Fettleibigkeit

Adipositaschirurgie: Letzter Ausweg oder einzige Chance?

Paradigmenwechsel von der konservativen zur chirurgischen Behandlung

Bericht: Karoline Laarmann

portrait of rudolf weiner
Prof. Dr. Rudolf A. Weiner

Erst wenn keine Diät oder Lebensstil-Intervention geholfen hat, um das starke Übergewicht langfristig zu reduzieren, wird heutzutage die bariatrische Chirurgie in Erwägung gezogen. Viel zu spät, wie Prof. Dr. Rudolf A. Weiner, Chefarzt der Chirurgischen Klinik am Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt am Main und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie der Adipositas, findet. Die Operation sei zwar oftmals der letzte Schritt in einer langen Behandlungskette, aber auch der einzige, der überhaupt zu einem langfristigen Erfolg sowie zur effektiven Senkung von Behandlungs- und Folgekosten führe. 

„Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die ebenso wie Diabetes mellitus nach dem derzeitigen Wissensstand nicht heilbar ist,“ stellt Prof. Weiner klar, der in diesem Jahr Tagungspräsident des Weltkongresses der International Federation for Surgery of Obesity and Metabolic Disorders (31. August – 3. September) in Hamburg sein wird. „Man kann versuchen, das Übergewicht und die leichte Adipositas mit konservativen Programmen in den Griff zu kriegen, bei extremer Fettleibigkeit zeigt aber nur die Chirurgie dauerhafte Ergebnisse. Die konservative Therapie kann den Operationserfolg sichern, aber niemals ersetzen.“

Diese nachgewiesene Tatsache stoße in Deutschland jedoch vielerorts auf taube Ohren, kritisiert der Experte. Als Folge werden hier viele Patienten zu spät operiert. Die Betroffenen sind dann älter und liegen im Durchschnitt 7 Punkte über dem Body-Maß-Index (BMI) im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. In diesem Zustand sind bereits viele von ihnen stark geschädigt und leiden unter verschiedenen Folgeerkrankungen. So haben nur 15 % der deutschen Patienten, die operiert werden, keine schweren Begleiterkrankungen entwickelt, während es im internationalen Vergleich etwa 40 % seien. Dabei geben die Leitlinien einen klaren Kurs vor: Bei BMI < 35 kg/m² mit schweren Begleiterkrankungen und bei BMI < 40 kg/m² ohne Begleiterkrankung zeigen sich nur noch chirurgische Behandlungsmethoden als wirklich effektiv.

So zeichnet sich zum Beispiel in Deutschland der Trend ab, von Magenbandoperationen auf Bypässe umzusatteln, während sich das Magenband in den USA wachsender Beliebtheit erfreut

Rudolf A. Weiner

Nach neuen Erkenntnissen der Internationalen Diabetes Föderation kann ein bariatrischer Eingriff in ausgewählten Fällen auch bei übergewichtigen Patienten mit einem geringeren BMI zwischen 30 - 35 kg/m² in Erwägung gezogen werden, wenn eine Diabetes Typ 2 Erkrankung vorliegt, die sich schlecht einstellen lässt und bei der alle konservativen Maßnahmen versagen. Dieser innovative Ansatz ist jedoch noch stark umstritten. Viele Gegner argumentieren, dass dabei an gesunden Organen operiert wird. Trotzdem schlagen sich die Diabetologen zusehends auf die Seite der Adipositaschirurgie. „Die Operationstechniken sind heute so sicher geworden, dass in einem High-Volume Center die Sterblichkeit bei 01,- 0,3 % liegt. Das ist viel weniger als bei einer Gallenblasen- oder Hüftoperation. Patienten, die dagegen nicht operiert werden, haben eine um 100% höhere Sterblichkeitsrate, wie zum Beispiel eine Studie aus Kanada (Raj S. Padwal; 2005) gezeigt hat.

Auch zur Adipositaschirurgie bei Kindern und Jugendlichen gibt es unterschiedliche Auffassungen. Nachdem Prof. Weiner in den letzten zehn Jahren 84 stark übergewichtige Patienten unter 18 Jahren behandelt hat, ist er nach wie vor der Meinung, dass man Operationen frühzeitig durchführen sollte. Man sollte hier jedoch aus seiner Sicht reversible Verfahren wie das Magenband einsetzen, die die Anatomie des Körpers nicht verändern.

Die genaue Abwägung, welche Therapieform bei welchem Patienten in Frage kommt, lässt sich anhand des individuellen Risikoprofils treffen. Dabei spielen insbesondere das aktuelle Körpergewicht, der Gewichtsverlauf und die Nebenerkrankungen eine große Rolle. Aber auch länderspezifische Unterschiede gibt es beim Operationsverfahren der Wahl zu beobachten, berichtet Prof. Weiner abschließend: „Das hat sozioökonomische Gründe. So zeichnet sich zum Beispiel in Deutschland der Trend ab, von Magenbandoperationen auf Bypässe umzusatteln, während sich das Magenband in den USA wachsender Beliebtheit erfreut, da hier die Zulassungsverfahren endlich bewilligt sind. Außerdem haben wir in Deutschland im vergangenen Jahr die obere Grenze der Schlauchmagenbildung erreicht, bei der der große gewölbte Teil des Magens, in dem auch das appetitanregende Hormon Ghrelin gebildet wird, entfernt wird. Dadurch verspürt der Patient nach dem Eingriff weniger Hunger und kann nur eine begrenzte Nahrungsmenge aufnehmen. In anderen Ländern dagegen beginnt man jetzt vermehrt mit der Gastroplikation, also mit der Einstülpung des Magens durch Zunähen oder Beseitigung einer Magenfalte.“

Als relativ junge Disziplin wird die bariatrische Chirurgie sicher noch einige Überraschungen und Entwicklungen im Bereich der Methodik und der Anwendungsgebiete offen halten, die die Experten auf dem IFSO 2011 bereits im Spätsommer beschäftigen wird.

16.06.2011

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