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Zukunft der Krankenhäuser

Stärkt das KHZG die Digitalisierung von Universitätskliniken?

Das von der Regierung aufgesetzte Investitionsprogramm bringt den Krankenhäusern mit 4,3 Milliarden Euro zusätzliches Geld. Einerseits. Andererseits baut es Handlungsdruck auf. Denn: Wer fördert, der fordert irgendwann auch. Vermutlich ab 2025 ist für Kernprozesse, die nicht digital abgebildet werden können, mit Sanktionen zu rechnen.

Dr. Peter Gocke, Chief Digital Officer (CDO) und Leiter der Stabsstelle, „Digitale Transformation“, Charité – Universitätsmedizin Berlin, sieht im Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) dennoch große Chancen. Denn sind die jeweiligen internen Prozesse erst mal digital umgesetzt, steht einem national vernetzten Gesundheitswesen nichts mehr im Wege.

„Muss-“ und „Kann-Kriterien“

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Dr. Peter Gocke ist Chief Digital Officer (CDO) und Leiter der Stabsstelle, „Digitale Transformation“ an der Charité – Universitätsmedizin Berlin
Quelle: Charité – Universitätsmedizin Berlin

Für elf Fördertatbestände, können Anträge gestellt werden, die mit der Erfüllung bestimmter Kriterien verknüpft sind. Ein Beispiel: Ein Patientenportal muss den Patienten ermöglichen, Dokumente, bereits zu Hause digital auszufüllen. „Wenn das flächendeckend von Krankenhäusern umgesetzt würde, verbunden mit einem elektronischen Terminmanagement und der Einstellung wichtiger Dokumente in die elektronische Patientenakte (ePA), dann führte dies zu einer deutlich patientenorientierten Medizin“, ist Gocke überzeugt. Daneben gibt es Kann-Kriterien. „Diese knüpfen an die Muss-Kriterien an, sind aber oft das Sahnehäubchen. Ob diese im Förderzeitraum schon überall umgesetzt werden können, ist fraglich“, meint Gocke. Beispiel für eine Kann-Vorschrift für ein Patientenportal: Der Patient ist in der Lage, seine Dokumente zu Hause rechtskräftig zu unterschreiben – ein sehr sinnvolles Feature, auch aus Sicht der Charité. Dennoch steht die Abarbeitung der Muss-Kriterien im Fokus. Nur wenn Aufwand und Nutzen in einer vernünftigen Relation stehen, werden auch Kann-Kriterien in Angriff genommen.

Herausforderungen intern und extern

Wenn ab 2023 datenschutzkonforme Messenger-Dienste auch für die Kommunikation mit Patienten genutzt werden können, dann sollte das jetzt bereits mitbedacht werden

Peter Gocke

Voraussetzung für das Ziel der digital vernetzten Patientenversorgung ist ein übergreifendes Konstrukt für alle teilnehmenden Krankenhäuser. Neben der Digitalisierung der internen Prozesse geht es dabei auch um externe Kommunikation, Stichwort ePA. Zum KHZG kommt bis 2025 auch die Weiterentwicklung der Telematik-Infrastruktur rund um die ePA in mehreren Ausbaustufen hinzu. Gocke erläutert: “Wenn ab 2023 datenschutzkonforme Messenger-Dienste auch für die Kommunikation mit Patienten genutzt werden können, dann sollte das jetzt bereits mitbedacht werden.“ Aus seiner Sicht sinnvoll: Eine datenschutzkonforme Open-Source-Implementierung, wie sie beispielsweise auf Basis des [matrix]–Protokolls möglich ist. Jedes Krankenhaus ist damit in der Lage, intern und – Ende zu Ende verschlüsselt – auch extern zu kommunizieren, also etwa mit anderen Einrichtungen oder mit Patienten.

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Großes Potenzial „Medikationsplan“

Die Charité, wie viele andere große Kliniken, verfügt bereits über eine sehr ausgedehnte KIS-Landschaft. Trotzdem gibt es noch Lücken. Gocke sieht großes Potenzial beim Medikationsprozess, der in der Regel noch überwiegend auf Papier stattfindet. Die elektronische Abbildung der Medikation hat eine Reihe von Vorteilen: Ein gar nicht so unwichtiger Punkt im Klinikalltag: Sie ist für jeden eindeutig lesbar. Außerdem überprüft ein System im Hintergrund, ob der Medikationsplan Kontraindikationen oder unerwünschte Wechselwirkungen aufweist. Zusätzlich kann die Abgabe eines Medikaments direkt bei Verordnung bereits auf einen bestimmten Zeitraum fest begrenzt werden. Weitere Aspekte, die automatisch berücksichtigt werden: Passt die Dosierung zum Gewicht des Patienten und zur Nierenfunktion? Welche Allergien liegen vor? „Meiner Meinung nach trägt eine elektronische Unterstützung sehr zur Verbesserung der Medikationsprozesse bei“, so der CDO. Allerdings ist dieser in Kliniken oftmals komplex und unterliegt strengen Vorgaben. Das optimal abzubilden, ist eine große Herausforderung. Zwar gibt es Firmen, die sich auf die Entwicklung von Medikationsmodulen spezialisiert haben, sie erfordern allerdings Schnittstellen zwischen den verschiedenen Systemen und davon wollte man eigentlich wegkommen. Auch noch nicht optimal ist die Zusammenführung der Medikationsdaten mit anderen Datenquellen wie etwa Laborwerten, radiologischen Befunden und EKG-Ergebnissen. Strukturierte, auf internationalen und interoperablen Standards basierende Datenmodelle wären hier die Lösung: das ist auch die Idee hinter den Medizinischen Informationsobjekten (MIOs), den digitalen Bausteinen die universell nutz- und kombinierbar sind und mit deren Hilfe immer mehr standardisierte Daten ihren Weg in die Patientenakten finden.

Fokusgruppen definieren Prozesse

Mitarbeiter, die die Prozesse am besten kennen und leben, sollen auch deren Optimierung und digitale Umsetzung mitbestimmen

Peter Gocke

Reine Information über die geplanten Aktivitäten reicht für eine erfolgreiche Umsetzung innerhalb der Einrichtung nicht aus und wäre auch unklug. Gocke: „Mitarbeiter, die die Prozesse am besten kennen und leben, sollen auch deren Optimierung und digitale Umsetzung mitbestimmen.“ Gemäß dieser Devise erfolgt in der Charité die Ausgestaltung der Fördertatbestände durch die Mitarbeiter in interdisziplinären Fokusgruppen. Beispiel Patientenportal: Beginnend mit der Patientenaufnahme wird der optimale Prozess von administrativen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Ärzten und Pflegekräften dezidiert abgebildet, beschrieben und konsentiert. Erst dann kommen IT und Technik ins Spiel. „Das haben wir für alle Fördertatbestände durchdekliniert – unter der Gesamtleitung des Chief Medical Information Officer, zuständig für die Digitalisierung der Krankenversorgung und unter der Mitarbeit weiterer Bereiche wie auch der von mir geleiteten Stabsstelle Digitale Transformation“, bekräftigt Gocke.

Versorgung und Forschung Hand in Hand

Immens viele Daten in strukturierten und interoperablen Formaten – das ist die unabdingbare Voraussetzung, um die Forschung und damit auch eine bessere Medizinische Versorgung voranzutreiben. Daran wird in der Charité schon seit längerem gearbeitet. Mithilfe der Health Data Plattform werden strukturierte Daten aus Versorgung und Forschung in einem Datenmodell zusammengeführt. Auch die Medizininformatikinitiative sorgt dafür, dass Konsortien aus mehreren großen Universitätsklinken ihre Daten in standardisierten Formaten zusammenführen. Die Vernetzung der Konsortien miteinander schafft einen nochmals erweiterten und sehr großen Datenraum. Gocke: „Das KHZG sorgt für weitere Schubkraft und nimmt auch Kliniken mit, die die Daten überhaupt erst einmal in ein strukturiertes Format bekommen müssen, damit sie ebenfalls zur Erweiterung dieser Datenbasis beitragen können.“ Hinzukommen zukünftig auch die Daten aus der Nachbetreuung der Patientinnen und Patienten über PROMs (Patient Related Outcome Measurements). Auch diese sollten in die Versorgung und in die Forschung einfließen. Diese Entwicklung konsequent weitergedacht, mündet in einem europäischen Datenraum, der international wettbewerbsfähige Forschung mit ausreichend großen Datenmengen ermöglicht. Silolösungen der Industrie, wie sie bisher im Angebot waren, müssen unbedingt vermieden werden. Interoperabilität ist das A&O für die digitale Nutzung von Daten. Inzwischen arbeiten die ersten Anbieter mit offenen Datenmodellen und definierten Standards. Darauf aufbauend werden Werkzeug- und Applikationsebenen aufgesetzt. „Open-Source-Modelle mit definierten Standards – das ist an dieser Stelle der richtige Weg“, ist der Digitalisierungsexperte überzeugt.

Was kann realistischerweise erreicht werden?

Mit dem KHZG wird uns eine zusätzliche Finanzierung an die Hand gegeben. Diese Chance werden wir nutzen

Peter Gocke

Nach Ablauf der Förderperiode des KHZG, Ende 2024, wird dieser Prozess noch nicht abgeschlossen sein. Gocke hofft jedoch, bis dahin einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht zu haben. „Wir wissen inzwischen, wie sinnvoll hochwertige strukturierte Daten sind, um Patienten sicher zu versorgen. Mit dem KHZG wird uns eine zusätzliche Finanzierung an die Hand gegeben. Diese Chance werden wir nutzen“. Ziele, die er sich bis 2024 gesteckt hat: Mehr und bessere Services für die Patienten. Das heißt konkret, Termine können online vereinbart und Patientendaten online übermittelt werden – was explizit auch die Patienten mit einbezieht. Algorithmen ermöglichen das Vorsortieren der strukturierten Patientendaten, um das medizinische Problem das Patienten schnell und sicher abzugrenzen. „Das manuelle Auslesen verschiedener Dateien aus den verschiedensten Quellen gehört dann der Vergangenheit an“.


Profil:

Dr. med. Peter Gocke ist der erste Chief Digital Officer (CDO) im deutschen Gesundheitswesen an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Zuvor war er viele Jahre als Radiologe an der Universitätsklinik Essen tätig, wo er die Digitalisierung der Radiologie vorantrieb. Anschließend war er auch am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) eine der treibenden Kräfte für den digitalen Umbau zum papierlosen Krankenhaus – eine Initiative, die 2011 mit dem Medica Excellence Award sowie dem HIMSS EMRAM Award der Stufe 7 honoriert wurde. Dr. Gocke ist Mitglied des Advisory Board der HIMSS Europe, Leiter des Digital Health and Data Networks (DHDN) der EUHA (European University Hospital Alliance), Buchautor und Vortragsredner sowie im Herausgebergremium der kma (klinik management aktuell) und als Gutachter für das BMG (Bundesministerium für Gesundheit) tätig.

19.05.2021

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