. Allerdings zeigt die Qualität der Geräte eine große Bandbreite. Es gibt sehr preiswerte Geräte, die nicht nur mit einer höheren Dosis arbeiten, sondern zudem eine schlechte Bildauflösung haben. Gute Geräte können das Dreifache kosten. Gerade Ärzte, die sich nicht so gut mit dem Thema auskennen, sind froh, sich für kleines Geld ein Gerät in die Praxis stellen zu können. Keine gute Situation, da die Unterschiede zwischen den Geräten für den Patienten nicht erkennbar sind.

Detailtiefe ist gefragt

Der sichere Umgang mit der DVT will aber gelernt sein. Im Vergleich zur CT zeigt das Verfahren einige Besonderheiten, zum Beispiel bei der Darstellung von Artefakten. Von der Zahn-anatomie über die Zahndiagnostik bis zum Erkennen pathologischer Veränderungen – ohne umfassendes Wissen und Erfahrung geht es nicht. Angesichts des Humanmedizinstudiums, in dem die Radiologie keine prominente und Zahnmedizin gar keine Rolle spielt, tut sich die zahnärztliche Radiologie als ein weites und meist schlecht bestelltes Feld auf. „Wir haben die Situation erkannt und reagiert. Im Rahmen von Weiterbildungskongressen bieten wir den Radiologen einen systematischen Wissens-aufbau an“, so Dammann. Nach der Devise „Miteinander lernen“ werden die Angebote um Kurse, Bearbeitung und Besprechung von Case Studies, Literaturrecherche und den regen Austausch mit den Zuweisern ergänzt.

Auf Nummer sicher gehen

Langfristig kann der Radiologe mit entsprechender DVT-Expertise für viele Zahnärzte eine echte Alternative darstellen. Zum einen rentiert sich die Investition für ein solches Gerät nicht immer. Zum anderen ist der Radiologe infolge seiner Erfahrung in der Lage, auch die angrenzenden Fachbereiche im Rahmen einer DVT-Untersuchung mit abzuklopfen. Ein zusätzlicher Nutzen für den Zahnarzt, der sich als echter Spezialist in erster Linie in seinem Metier auskennt.

 

PROFIL:

Prof. Dr. Florian Dammann schloss 1988 sein Studium der Humanmedizin und der Ethnologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ab. 2002 habilitierte er sich im Fach Radiologische Diagnostik (Kopf-Hals-Diagnostik). Im August 2005 wurde Dammann zum Chefarzt des Radiologischen Instituts mit Nuklearmedizin der Klinik am Eichert, Göppingen, sowie der angebundenen Radiologischen Abteilung der Helfensteinklinik, Geislingen, berufen. Seit Mai 2013 ist er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kopf-Hals-Radiologie der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG). Seine klinischen und wissenschaftlichen Schwerpunkte sind HNO- und MKG-Diagnostik, bildgestützte OP-Planung mit 3D-Diagnostik, Navigation, Robotik und Rapid Prototyping.

26.11.2014

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